Frühstück – Zeitunglesen, obwohl alles auch schon online ist. Manche lernen es nie, so wie ich. Doch das könnte sich vielleicht nach dem heutigen Tag ändern. Weil die Süddeutsche Zeitung an den Rand der Stadt Gesellschaft gezogen ist, glaubt sie, mich mit einem Berg sinnlos bedrucktem Papier zumüllen zu dürfen.
Nicht nur Online scheint Spam also ein gutes Geschäft zu sein. Denn auf sage und schreibe 56 Seiten Umzugsbeilage (Abschied und Aufbruch) feiert der Verlag seinen Umzug in ein neues Hochhaus „mitten in einem Gewerbegebiet, wo die Stadt München gerade beginnt, architektonisch und stadtplanerisch auffällige Akzente zu setzen“. Schöner als Chefredakteur Hans Werner Kilz in seinem Editorial kann man „wir ziehen in die Wüste“ nicht umschreiben. Und deshalb meutern er und seine Redaktion auch gegen diese Entscheidung, die gemütliche Innenstadt mit ihren guten Einkaufsmöglichkeiten zu verlassen.
Kilz, indem er Bürgermeister Ude mit den Worten „Wer aus der Sendlinger Straße, …, nach Steinhausen, also in ein städtebauliches Wildschweingehege umzieht, muss ein ziemlicher Depp sein“. Und die Redaktion übt den stillen Protest, indem sie eine fantasielose Beilage in buchstärke produziert, wie es sie selten gab. Ich lese einen Nachruf auf den Paternoster, letzte Worte, und einsame Texte über Hochhäuser, überflüssige Geschichten über das Arbeiten in Großraumbüros. Ja man nimmt mich sogar mit auf einen „Streifzug durch das Niemandsland“.
An dieser Stelle standen mir die Tränen in den Augen und ich bekam schreckliches Mitleid mit den Redakteuren der SZ, auch weil ich wusste, dass die Kollegen hier nicht freiwillig hingezogen sind. Sie wurden gezwungen und zwar vom grausamen Kapital wie Kilz schreibt: „Nun, wir sind nicht freiwillig gegangen. Wir mussten weichen. Wenn exzellente Innenstadt-Lagen „kapitalisiert“ werden, spielen Standortfaktoren wie Tradition, Urbanität und Nähe zum innerstädtischen Leben keine Rolle mehr.“
Was da wohl die Bürger Wildschweine aus Steinhausen sagen? Aber sie werden es „irgendwo zwischen S- und Autobahn, zwischen Handymast und Wertstoffhandel“ vermutlich nicht einmal merken, denn wer dort wohnt, liest keine so tollen Zeitungen wie die SZ. Schon gar nicht hat er die Nachbarschaft der Münchener Verlagselite verdient. Wenigstens ein Erste-Klasse-Abteil für die Redakteure und Verlagsleute in der U-Bahn hätte der MVV vorher einrichten können.
Ich für meinen Teil dachte bisher, dass die SZ die größte überregionale (mit der Betonung auf über) Tageszeitung in Deutschland mit internationalem Anspruch sei und es darum eigentlich egal ist, wo die Redaktion arbeitet.
Aber nun gut, wo ist jetzt bitte der versprochene Aufbruch geblieben? Vielleicht auf Seite 15. Da erklärt mir Autor Christian Krügel immerhin „die Quadratur des Kreises“ doch er beschreibt leider nur das Kästchendenken der alten Ressorts und Redaktionsstrukturen. Die kurzen Wegen zur Onlineredaktion haben nur Prio drei, das kann ich der Grafik beim Artikel entnehmen.
56 Seiten uninspiriertes Jammern, dass kann einem schon fast den Start in den Tag verderben. Zum Glück sind auch Anzeigen abgedruckt. Und das scheint ja in der Zukunft der einzige Sinn von Zeitungen zu sein, folgt man der Aussage dieser Beilage. Was zwischen den Anzeigen steht, ist dann auch egal. Viel Spaß im neuen Gebäude!
PS: Liebe Ureinwohner von Steinhausen, nehmt es den Redakteuren der SZ nicht krumm, sie leben in ihrer eigenen Welt, ihrem neuen Glaspalast und werden sich schon noch an euch gewöhnen.
November 11, 2008 at 4:13
Sehr schöner Text, dem ich nur ein Detail hinzufügen möchte: Ich wohne – durchaus zufrieden mit dem Stadtteil – in Sichtweite des neuen SZ-Domizils. Es würde mich allerdings vermutlich auch in kreative Krisen stürzen, wenn ich drin arbeiten müsste. Denn der Kasten sieht jetzt schon aus wie eine Investitionsruine aus dem vergangenen Jahrzehnt, vor allem nachts. Von wegen Glaspalast – das ist miese, misslungene Zweckarchitektur.
November 11, 2008 at 4:51
Also die 56 Seiten brauch ich. Allein um mein Mitgefühl den Redakteuren zum Ausdruck zu bringen. Nicht nur, dass es in der Tat eher ein Zweckbau ist, aber da drum herum ist nix, garnix – ich meine so etwas wie Lokal (Biergarten), Einkaufsgelegenheit – nix. Nur die Druckerei, Gewerbehöfe und in 5 Gehminuten eine der miesesten S-Bahn-Haltestellen der Stadt – arme Leit!
November 12, 2008 at 9:12
Na, sooo „sinnlos“ scheint die Beilage dann ja doch nicht gewesen sein. Immerhin hast offensichtlich nicht nur Du sie komplett gelesen (ich allerdings nicht). Eine Gefühl, das „echter“ Spam nicht kennt. Der wandert meist sofort in den Müll. Apropos Gefühl: Auch die emotionale Seite („An dieser Stelle standen mir die Tränen in den Augen“…
) der Leser haben die SZler mit ihrem Werk berührt, „man“ spricht außerdem intensiv drüber. Insofern: Gut gemacht!
November 12, 2008 at 10:14
[...] gar kein Verleger gekommen. Ich will ja niemanden auf dumme Ideen bringen, aber wie wärs damit: Zeitungsredaktionen in die Vorstädte verlegen, im Gegenzug das Immobiliar in der Innenstadt vergolden, um mehr Ressourcen für [...]
November 14, 2008 at 12:03
Hmmmmm, ich hab dazu ne ganz andere Meinung
Hier: http://textguerilla.wordpress.com/2008/11/13/zeitung-lesen-ein-loblied-und-keinen-abgesang/