Im Netz wird reflexhaft behauptet, gewaltbetonte Computerspiele und Videos hätten nichts mit den Gewaltausbrüchen und Amokläufen bei Jugendlichen zu tun. Das Argument: Nahezu alle in diesem Alter konsumieren diese Spiele und Videos, wenn es eine direkte Kausalität gäbe, läge die Fallzahl wesentlich höher.
Gleichzeitig sehen wir – bei konstanter oder sogar leicht zurückgehender Jungendkriminalität insgesamt – erschrenkende Beispiele von Gewaltausbrüchen bei Jugendlichen. Gewalt, die jegliches Mitleid mit dem Opfer, jegliche Emphatie teilweise sogar die natürliche Tötungshemmung außer Kraft setzt.
Die Beispiel der letzten Tage aus München und Ansbach belegen das. Ich glaube, die Abkoppelung zwischen Erleben bzw. Wahrnehmen von Gewalt und Gewaltausübung ist – unter bestimmten Bedingungen – die Ursache für dieses Verhalten.
Gewalt wird in unserer Gesellschaft fortwährend medial inszeniert, und zwar real und fiktiv. Im Video, im Kino, im TV, im Computerspiel. Die Nachrichtenbilder von den Kriegsschauplätzen werden dabei in ihrer Grausamkeit noch nicht mal von den Games übertroffen. Sender wie DSF und Eurosport, die die neuen „Trendsportarten“ Ultimate Fighting oder K1 übertragen und kommentieren als handele es sich um Vidoespiele, lassen sogar Spiel und Realität verschmelzen und senden zusätzliche Impulse in diese Richtung: Alles ist erlaubt, man tritt auf ein am Boden liegendes Opfer solange ein, bis es sich nicht mehr wehrt. Die Öffentlich-Rechtlichen ziehen mit ihren Boxshows nach.
Während die Jugendlichen in München nur einen kleinen Auslöser benötigten, um in diesen erlernten Verhaltensmustern loszuschlagen, verstrickte sich der Amokläufer in seiner Gedankenwelt mit Versatzstücken aus realer und medialer Gewalt, gleich welcher Quelle, bis es zum Ausbruch kam. Einmal erfolgte die Gewalt also spontan und reflexhaft das andere Mal reifte sie im Kopf eines Menschen heran.
In beiden Fällen wurde jedoch reales Leben zerstört. Wobei die Opferbilder genau den zuvor erworbenen Gewaltmustern entsprechen. Ein zu Tode geprügelter Mensch und ein Junges Mädchen, mit der Axt gezeichnet und für ihr Leben entstellt. Diese Bilder entstammen meiner Meinung nach eben nicht einer reinen Phantasie sondern werden erworben und unter bestimmten Bedingungen durch die Täter realisiert. Zu behaupten, Spiele und Videos spielten dabei keine Rolle, halte ich für grundweg falsch. Sie gehören mit den vielen auslösenden Faktoren.
September 19, 2009 at 2:35
Ich könnte es mir jetzt leicht machen, und den Autor bitten, präziser zu recherchieren. Aber dieser Beitrag ist eine Meinung. Und eine Meinung bildet sich nicht auf präziser Recherche. Recherche plus ein lebenserfahrener Horizont können Erkenntnisse auslösen. Das aber ist genau das, wass diesen Jugendlichen fehlt. Sie haben zumeist keine Erfahrungen gemacht, in denen ihre eigene Perspektive als kosntruktiver Wert beachtet wurde. Das zieht sich übrigens durch die ganze Gesellschaft. Teilnehmer anderer Sozialmillieus haben jedoch mehr oder weniger taugliche Kompensationshandlungen wie Konsum, Gängelung von Untergebenen oder Kollegen oder das „Wegarbeiten“ in der Muckibude.
Es ist auffällig, dass die Jugendliche im Rahmen von Aggressionstrainings zum ersten Mal erfahren, dass sie selbst extrem empfindlich sind gegenüber phyischen Einwirkungen der Außenwelt. Sie leiden oft – wie viele andere „Normale“ – unter extremen Fragmentierungserscheinungen der Persönlichkeit, die sehr oft in sogenannten Sensationen wieder zu einem Ganzen fallen. Diese Sensationen sind bei mangelnden Alternativen, das Machtgefühl im sozialen Raum Bus, Bahn oder Schulhof.
Wollte man tiefer bohren, könnte man die Entwickling des Individuums seit der Aufklärung verfolgen bis zu den Ideen der Futuristen Anfang des 20. Jahrhunderts. Leider ist im heutigen gesellschaftlichen Raum nur noch Platz für die Simulation von Gemeinwesen im Gutmenschen, den indefferenten Anpasser und den Tyrannen. Letzterer wird gebendeit durch die Kraft und Herrlichkeit des Porsche oder des Chalet in den Schweizer Bergen.
Das Bildungsbürgertum und die wahren Menschen mit echter moralischer Gesinnung halten sich aus dem Strom der ewigen Informationsschlange raus. Sie wissen, warum sie das tun. Es fehlt daher eine Schablone, von der man sich Verhalten abschauen könnte um es auf die Tauglichkeit zu überprüfen. Insofern, kommen die Kinderverführer aus den Vorstädten, die Hass predigen, aber von ihren Müttern abgöttisch geliebt und wie Paschas gehegt wurden, gerade recht. Es sind Rattenfänger. Davon gibt es auch im politischen Lager einige, die dem geschundenen und fast spinnenwebartigen Individuumsrest eine Heimat bieten.
Die „Gewaltspiele“ haben bei dieser Spirale nur eine Aufgabe: sie sind in der Lage, als billigste Form der Sucht, einen Ausstieg aus dem Alltag zu liefern, der ganz nebenbei eine besoders perfide Art ist, Menschen, die in Verhältnissen ohne klare emotionale Reife aufgewachsen sind, eine klare Botschaft zu vermitteln: Was andere schwächt, liefert dem Helden Lebenspunkte. Dieser krude Mechanismus, der dem schlichten Datenbankgemüt der Programmierer entspringt, wird in tayloristischer Art in den gehassten Arbeitswelt wiedergefunden und als Gewaltakt quasi als Rache gegenüber dieser sozialen Bilanzierung eingesetzt. Peter Molyneux hat gezeigt, dass es anders geht.
Es ist immer recht einfach, bei kausalen Zusammenhängen auf verschiedenen Stati vorher-nachher zu sehen. Man begeht sehr schnell Fehlschlüsse à la cum hoc ergo propter hoc. Noch schneller aber bewegt man sich einfach in den komplexitätsreduzierenden Modellen einer Wissenschaftstheorie, die schon für das 20. Jahrhundert zu enge Bandagen anlegte und heutzutage einfach nur noch eins offen legt. Auch die Erweiterung kruder mechanistischer linearer Kauslaketten auf Kreisläufe mit Feedback und Backpropagition ist ein keiner Weise in der Lage ein angemessenes Denkmodell für Prozesse rund um das Selbstmodell oder gar soziale Ereignisse abzuliefern. Es mag die Wissenschaftler befriedigen in den Horizonten, die ihnen an der Uni eingeprägt wurden. Mehr passiert dabei nicht.
Das ist einer der Hauptgründe, warum seit Jahren in diesem Bereich wirklich nicht Neues passiert ist. Es liegt nicht am Geld oder an der Polizeipräsenz. Es liegt an mangelnden Alternativen für Menschen, die weder ein Reihenendhaus mit A4-Kombi noch eine schöne Stadtwohnung mit Freundin und Hund als reale Zukunftsvision begreifen können und wollen.
Das entschuldigt die Taten in keiner Weise. Aber es entschuldet auch nicht die fassungslose Gesellschaft.
September 19, 2009 at 3:35
Ich glaube, man muss diesem Problem mit einer Schärfung des Unterschieds zwischen Realität und Fiktion gegenübertreten.
September 19, 2009 at 3:41
Das Interesse vom Menschen an Gewalt ist doch nun wirklich nichts neues. Kein Politiker verbietet Grims Märchen oder das spielen mit Wasserpistolen.
Jeder gesunde Mensch ist hier durchaus in der Lage zu unterscheiden was Fantasy, was real, was Spiel, was ernst ist.
Oft wird hier der vorschritt vergessen, so wurden vor einigen Jahren noch Filme verboten die heute gar lächerlich wirken und mit der Jugendfreigabe keine Probleme mehr haben.
Desweiteren ist erwiesen das jeder Mensch Gewaltphantasien hegt, des sind psychologisch ganz normale Abläufe zum verarbeiten des Alltages.
Die Angst vor zu realistischer Gewaltdarstellung ist mehr ein Konservativer Umgang mit dem neuen und unbekannten.
Ein Robert Steinhäuser läuft nicht Amok weil er Counter Strike auf seinem Rechner Installiert hatte. Ein solcher Mensch läuft Amok weil Verhältnisse in seiner Familie nicht stimmten, weil Pubertierende Jugendliche beim natürlichem klarmachen der Rangordnung grausam sind, weil die betreuenden Lehrer schlicht weck unfähig oder durch die stetig wachsende Anzahl an Schülern überfordert sind.
Amokläufe gab es lange vor Computerspielen und Fernsehen, der größte in Deutschland wurde nicht einmal von einem Jugendlichem verübt.
Ein (nicht umzusetzendes) verbot von „Killerspielen“ wird genau so viele Amokläufe verhindern wie ein Stop Schild im internet vergewaltigungen von Kindern… exackt keinen fall weniger wird es geben.
September 19, 2009 at 3:56
Ah, schön, darauf warte ich schon lange, dass jemand auf eine leicht verständliche Weise den radikalen Konstruktivismus in seine Schranken weist. Auf dem elaborierten Feld der Literaturwissenschaften und der Philosophie ist das ja schon passiert. Jetzt wäre es tatsächlich an der Zeit, die Potenz des Subjekts auf ein nachvollziehbares und umgängliches Maß zurückzubiegen…
September 19, 2009 at 4:01
Ich würde mich freuen, wenn ein wesentliches Moment der Anerkennungsgigantomanie verschwinden würde. Denn das ist es, was die Amok-Menschen ja unter anderem motiviert: einmal berühmt zu sein. Würde es keine sofortige mediale Berichterstattung geben, sondern nur eine sehr reflektierte Reportage OHNE BILDER nach einigen Tagen, könnte – aus meiner Sicht – ein weitaus potenteres Motiv als die Herabsetzung der Gewaltschwelle durch gewaltverherrlichende Spiele empfindlich entschärft werden.
Auch eine genau Betrachtung dieser Spiele wäre angebracht. Es besteht durchaus ein Unterschied zwischen Tekken, Counterstrike und GTA…
September 19, 2009 at 4:17
Ich denke die Aufmerksamkeit ist ein wichtigerer, aber dennoch nicht ausschlaggebender Grund.
Amok läufst du um dich zu rächen.