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(Foto: Goiaba, Quell: Flickr: CC BY 2.0)

Wie Facebook unsere Zukunft verkauft, hat Sascha Lobo in seinem Text
über „Facebooks Vermessung der Gefühlswelt“ ja gerade sehr schön
dargelegt. Es wird Zeit, dass wir sie uns zurückkaufen. Die Chance dazu wird uns
bald gegeben: Durch den Börsengang.

Die Idee dazu ist ganz einfach (wenn auch eher ein
Gedankenexperiment): Wenn die 900 Millionen Menschen auf der Welt, die
aktuell Mitglieder bei Facebook sind, nun auch Facebook-Aktien kaufen
würden, würde aus dem kapitalen Netzwerk wirklich ein soziales Netz
für die Gemeinschaft seiner Mitglieder. Aus dem Anteilsschein für
privilegierte Investoren würde ein Volksaktie. Die Nutzer könnten
Facebook also ausgerechnet  mit einem kleinen Umweg über den
Kapitalmarkt sozialisieren, zu ihrem Eigentum machen, es für sich
nutzen und nach ihren Vorstellungen gestalten.

Die Aktionäre wären fortan an den Gewinnen, die das Unternehmen mit
den von ihnen erstellten Inhalten erzielt, beteiligt. Läuft es gut,
winkt die Dividende – wird zu wenig auf Facebook (mit-)geteilt, fällt
der Gewinn vielleicht magerer aus. Auch die Regeln für das
Zusammenleben in dieser Netzgemeinschaft bis hin zu den leidigen AGB –
alles könnten die Mitglieder-Aktiönäre unter sich ausmachen.

Member-Shares 

Es ist ein alte Forderung der Gewerkschaften, Mitarbeiter an
Unternehmen zu beteiligen. Bei vielen Börsengängen gibt es
„Friends&Familiy“-Programme – warum nicht auch „Member-Shares“ bei
Unternehmen wie Facebook. Eigentlich wäre das mal ein feiner Zug
gewesen, den Menschen, die Facebook groß gemacht haben und die es mit
sekündlich mit Inhalten füllen, etwas zurückzugeben.

Leider wird die Idee der Facebook-Volksaktien in der harten Realität
der Börsen nicht zu ohne weiteres umzusetzen sein. Denn zum einen
stehen nicht genügend Anteile zum Verkauf und zum anderen würde eine
massenhafte Nachfrage natürlich den Preis in noch absurdere Höhen
treiben als derzeit ohnehin schon.

Obwohl also Mark Zuckerberg den Volksaktionär gar nicht fürchten muss,
haben er und seine Vertrauten vor kaum etwas so viel Angst, wie vor
der Mitsprache und dem Einfluss der Aktionäre. Und sie haben deshalb,
ohne viel Aufsehen zu erregen, Vorsorge getroffen.

Das Aktienrecht hilft ihnen dabei, sich vor lästigem Fremdeinfluss zu
schützen. Zuckerberg besitzt zwar „nur“ noch einen Anteil von knapp 29
Prozent an dem Unternehmen aber er kontrolliert mindestens insgesamt
57,1 Prozent der Stimmrechte über Vereinbarungen mit anderen
Aktionären. Er habe, so berichtet zdnet, anderen Investoren ihr Stimmrecht für 100 Dollar in bar abgekauft.

Darunter einige der frühen Investoren in das Unternehmen, wie der
Napster-Mitgründer Sean Parker, der gleichzeitig erster
Facebook-Präsident war (die Informationen finden sich alle in den
SEC-Files, man müßte sich nur die Mühe machen, das alles zu lesen).
„Das zeige, welche Überzeugungskraft Zuckerberg habe, den Investoren
klar zu machen, dass er am besten wisse, was gut für das Unternehmen
ist“, schreibt zdnet.

Genau das ist der Punkt: Ein Kopf entscheidet über 900 Millionen
anderer Köpfe hinweg. Facebook ist eben keine soziales Netzwerk,
sondern ein Unternehmen zur Datenerhebung und Verarbeitung mit
angeschlossener Werbeabteilung. Und es umgeht sogar in Teilen die
Mitbestimmungsregeln des Kapitalmarkt.

Und so werden wir nun bald verkauft und mutieren zu einem „Asset“ in
einem börsennotierten Unternehmen. Wie fühlt sich das eigentlich an?
Ich bin gespannt. Und vielleicht kaufe ich doch eine Aktie, auch wenn
ich nicht mitreden kann. Dann ist es wenigstens auch mein Unternehmen
und ihr müßt für mich arbeiten.

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(Foto: Alexander Lorenz)

“It’s easier to watch and forward a video than it is to leave your house”,

stellt die Chicago Tribune in ihrer Betrachtung über den Verlauf der Kampagne Kony2012 fest. Zur Erinnerung: Die Macher von der Hilfsorganisation Invisibel Children forderten von den Unterstützern der Kampagne, die Nacht vom 19. auf 20. April zu ihrer Nacht zu machen und den Protest aus dem Netz auf die Straße zu übertragen. Joseph Kony, der Schlächter von Uganda sollte übernacht endlich zu einer Berühmtheit werden, weltweit.

Das ganze Lande sollte dazu mit Plakaten bekleistert werden, die die Unterstützer vorher im online bestellen konnten. Die Preisfrage: Wieviele der hundert Millionen Menschen, die im Web und in den klassischen Medien mit dem Thema in Berührung gekommen waren, würden sich tatsächlich vom Bildschirm weg begeben und mehr Aktivität zeigen, als den einen Klick auf das Video oder den Retweet-Button.

Wie hoch kann die “Konversionsrate” bei so einer Aktion sein, wie wirkungsvoll lässt sich ein Protest aus dem Netz auf die Straße übertragen?

Offenbar passierte sehr, sehr wenig. Die mediale Begleitung der Aktion erreichte nur ein Bruchteil der zuvor erreichten Aufmerksamkeit. Die Aktion ist, wenn man die bisherigen Maßstäbe anlegt, total gefloppt.

In Deutschland gab es vereinzelte Aktivisten und “Plakathängungen”, mit geringem Echo in den Medien. Überspitzt lautet das Fazit: Du brauchst 100 Millionen Zuschauer sind nötig, um zehn Plakate zu kleben. Am Ende war es wohl so, dass die Geschichte vom Kinder verschleppenden Kony sich sehr gut für einen Film eignet und dafür, emotionale Betroffenheit bei den Zuschauern zu erzeugen, nicht aber eine nachhaltige, echte Aktion.

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(Foto: Alexander Lorenz)

Dafür ist Kony wohl zu weit weg, und auch die kritische Berichterstattung wird ihren Einfluss gehabt haben.

  1. Kennen Sie diesen Mann?
  2. Share
  3. Mehr als 104 Millionen Menschen auf der Welt kennen ihn durch dieses Video. Was *halten* sie von ihm? Was *wissen* Sie über ihn?
    # das sich am schnellsten verbreitende Video aller Zeiten. Noch vor:
  4. Share
    Susan Boyle – Britains Got Talent 2009 Episode 1 – Saturday 11th April | HD High Quality
  5. Mir kommen die Tränen => 90 Millionen baden in Emotionen,
    aber: Kony2012 ist
    # eine Doku
    # fast 30 Minuten
    # über Afrika ???
  6. Share
  7. Kony 2012 wird in die Geschichte der erfolgreichsten Viralkampagnen und in die Lehrbücher für Propaganda eingehen, soviel steht fest. Die von der Non-Profit-Organisation Invisible Children initiierte Kampagne zur Jagd auf Joseph Kony, dem international gesuchten Massenmörder und Chef der Lord’s Resistance Army (LRA) in Uganda, ist perfekt, fast schon beängstigend perfekt. Denn sie zeigt, wie wirkungsvoll sich mit einem spärlichem Maß an Informationen über das Netz in kurzer Zeit Massen mobilisieren oder manipulieren lassen.
  8. Vielleicht muss man die Analyse von Kony2012 mit einem Tweet von Steffen Seibert beginnen:
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    #Kony – DEU hat das Thema in den UN-Sicherheitsrat eingebracht. Wir unterstützen Afr. Union im Kampf gegen die Gruppe und ihre Verbrechen
  10. In einer Art sich selbst verstärkender Aufmerksamkeitswelle ist das Thema aus der Politik über den Verstärker Internet wieder in der Politik gelandet. Denn Joseph Kony ist in politischen Kreisen schon lange kein Unbekannter mehr. 2005 wurde ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof (ICC) gegen ihn erlassen. Seit über zwei Jahrzehnten führt Kony Krieg gegen die Regierung Ugandas. Er sieht sich als Befreier mit christlich-fundamentalistischer Ideologie. Er will in Uganda eine Regierung basierend auf den Zehn Geboten einführen. Er lässt morden und er soll bis zu 60.000 Kinder verschleppt und viele davon als Kindersoldaten eingesetzt haben. Doch schon seit 2006 ist er nicht mehr im Land.
    = konstruierte Realität =
  11. # Der Film 
    Achten Sie darauf: In welcher Rolle sind Sie, als Betrachter des Films?

    Zentrales Element der Kampagne ist ein knapp halbstündiger Film, der seit seiner Veröffentlichung Anfang März im Netz mehr als 104 Millionen Abrufe eingesammelt hat. Der Film macht alles richtig. Aufgebaut ist er nach einem nahezu klassischen Drehbuch in Hollywood-Manier. Fast schon holzhammermäßig beginnt er mit einer Geburt.

    Über den kleinen Sohn des Autors auf der einen und den als Kindersoldat missbrauchten Jacob auf der anderen Seite werden sehr schnell emotionale Bindungen zum Zuschauer geknüpft, die in starkes Mitgefühl münden, wenn das grausame Schicksal des Jungen aus Uganda klar wird (10 Jahr her!).

    Diese Gefühle richten sich dann gegen den Verursacher des Bösen, Joseph Kony. Sie steigern sich bis zum Ende und werden mit einer Handlungsaufforderung (Spenden oder das Video empfehlen) aufgefangen. Der Zuschauer bekommt also die Gelegenheit, seine über fast 30 Minuten aufgebauten Emotionen über eine Handlung abzuleiten.

    Wie der Film funktioniert:

    # Ankündigung als “Soziales Experiment” 
    # Geburt / Leben vs. das Böse: Mord an und Verschleppung von Kindern
    # Hollywood-Dramaturgie
    # > Emotion; < Information
    # Kinder
    # Spannungsbogen
    # Vereinnahmung und unklare Quelle und zeitl. Zuordnungen
    # Auflösung nicht in Happy End sondern in Handlungsanweisung (emotionale Erleichterung für den Zuschauer = twittern, empfehlen, weiterleiten)
    => die Schlüsselszenen
    I. Vorbereitung des Themas
    Runtergerechnet auf dreissig Minuten wird in den ersten 3 Minuten die Story vorbereitet. Der Sohn wird geboren, seine Welt gezeigt, unterbrochen durch emotionale Bilder die wir alle schon von Youtube kennen und lieben wei sie so rührend sind.  
    * fünf Kinder innerhalb der ersten 60 Sekunden
    * Vorbereitung auf: revolutionäre Kraft der Netzwerkidee
    * 01:35 soziales Experiment = you have to pay attention
    * 01:54 Geburt = Leben
    * 02:41 Vorstellung des Protagonisten = Sohn von Jason Russel, Gavin
    *bis jetzt, ca. 30 Kinder!
    II. erster Wendepunkt
    hier ändert sich die Welt für den Protagonisten Gavin
    * 03:56 Vorstellung Jacob = Übertragung der Emotion
    * Rückblende, weitere Emotionalisierung durch Schicksal von Jacob
    * 07:25 Jacob weint, kein Bild! Er will lieber sterben.
    * 07:37 das Versprechen: ich werde alles tun, sie zu stoppen
    => Motivation der letzten 9 Jahre, diesen Film zu machen, 2012 ist das Jahr, dieses Versprechen einzulösen,
    nicht nur für Russel, für alle, die den Film sehen. 
    => wir können den Lauf der Geschichte ändern, aber die Zeit ist knapp
    III. zweiter Wendepunkt; Verknappung
    08:40 film expires am 31.12.2012 => Ziel to stop Kony
    08:51 ich sage euch genau, wie ihr es machen müsst.
    IV: Schlüsselszene  
    09:20 Russel instrumentalisiert seinen Sohn und erklärt ihm den Sachverhalt
    => wir sind jetzt das Kind!
    => wir lernen das absolut Böse kennen
    => Einbettung des Schicksals Jacobs in einen Rahmen
    12:15 Einführung des ersten prominenten Zeugen, Chefankläger Ocampo, int. Gerichtshof Den Hag
    13:06 Gavin: we schould stop him, aber keiner kennt ihn, wir machen ihn bekannt
    14:30 erstmalig fällt der Name invisibel Children, es ist egal, wo du auf der Welt bist, du kannst helfen.
    V. Emotionalisierung 2
    = Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls (der Zuschauer des Films, mit allen Aktivisten auf der Welt) Bildung einer schlagkräftigen Gemeinschaft. Botschaft = du bist nicht allein
    17:55 Aktivierung, du kannst etw. tun. Nennung weiterer Zeugen (Senatoren) 
    18:38 prominentester Zeuge = Obama entsendet Beobachter  = es lohnt sich! Nach acht Jahren  hat die Regierung auf uns gehört (Okt. 2011) Erfolg von IC?
    20:00 aber er ist noch da draußen!
    VI 21:11 – HITLER – Emotionalisierung 3
    21:44 Wiederholung der Handlungsanweisung, Vorbereitung des Finales, Vorbereitung einer Möglichkeit für den Zuschauer, wie er seinen Überschuss an Emotion loswerden kann
    23:03 – die Idee 2012 – die Geiselnahme
    23:30 Zeuge Clooney
    23:56 redefining propaganda
    25:57 ID = Individualiserung = Erfolgserlebnis = Track yr impact = Spende!
    => abgestufte Handlunsgsanweisung
    => 20.04. Cover the night = das gemeinsame Ziel
    27:35 Bestärkung der Gemeinschaft, wir leben in einer Facebook-Welt
  12. #Die Kampagne
    ??? Warum “eignet” sich Kony so gut?
    ??? Hidden Agenda
  13. Sehr sorgsam ist der Film eingebettet in eine Fülle von Maßnahmen, die einen Erfolg fast garantieren: “Invisible Children” hat es verstanden, dass für die optimale Verbreitung einer Botschaft im Netz wichtige Netzwerknoten besetzt werden müssen, von denen aus sie sich weiterverbreitet und sich in sich selbst verstärkender Art aufschaukelt. Worüber diese Personen im Netz sprechen, verbreitet sich in kürzester Zeit.

    Die Nutzer werden aufgefordert, 20 Prominente und zwölf Politiker (2012!) aus der ersten Liga zu kontaktieren, damit sie Ihren Namen geben, um die Aktion zu unterstützen: Von Angelina Jolie über Lady Gaga bis Mark Zuckerberg, von Bush über Clinton bis Romney ist für jeden Zuschauer eine Figur dabei, mit der er sympathisieren kann und die für ihn gleichzeitig eine Legitimationsbasis für das eigene Handeln anbietet.

    Die Kontaktaufnahme geht ganz einfach über Twitter und die Botschaft ist schon vorbereitet, der berühmte eine Klick genügt zur Weiterverbreitung der Nachricht.

    Ein Zentrales Element: Die Hashtag-Geiselnahme von Prominenten:

  14. Share
    Help us end #LRA violence. Visit kony2012.com to find out why and how. #GeorgeClooney Join us for #KONY2012
  15. Wer immer von den Promis im Netz unterwegs ist, wird von nun an mit diesen Meldungen bombardiert, viele ergeben sich und der Effekt wird noch verstärkt. 
    Was hier passiert ist, ist ein wahre Social-Media-Tsunami, der die Prominenten trifft.
  16. Und hier wird es manipulativ: Dabei ist es unklar, wer von den Promis sich schon (vorher) zu Kony2012 bekannt hat und wer nicht. In einem Interviewschnipsel unklarer Herkunft, sieht es so aus, als gehöre George Clooney bereits zu den Unterstützern. Und sogar Barack Obama wird dreist vereinnahmt: Die Entsendung von 100 Militärberatern nach Uganda wird als größter Erfolg der Kampagne dargestellt. Dabei greifen die USA schon seit 2008 militärisch ein. 

    Doch die Rechnung geht auf: Mittlerweile schalten sich viele Prominente tatsächlich aktiv mit ein.

    Eine meisterhafte Kampagne:


    # niedrige Einstiegshürden

    # eine einzige, klar verständliche Botschaft “Stop Kony!”

    # eingebettet in eine Geschichte (“narrative”, die auf eine junge, gebildete Mittelschicht zielt)

    # klare Ansprache einer Zielgruppe, s.o.

    # Aufbau auf dem Fundament bestehenden Netzwerknoten / Twitter-Army / belastbares Fundament

    # Aktivierung zusätzlicher zentraler Knoten bewirken die explosionsartige ”Aufschaukelung”

    # Ziel = Botschaft

    # Verknappung erhöht den Druck, aktiv zu werden (Enddatum!) “expires”

    # Klare, abgestufte Handlungsanweisungen

    # eingebautes Erfolgserlebnis durch schnelle Rückkopplung (das Gefühl, Teil einer großen Sache zu sein)




    Die Kampagne ist genial konstruiert: Es gibt zunächst eine klare, abgestufte Handlungsanleitung bei geringer Einstiegshürde (Du willst nicht spenden? Ok! Weiterverbreiten kostet dich nichts!). Außerdem hat sie ein deutliches Ziel und mit dem 20. April ein festes Ende.

    Sie funktioniert wie eine Wahlkampagne und nutzt sogar die Wahlkampfzeit in den USA, in der die Politiker sich natürlich gerne moralisch zeigen.

    Am 20. April soll die ganze Welt wissen, wer Joseph Kony ist. Kony 2012 schafft ein künstliches Wir-Gefühl: Es ist die erste organisierte Online-Treibjagd auf einen Menschenschlächter. Neben Steffen Seibert hoffen seit dem 5. März Millionen Menschen im Netz, dass er endlich zur Strecke gebracht wird (wieviele kannten ihn eigentlich vorher?). 

  17. # Die Verbreitung 01 (Netzwerktheorie)
  18. # Die Verbreitung 02 (Kinder erzählen es ihren Eltern!)
  19. The 30-minute video released last week by the San Diego-based group Invisible Children calling for action against Ugandan warlord Joseph Kony provided striking evidence that young adults and their elders at times have different news agendas and learn about news in different ways. Those ages 18-29 were much more likely than older adults to have heard a lot about the “Kony 2012” video and to have learned about it through social media than traditional news sources. Indeed, a special analysis of posts in Twitter showed that it was by far the top story on the platform.

    Moreover, younger adults were also more than twice as likely as older adults to have watched the video itself on YouTube or Vimeo. As of March 13, the video had been viewed more than 76 million times on YouTube and 16 million times on Vimeo, making it one of the most viewed videos of all time on those sites.

    Special polling and social media content analysis by the Pew Research Center tracks how the “Kony 2012” video and information about it reached so many Americans in a relatively short period of time, and the critical role social media played, especially for adults under age 30.

    => Invisible Children => Youtube => Twitter => traditionelle Medien <<<= und zurück! 

    = erneute Verstärkung durch Metaberichterstattung (heute journal, wsj, NYT)

    = erneute Verstärkung durch Kritiker! 

    =>> Summe der “Awareness” steigt unaufhaltsam

    # Der Wendepunkt - Russel und InvisibleChildren vom Erfolg überrollt

  20. # Die Debatte – das Netz ist Kampagnenfähig UND debattenfähig zur gleichen Zeit!
    schnell bildet sich ein kritischer Diskurs in Blogs weltweit, der mit etwas Verzögerung auch in den traditionellen Medien abgebildet wird.
    => Youtuber erkennen und nutzen ihre “Fanbase” für eigene politische Stellungnahmen (hat es das bei Gottschalk je gegeben?)
  21. # InvisibleChildren reagiert und schiebt (informativen) Film nach, bleibt aber bei der Botschaft, nur ein zehntel der Zuschauer
  22. Share
    KONY 2012: Part II – Beyond Famous
  23. => Zweite Welle, Rückkoppelung, Änderung der Strategie (Anpassung der Kampagne nach Kritik)
  24. Und der Erfolg?
  25. Allein im März wurden rund 70 Übergriffe gemeldet. Nach knapp einem Jahr relativer Ruhe sind die ugandischen Rebellen der LRA (Widerstandsarmee des Herren) des international gesuchten Warlords Joseph Kony seit Beginn dieses Jahres zurück im Nordosten des Kongo, aus dem sie 2009 Richtung Südsudan und Zentralafrikanische Republik geflohen waren. 
  26. Ist es Propaganda?
  27. Die gelungene Einpflanzung eines Ziels in mehr als 100 Millionen Köpfe. Menschen, die bis gestern (und wohl oft noch immer) nicht wußten, wo Uganda auf der Karte liegt, kennen jetzt den Namen Joseph Kony.
    # Illusion der Beteiligung – in Wahrheit ist es Propaganda!
  28. ### FAZIT ###
    # Kony2012, ein gelungener Old-Media-Hack
    # Social Media Propaganda funktioniert
    # Online-Agenda-Setting funktioniert
    # das Netz hat den als vierte Gewalt bestanden
    # Youtube ist debattenfähig
    # Protest als Poppkultur oder doch nur Slacktivism
    # Die Jugend hört zu
    # Wer Aufmerksamkeit erzeugt hat Verantwortung
    =>>> Morgen ist der 20. April! <<<=

Ahmadinedschad kann man nicht wie Kurt Beck interviewen. Man kann mit ihm nicht Frage-Antwort-Frage spielen. Von welchen Voraussetzungen gehen wir aus und was wäre das Ziel bei einem solchen Gespräch? Geht es darum, ihn seine Holocaustleugnung auch vor deutschen TV-Kameras wiederholen zu lassen? Die Tatsache an sich ist keine neue Erkenntnis.

Das Gespräch müßte der weiteren Informationsgewinnung dienen. So geht Claus Kleber seinen Auftrag auch an. Er wird im Flugzeug gezeigt, wie er sich vorbereitet. Was belegen diese Bilder? Dass er sich vorbereitet?

Nein, sie setzen das Interview in eine Rahmenhandlung: Der Journalist ist wichtig und der Sender, der dieses Interview bekommt, auch. In meinen Augen, der erste Fehler. In dieser derart aufgeladenen Situation wird Kleber aber unsicher, gar fahrig. Und: Er nimmt nicht die Rolle des unvoreingenommenen Journalisten ein, sondern fragt, wie ein Politiker oder ein Emissär der IAEO. Der zweite Fehler. Der Journalist ist nicht dazu da, seinem Gegenüber Verhandlungszugeständnisse abzuringen, wie ein Egon Bahr im kalten Krieg.

Interview-Schach

Ein Interview dieser Art ist wie ein Schachspiel, in dem man vermutlich sehr viele Züge vorausberechnen kann. Cleber eröffnet, er entwickelt aber sein Spiel nicht und gerät in die Defensive. Er fragt: Warum auf einmal jetzt das Gespräch? Hatte man in der heute-journal-Redaktion im Ernst auf die Antwort gehofft: Weil mich neulich mein Parlament gegrillt hat und ich jetzt mal was tun muss? Weil ich Angst vor einem Angriff habe und vorher noch einmal sagen möchte, dass wir nur den Frieden wollen?

Und dann stellt der Iranische Präsident plötzlich die Fragen und bringt nach wenigen Minuten Cleber in Bedrängnis: Wer hat Irak besetzt? Wer hat Afghanistan besetzt? Wir sind gegen die Atombombe! Wir haben keine Feldzüge gemacht! Am Ende, nach knapp 45 Min. wird der Iranische Machthaber den größeren Frageanteil haben.

Was Ahmadinedschad aber sagen würde, war doch klar – spätestens nach der erneuten Holocaust-Leugnung wäre ein anderer Zug zwingend gewesen als der diagonale Springerzug auf ein anderes Fragefeld. Bei diesem Thema hätte er ihn stellen müssen. Es hätte vermutlich eines Philosophen bedurft, geschult in der sokratischen Gesprächsführung, der diesen absurden Gesprächsrhythmus hätte durchbrechen können. Ob es gelungen wäre?

Ahmadinedschad diktiert das Spiel

So aber hat der berechnende Ahmadinedschad dem ehrlichen Journalisten sein Spiel diktiert und kam dabei sogar optisch noch besser weg. Der Präsident, in der Körpersprache offen und die wenigen Spitzen weglächelnd gegen Claus Kleber, den verunsicherten und durch die Sprachbarriere eingeschränkten Angreifer.

Ein in moralischen Kategorien denkender Journalist wie Claus Kleber wird mit den klassischen Methaphern für ein Politiker-Interview dieser Person nicht Herr werden. So war das Interview mehr eine Art Regierungserklärung Ahmadinedschads für die eigenen Leute und das westliche Publikum – beide wurden in ihren Haltungen bestätigt. Und Claus Kleber war nur der einbestellte Stichwortgeber. Erkenntnisgewinn? Man hätte es wohl besser gelassen.

Im Netz wird reflexhaft behauptet, gewaltbetonte Computerspiele und Videos hätten nichts mit den Gewaltausbrüchen und Amokläufen bei Jugendlichen zu tun. Das Argument: Nahezu alle in diesem Alter konsumieren diese Spiele und Videos, wenn es eine direkte Kausalität gäbe, läge die Fallzahl wesentlich höher.

Gleichzeitig sehen wir – bei konstanter oder sogar leicht zurückgehender Jungendkriminalität insgesamt – erschrenkende Beispiele von Gewaltausbrüchen bei Jugendlichen. Gewalt, die jegliches Mitleid mit dem Opfer, jegliche Emphatie teilweise sogar die natürliche Tötungshemmung außer Kraft setzt.

Die Beispiel der letzten Tage aus München und Ansbach belegen das. Ich glaube, die Abkoppelung zwischen Erleben bzw. Wahrnehmen von Gewalt und Gewaltausübung ist – unter bestimmten Bedingungen – die Ursache für dieses Verhalten.

Gewalt wird in unserer Gesellschaft fortwährend medial inszeniert, und zwar real und fiktiv. Im Video, im Kino, im TV, im Computerspiel. Die Nachrichtenbilder von den Kriegsschauplätzen werden dabei in ihrer Grausamkeit noch nicht mal von den Games übertroffen. Sender wie DSF und Eurosport, die die neuen „Trendsportarten“ Ultimate Fighting oder K1 übertragen und kommentieren als handele es sich um Vidoespiele, lassen sogar Spiel und Realität verschmelzen und senden zusätzliche Impulse in diese Richtung: Alles ist erlaubt, man tritt auf ein am Boden liegendes Opfer solange ein, bis es sich nicht mehr wehrt. Die Öffentlich-Rechtlichen ziehen mit ihren Boxshows nach.

Während die Jugendlichen in München nur einen kleinen Auslöser benötigten, um in diesen erlernten Verhaltensmustern loszuschlagen, verstrickte sich der Amokläufer in seiner Gedankenwelt mit Versatzstücken aus realer und medialer Gewalt, gleich welcher Quelle, bis es zum Ausbruch kam. Einmal erfolgte die Gewalt also spontan und reflexhaft das andere Mal reifte sie im Kopf eines Menschen heran.

In beiden Fällen wurde jedoch reales Leben zerstört. Wobei die Opferbilder genau den zuvor erworbenen Gewaltmustern entsprechen. Ein zu Tode geprügelter Mensch und ein Junges Mädchen, mit der Axt gezeichnet und für ihr Leben entstellt. Diese Bilder entstammen meiner Meinung nach eben nicht einer reinen Phantasie sondern werden erworben und unter bestimmten Bedingungen durch die Täter realisiert. Zu behaupten, Spiele und Videos spielten dabei keine Rolle, halte ich für grundweg falsch. Sie gehören mit den vielen auslösenden Faktoren.

Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

2009 CC-BY

Internet-Manifest

Wer das Internet-Manifest mit weiterentwickeln will,
kann das hier, im Wiki tun.

Dosenpfand

Transformers I

Transformers II

Vielleicht ist es ja ein Zufall: Auf Seite 2 berichtet das Handelsblatt heute klein über die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. (Caritas in veritate), in der er sich gegen “ein rücksichtsloses Profitdenken und für Moral und Ethik im Wirtschaften” einsetzt.

Blättern wir dann weiter in die Finanzzeitung auf die Seiten 22/23, reichen schon die Überschriften, um zu sehen, was Sache ist bzw. wie weit der Papst von den Finanzzentren entfernt ist:

“Und ewig lockt das schnelle Geld”

” Gedemütigte Banker greifen an”

“Die dicken Boni sind zurück”

“Nur die Visitenkarten ändern sich”

Wie gesagt, das sind nicht etwa die Überschriften einer Woche, sondern einer Doppelseite an einem Tag.

Vielleicht ist deshalb auch die Handelsblatt-Finanzzeitung (Aufmachung: “Das ewige Kasino”) vom Rest der Zeitung getrennt, weil die Finanzwelt eben in sich geschlossen ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Diese Regeln widersprechen in nahezu allen Punkten, dem was der Papst in seiner Enzyklika fordert.

Die Bremsen bei den alten IC-Wagons stinken oder quietschen. “Das ist so, daran kann man nichts ändern”, sagte jüngst auf einer Fahrt von Hamburg nach Düsseldorf eine Zugbegleiterin als ich sie fragte, warum es im Wagen wieder so erbärmlich nach verbrannten Bremsen stinkt. Anwohner hätten sich über das starke Quietschen beschwert, worauf man die Wagons vor zwei Jahren umgerüstet hätte – nun stinken sie bei jedem etwas stärkeren Bremsvorgang wie ein LKW dessen Bremsen sich festgefressen haben.

Aber keine Angst: Das ist alles völlig harmlos, wie eine Anfrage bei der Bahn ergab (die übrigens sehr schnell reagiert hat):

Erlauben Sie uns bitte den Hinweis, dass organische Bremsbeläge, wie sie überwiegend in Schienenfahrzeugen eingesetzt werden, aus Metallfasern und Füllstoffen (kein Asbest) bestehen, die mit einer Kautschuk-Kunstharzbindung miteinander verbunden werden. Diese Mischung wird auf Trägerbleche aus Metall aufgebracht und anschließend in Öfen gehärtet. Bei der Aushärtung kommen auch schwefelhaltige Vernetzungshilfsmittel zum Einsatz.

Beim Bremsvorgang werden geringe Mengen dieser Schwefel enthaltenden und damit geruchsbildenden Produkte freigesetzt. Gerne weisen wir Sie darauf hin, dass dieser Geruch schon in geringster Konzentration wahrgenommen wird, gesundheitlich aber völlig unbedenklich ist.

Na dann.

Elektroautos sind groß in Mode: Bei den Herstellern, in den Medien und vielleicht auch bald bei den Kunden. Durch eine gefühlvolle PR sollen die Autofahrer auf den Kauf eines E-Mobils vorbereitet werden. Die Botschaft: Du Autofahrer mußt auf nichts verzichten. Dein Auto hat sogar noch so etwas wie einen Tank, da kannst du wie bisher den Tankrüssel reinstecken.

An das Paradigma vom steten Wechsel aus ‘Fahren – Tanken – Fahren’ klammern sich Verbraucher, Industrie und Berichterstatter. Denn wann immer eines dieser neuartigen Wundervehikel abgebildet wird, steht es irgendwo und wird aufgetanktladen. Dabei ist dort wo sonst der Tankschlauch steckt, ein Kabel angeschlossen.

Das zeigt, wie schwer es uns fällt, nach etwas mehr als 100 Jahren Automobilgeschichte, in neuen Kategorien zu denken und das bestehende Autokonzept in Frage zu stellen. E-Autos zum Auftanken an einer Tankstelle oder zu Hause sind so sinnvoll wie eine Elektrolokomotive mit Kohletender.

Auslaufmodell Zapfpistole

Auslaufmodell Zapfpistole

Der einzige, der das Konzept Auto mit E-Motor konsequent gedacht hat ist Shai Agassi. In seinem Modell wird Mobilität zum Service. Wir können Fortbewegung buchen, so wie wir heute bei unserem Mobilfunkanbieter Kommunikation kaufen. Das Auto gibt es vielleicht sogar gratis dazu. Und Batterien werden nicht aufgetankt, sondern einfach an passenden Stationen innerhalb von Sekunden gewechselt.

Für dieses Konzept wirbt er Agassi schon seit einiger Zeit. Doch die Entwicklung in Sachen Auto wird bei uns leider in die falsche Richtung getrieben, weil eine konsequente Verkehrspolitik die bestehenden Strukturen aus Autokonzernen und Ölindustrie gefährden würden. Wir als Verbraucher sollen daher am Bild der Benzinkutsche festhalten und sehen aus diesem Grund immer E-Autos mit Tankrüssel in den Medien. Allein die unglückliche Abwrackprämie wird Innovation in diesem Bereich auf Jahre verhindern. Statt mit diesem Geld neue Mobilitätskonzepte zu fördern, setzten wir weiter auf die Überholte Technologie des Verbrennungsmotors.

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