Wirtschaft


Vielleicht ist es ja ein Zufall: Auf Seite 2 berichtet das Handelsblatt heute klein über die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. (Caritas in veritate), in der er sich gegen „ein rücksichtsloses Profitdenken und für Moral und Ethik im Wirtschaften“ einsetzt.

Blättern wir dann weiter in die Finanzzeitung auf die Seiten 22/23, reichen schon die Überschriften, um zu sehen, was Sache ist bzw. wie weit der Papst von den Finanzzentren entfernt ist:

„Und ewig lockt das schnelle Geld“

“ Gedemütigte Banker greifen an“

„Die dicken Boni sind zurück“

„Nur die Visitenkarten ändern sich“

Wie gesagt, das sind nicht etwa die Überschriften einer Woche, sondern einer Doppelseite an einem Tag.

Vielleicht ist deshalb auch die Handelsblatt-Finanzzeitung (Aufmachung: „Das ewige Kasino“) vom Rest der Zeitung getrennt, weil die Finanzwelt eben in sich geschlossen ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Diese Regeln widersprechen in nahezu allen Punkten, dem was der Papst in seiner Enzyklika fordert.

Elektroautos sind groß in Mode: Bei den Herstellern, in den Medien und vielleicht auch bald bei den Kunden. Durch eine gefühlvolle PR sollen die Autofahrer auf den Kauf eines E-Mobils vorbereitet werden. Die Botschaft: Du Autofahrer mußt auf nichts verzichten. Dein Auto hat sogar noch so etwas wie einen Tank, da kannst du wie bisher den Tankrüssel reinstecken.

An das Paradigma vom steten Wechsel aus ‘Fahren – Tanken – Fahren’ klammern sich Verbraucher, Industrie und Berichterstatter. Denn wann immer eines dieser neuartigen Wundervehikel abgebildet wird, steht es irgendwo und wird aufgetanktladen. Dabei ist dort wo sonst der Tankschlauch steckt, ein Kabel angeschlossen.

Das zeigt, wie schwer es uns fällt, nach etwas mehr als 100 Jahren Automobilgeschichte, in neuen Kategorien zu denken und das bestehende Autokonzept in Frage zu stellen. E-Autos zum Auftanken an einer Tankstelle oder zu Hause sind so sinnvoll wie eine Elektrolokomotive mit Kohletender.

Auslaufmodell Zapfpistole

Auslaufmodell Zapfpistole

Der einzige, der das Konzept Auto mit E-Motor konsequent gedacht hat ist Shai Agassi. In seinem Modell wird Mobilität zum Service. Wir können Fortbewegung buchen, so wie wir heute bei unserem Mobilfunkanbieter Kommunikation kaufen. Das Auto gibt es vielleicht sogar gratis dazu. Und Batterien werden nicht aufgetankt, sondern einfach an passenden Stationen innerhalb von Sekunden gewechselt.

Für dieses Konzept wirbt er Agassi schon seit einiger Zeit. Doch die Entwicklung in Sachen Auto wird bei uns leider in die falsche Richtung getrieben, weil eine konsequente Verkehrspolitik die bestehenden Strukturen aus Autokonzernen und Ölindustrie gefährden würden. Wir als Verbraucher sollen daher am Bild der Benzinkutsche festhalten und sehen aus diesem Grund immer E-Autos mit Tankrüssel in den Medien. Allein die unglückliche Abwrackprämie wird Innovation in diesem Bereich auf Jahre verhindern. Statt mit diesem Geld neue Mobilitätskonzepte zu fördern, setzten wir weiter auf die Überholte Technologie des Verbrennungsmotors.

Die Deutsche Bahn will mit einem neuen Service unter der Bezeichnng „The Indian Feeling“ wieder mehr Reisende in ihre alten IC-Züge locken. Ab sofort dürfen Passagiere in den Monaten Mai bis September auch auf dem Dach der Wagons mitfahren. Dazu wurden in den letzten Wochen neben den Türen spezielle Trittleitern angebracht und die Dächer mit Haltegriffen versehen.

Nach eigenen Angaben will die Bahn ihren Kunden die Faszination von Bahnreisen auf dem indischen Subkontinent vermitteln.

Ein Sprecher der Bahn bestätigte gegenüber diesem Blog: „Wir möchten unseren Kunden ein attraktives und günstiges Angebot machen. Unsere IC-Züge fahren so langsam, dass das Mitfahren auf dem Dach vollkommen ungefährlich ist“, sagt Hermann Mähdorn.

Die Fahrgäste hätten sogar einen deutlich erhöhten Reisekomfort gegenüber den Mitreisenden im Abteil. „Auf dem Dach herrscht stets ein angenehmes Klima“, erklärt Mähdorn. Auch von den beim IC stets übel stinkenden Bremsen bekomme man nichts mit. Außerdem böte das Fahren auf dem Dach einen natürlich Schutz vor Vieltelefonierern.

Bei Regen sollen Planen aus den Altbeständen der NVA an die Dachpassagiere ausgegeben werden. Das Angebot gilt nur für Inhaber einer Bahncard, die schon Bahncomfortpunkte gesammelt haben. „Wir müssen dieses attraktive Angebot limitieren, weil die Nachfrage einfach zu groß ist,“ sagt der Sprecher. Das hätte die Marktforschung ergeben.

Bahnexperten vermuten jedoch, dass die Bahn mit dem Angebot „Indian Feeling“ nur von dem Umstand ablenken will, dass sie einfach nicht mehr über genug rollfähige Wagons verfügt, um in den Ferienmonaten allen Passagieren einen Sitzplatz anbieten zu können. „Da aber sowieso nur noch Menschen aus der unteren Einkommensgruppe die Bahn nutzen, ist das Angebot aus Sicht der Bahn konsequent“, meint Peter Bremser, Vorstand des Fahrgastverbandes Froh-Bahn.

Auch das Bundesverkehrsministerium äußerte sich positiv. „Wir hatten bereits über eine Abwrackprämie für Wagons unterhalten, dieses Thema ist mit „Indian Feeling“ aber nun glücklicherweise vom Tisch. Wir werden uns weiter voll auf die Autoindustrie konzentrieren“, sagt Ferdinand Päich, Sprecher im Bundesverkehrsministerium.

Buchen kann man „Indian Feeling“ hier.

Warum steht das Versandhaus Quelle kurz vor der Pleite? Weil es einen Katalog drucken will! Der Quelle-Katalog war damals bei meinen Eltern immer so etwas wie der Shoppinganteil des Internets: Da lag er dann, ausgedruckt auf dem Küchentisch. Man konnte darin surfen, blättern, sich die Sachen anschauen, die man gerne einmal hätte. Vom neuen Polstersessel über die Privilleg Waschmaschine bis zum ersten eigenen Farbfernseher oder den Staubsauger.

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Der Katalog war dick, sehr dick. Genau wie das Web heute beinhaltete er das zu seiner Zeit denkbare Warenuniversum. Den Duft der frisch gedruckten Seiten habe ich als Kind inhaliert, um dann immer studenlang in den Kapiteln über Fahrräder und Unterhaltungselektronik zu blättern. Meinen ersten Schaub-Lorenz-Cassettenrekorder durfte ich dort bestellen und habe ihn dann Weihnachten bekommen.

Der Quelle-Katalog hatte übrigens damit genau die Sinnlichkeit der Nutzung, die die Macher von Tageszeitungen auch von ihrem Produkt annehmen und er funktioniert trotzdem nicht mehr. Weil mittlerweile das denkbare Warenuniversum im Netz eben unendlich ist und die Zusammenstellung des Katologes eine Begrenzung, die kein Kunde mehr akzeptiert. Eben genau wie bei den Nachrichten.

Wir hatten immer viele Produkte von Quelle, von der Waschmaschine angefangen bis hin zum Staubsauger. Und der funktioniert immer noch – nach 28 Jahren! So eine Qualität gibt es heute gar nicht mehr. Ich werde ihn weiter in Ehren halten als Erinnerung an den Quellekatalog mit seinem herrlichen Duft. Da kann das Web wirklich noch nicht mithalten. Aber der Duft alleine rechtfertigt nicht mehr seine Herstellung.

Als Übersprungbewegungen (auch: Übersprung(s)handlung, Übersprungverhalten; engl.: displacement activities, gelegentlich auch: substitute activities oder behaviour out of context) werden in der Ethologie Verhaltensweisen bezeichnet, die vom Beobachter als „unerwartet“ empfunden werden, da sie außerhalb der Verhaltensfolge auftreten, in der sie einem unmittelbaren Zweck dienen.

Wenn ein Huhn angegriffen wird und es sich weder verteidigen noch fliehen kann, dann fängt es eben an zu picken.

Auch der der marktwirtschaftlich geprägte Mensch neigt zu Übersprungshandlungen. Wenn er vor einer drohenden Rezession werder fliehen noch ihre systembedingten Ursachen ändern kann, dann baut er eben Straßen.

Das jedenfalls schlagen jetzt die fünf Wirtschaftsweisen in ihrem Jahresgutachten vor. Der arme Mensch, das dumme Huhn.

PS: die OECD sagt zu diesem Thema übrigens Folgendes:

Recent phenomenal growth in energy and transport use has led to more pollution, resource depletion, congestion, and an increase in greenhouse gas emissions, which all contribute to climate change.

Aber was rege ich mich auf. Schon die in dieser Woche vorgestellte Studie der OECD zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels und möglichen Reaktionen darauf wurde in den Medien mehr oder weniger totgeschwiegen.

Wir haben ja Finanzkrise und der Autoindustrie geht es schlecht. Wenn wir die wirtschaftlichen Folgen des Kilmawandels spüren ist es noch früh genug, sich damit zu beschäftigen. Eins nach dem anderen.  Außerdem können wir dann immer noch behaupten, dass man das mit diesen drastischen Klimafolgen ja nicht hätte ahnen können.

Aber vielleicht werden dann in 30 Jahren die jüngeren Leute in fragen: „Warum habt ihr nichts unternommen? Ihr wußtet doch alle Bescheid!“

Frühstück – Zeitunglesen, obwohl alles auch schon online ist. Manche lernen es nie, so wie ich. Doch das könnte sich vielleicht nach dem heutigen Tag ändern. Weil die Süddeutsche Zeitung an den Rand der Stadt Gesellschaft gezogen ist, glaubt sie, mich mit einem Berg sinnlos bedrucktem Papier zumüllen zu dürfen.

Nicht nur Online scheint Spam also ein gutes Geschäft zu sein. Denn auf sage und schreibe 56 Seiten Umzugsbeilage (Abschied und Aufbruch) feiert der Verlag seinen Umzug in ein neues Hochhaus „mitten in einem Gewerbegebiet, wo die Stadt München gerade beginnt, architektonisch und stadtplanerisch auffällige Akzente zu setzen“. Schöner als Chefredakteur Hans Werner Kilz in seinem Editorial kann man „wir ziehen in die Wüste“ nicht umschreiben. Und deshalb meutern er und seine Redaktion auch gegen diese Entscheidung, die gemütliche Innenstadt mit ihren guten Einkaufsmöglichkeiten zu verlassen.

Kilz, indem er Bürgermeister Ude mit den Worten „Wer aus der Sendlinger Straße, …, nach Steinhausen, also in ein städtebauliches Wildschweingehege umzieht, muss ein ziemlicher Depp sein“. Und die Redaktion übt den stillen Protest, indem sie eine fantasielose Beilage in buchstärke produziert, wie es sie selten gab. Ich lese einen Nachruf auf den Paternoster, letzte Worte, und einsame Texte über Hochhäuser, überflüssige Geschichten über das Arbeiten in Großraumbüros. Ja man nimmt mich sogar mit auf einen „Streifzug durch das Niemandsland“.

An dieser Stelle standen mir die Tränen in den Augen und ich bekam schreckliches Mitleid mit den Redakteuren der SZ, auch weil ich wusste, dass die Kollegen hier nicht freiwillig hingezogen sind. Sie wurden gezwungen und zwar vom grausamen Kapital wie Kilz schreibt: „Nun, wir sind nicht freiwillig gegangen. Wir mussten weichen. Wenn exzellente Innenstadt-Lagen „kapitalisiert“ werden, spielen Standortfaktoren wie Tradition, Urbanität und Nähe zum innerstädtischen Leben keine Rolle mehr.“

Was da wohl die Bürger Wildschweine aus Steinhausen sagen? Aber sie werden es „irgendwo zwischen S- und Autobahn, zwischen Handymast und Wertstoffhandel“ vermutlich nicht einmal merken, denn wer dort wohnt, liest keine so tollen Zeitungen wie die SZ. Schon gar nicht hat er die Nachbarschaft der Münchener Verlagselite verdient. Wenigstens ein Erste-Klasse-Abteil für die Redakteure und Verlagsleute in der U-Bahn hätte der MVV vorher einrichten können.

Ich für meinen Teil dachte bisher, dass die SZ die größte überregionale (mit der Betonung auf über) Tageszeitung in Deutschland mit internationalem Anspruch sei und es darum eigentlich egal ist, wo die Redaktion arbeitet.

Aber nun gut, wo ist jetzt bitte der versprochene Aufbruch geblieben? Vielleicht auf Seite 15. Da erklärt mir Autor Christian Krügel immerhin „die Quadratur des Kreises“ doch er beschreibt leider nur das Kästchendenken der alten Ressorts und Redaktionsstrukturen. Die kurzen Wegen zur Onlineredaktion haben nur Prio drei, das kann ich der Grafik beim Artikel entnehmen.

56 Seiten uninspiriertes Jammern, dass kann einem schon fast den Start in den Tag verderben. Zum Glück sind auch Anzeigen abgedruckt. Und das scheint ja in der Zukunft der einzige Sinn von Zeitungen zu sein, folgt man der Aussage dieser Beilage. Was zwischen den Anzeigen steht, ist dann auch egal. Viel Spaß im neuen Gebäude!

PS: Liebe Ureinwohner von Steinhausen, nehmt es den Redakteuren der SZ nicht krumm, sie leben in ihrer eigenen Welt, ihrem neuen Glaspalast und werden sich schon noch an euch gewöhnen.

Ich gebe zu, ich bin wohl etwas zu Naiv, um alle Winkelzüge zu verstehen, die Deutschlands bekanntester Banker derzeit anstellt. Aber eines habe ich mittlerweile begriffen: Ackermann ist der schlauste Fuchs von allen. Wie er sich hinstellt und streut, dass er sich schämen würde, wenn er das Rettungspaket in Anspruch nehmen müßte, ist wirklich an Abgezocktheit, Skrupellosigkeit und Berechnung nicht mehr zu überbieten.

Er hat damit alle, die bei den Verhandlungen mit am Tisch saßen und gemeinsam mit ihm das Paket beschlossen haben, so richtig an der Nase herumgeführt. Und zwar nicht nur die Vertreter der Politik sondern auch seine am Fliegenfänger hängenden Vorstandskollegen von den anderen Instituten. Die werden sich jetzt bedanken, denn er hat sie einfach im handumdrehen matt gesetzt und Ackermanns Schachzug kommt sie teuer zu stehen.

Wie das zu interpretieren ist, beschreibt Prof. Uhlig in seinem Blog auf Handelsblatt.com: „Ackermann hat getan, was er tun musste.  Er hat betont, daß die Deutsche Bank die Staatshilfen nicht braucht und auch in der Krise noch gut verdient hat.  Der emotional gefärbte Hinweis auf das “Schämen” bei der Annahme der Staatshilfe war vielleicht überflüssig, dennoch: die Aktienmärkte reagierten erleichtert auf seine Aussagen, der Kurs der Deutschen Bank ging nach oben.  Zur Erinnerung: Ackermann arbeitet für die Deutsche Bank und ihre Aktionäre.  Er hat also das Richtige getan – aus Sicht der Deutschen Bank.“

Eben, doch das ist in mehrfacher Hinsicht nur die halbe Wahrheit. Denn es nutzt der Deutschen Bank nur auf kosten der anderen Banken und der Allgemeinheit. Und wenn die Angaben von Werner Rügemer im Telepolis-Interview stimmen, dann hat die Bank von Herrn Ackermann längst hinten herum selbst Staatshilfe in Anspruch genommen.

Von daher: Ackermann sollte sich wirklich schämen.

PS: das Rügemer-Interview ist das Beste, was es bisher zum Thema Finanzkrise in Deutschland zu lesen gab.

Eigentlich, so möchte man meinen, eigentlich ist die derzeit vor unseren Augen ablaufende Finanzkrise ein perfektes Spielfeld für Blogs. Unabhängige Journalisten, freie Berichterstatter und Experten könnten sich jetzt hervortun durch eine unbeeinflusste und unabhängige Berichterstattung. Denn in diesem Kontext ist augenblicklich einfach alles interessant, nicht nur die großen Zusammenhänge, sondern auch die Details.

Leider ist davon bislang wenig zu zu sehen. Wäre das Thema im Web angekommen, müßten die Blogcharts in diesen Zeiten ganz anders aussehen. Neue Blogs und Autoren? Fehlanzeige! Die Berichterstattung spielt sich fast ausschließlich in den klassischen Medien ab.

Und selbst dort lässt man die Möglichkeit, den Leser über eigene Blogs oder bloggende Gastautoren noch besser zu informieren, weitgehend ungenutzt.

Das Handelsblatt hat immerhin Harald Uhlig, in meinen Augen bislang der einzige Ökonom, der ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, die Lage kommentiert hat und dafür zunächst den Saft abgedreht bekam. Doch nun schreibt er wieder und hätte viel mehr Aufmerksamkeit verdient, denn er findet erneut klare Worte. Auch Frank Wiebe und Prof. Grüner bloggen für das Handelsblatt aber sie sollten viel aktiver sein. Das Blog von Chefredakteur Bernd Ziesemer ist leider auf dem Stand vom 27.8., obwohl gerade er ja in seinen Kommentaren für die Zeitung durchaus klar Stellung bezieht.

Ganz mau sieht es bei der FTD aus. Während die Redaktion zu den Olympischen Spielen in China noch ein Blog auf die Beine gestellt hat, verlegt man sich zum Thema Finanzkrise auf das Tickern. Und auch das Manager Magazin und die Wiwo verhalten sich viel zu passiv mit ihren Versuchen, zur Finanzkrise in ihren Blogs Stellung zu nehmen.

Und was passiert in den deutschen Paradeblogs? Leider auch viel zu wenig. Bei Rivva schaffen es die Einträge rund um die Finanzkrise nicht über die Sichtbarkeitsschwelle.

Der Spiegelfechter und die Nachdenkseiten beschäftigen sich intensiv mit den Finanzmärkten, und Basic Think findet den Dreh zu den Werbemärkten. Der Rest bleibt mehr oder weniger bei der alten Agenda.

Was leider zum Ergebnis einer aktuellen Untersuchung von Michael Haller passt: „Soweit ich es sehe, ist unter tonangebenden Bloggern unstrittig, dass die gesamte Newsarbeit auch für die Blogwelt von den journalistischen Mainstreammedien geleistet wird.“ (message 4/2008; S. 17). Und weiter: „Unter diesem Blickwinkel steht die These von der bloggigen Gegenöffentlichkeit auf einem sehr wolkigen Podest, “ schreibt der Journalistik Professor.

Ich finde, man müßte jetzt drangehen, ihn zu widerlegen. So eine „Chance“ gibt es so schnell nicht wieder.

Das ist ja lustig, Alan Greenspan, der Ex-US-Notenbankchef hat uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Er war auch nicht schlauer als wir! Im Kreuzverhör vor einem Ausschuss des US-Repräsentatenhauses gestand Greenspan nun: Keine Aufsichtsbehörte sei klug genug, um diesen „once-in-a-century credit tsunami“ vorauszusehen. Da fragt man sich schon, warum hat er die ganze Zeit eigentlich immer so getan?

Konfrontiert mit seinen eigenen Aussagen aus der Vergangenheit (ther is „no evidence“ home prices would collapse and „the worst may well be over“) gestand er, dass er mit seiner Meinung, die Banken seien zu einer Risikoabwägung fähig und würden sich allein aus Eigennutz vor Übertreibungen schützen können, falsch lag.

Irgendwie ein komisches Gefühl, die ganze Zeit einem falschen Propheten hinterher gelaufen zu sein.

Und geradezu erschreckend klingt es, wenn Greenspan sagt: . „I did not forecast a significant decline because we had never had a significant decline in prices.“ Mit anderen Worten: Weil wir eine Entwicklung vorher noch nie beobachtet haben, rechnen wir auch nicht damit, dass sie in Zukunft eintreten könnte. Da hätte ich aber ein wenig mehr an Prognosekraft erwartet. Doch der ehemalige Fed-Chef glaubt, dass auch das zuviel verlangt ist: „Wir sind als Menschen einfach nicht klug. Wir können die Dinge nicht so weit im Voraus sehen.“

Aber nicht nur das, Greenspan gestand auch, dass er oft einfach dem Willen des Kongres gefolgt sei und so gehandelt habe, wie man es von ihm erwarte und nicht das getan habe, was er selbst für richtig hielt – wie bitte?

Dass er dann noch meint credit-default swaps „have serious problems“, ist fast nur noch eine Fußnote wert. Ausführlich nachzulesen im Wall Street Journal.

Es gibt wohl insgesamt nur noch drei Neoliberale in Deutschland: Den Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer, den Wirtschaftswoche Chefredakteur Roland Tichy und den CDU-Politiker Friedrich Merz. Während die beiden erst genannten in ihren Kommentaren (Wir letzten Neoliberalen, Ziesemer) und (Bekenntnis zum Neoliberalismus, Tichy) klar Stellung beziehen hat Merz seine Sicht der Dinge jüngst in einem Buch niedergeschrieben (Mehr Kapitalismus wagen).

Hut ab, meine Herren. Während rings rum alles abbrennt, private und öffentliche Banken kurz vor der Insolvenz stehen, Dax-Anleger binnen eines Jahres 50% ihres Einsatzes verloren haben, kleine Länder in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen und die ganze Welt vor eine gewaltigen Rezession zittert, stehen Sie in diesem Sturm tapfer an Deck eines untergehenden Schiffs dessen erste Offiziere selbst längst in die Rettungsboote geflüchtet sind.

Nicht nur das, Sie werfen weiter dem Staat Versagen vor, so als ob die Ursachen der Krise hier zu suchen wären. Dabei stimmt ihre Argumentation vorne und hinten nicht mehr, denn sie geht von der reinen Lehre, einem theoretischen Modell aus, was es so in der realen Wirtschaftswelt nicht zu beobachten ist.

Die Spieler an den Märkten halten sich eben selbst nicht an die Regeln des Marktes und wenn Tichy in seinem Kommentar beispielsweise behauptet, die staatliche Post hätte sich gegen die Einführung von E-Mail gewehrt, dann sollte er sich einfach mal das Verhalten von Unternehmen wie Microsoft, Eon oder RWE anschauen. Diese Firmen verteidigen mit Händen und Klauen ihre Monopolgewinne, die sie durch ihre geschlossenen Systeme bzw. Netze erlangen. Wo liegt also der Unterschied?

Nicht anders sieht es bei Bernd Ziesemer aus. Während die Staaten in Europa und die USA bis aufs Äußerste gefordert sind, das Finanzsystem aufzufangen, spricht er von „gewaltigen Kollateralschäden der Rettungsaktionen“. Kann es sein, dass hier etwas grundlegend verdreht wird?

Hätte der Finanzmarkt so wie von beiden prognostiziert funktioniert, wären Rettungsaktionen gar nicht nötig gewesen und noch ist fraglich, ob sie überhaupt möglich sind. Wenn der Markt trotzdem kollabieren sollte, kann man das wohl nicht als einen durch die Politik verursachten Kollateralschaden bezeichnen.

Und, während besonders der Kollege Tichy gerne auf den schmarozenden Sozialhilfeempfänger in seinen Kommentaren schimpft, zeigt sich in der Krise der wahre Unterschied zwischen dem Sozialhilfeempfänger, dem einfachen Steuerzahler und dem Kapitalisten. Der kleine Mann verhält sich in diesen Tagen uneigennützig und hilft (zwar gezwungener Maßen über die Politik veranlasst) aber dennoch. Die großen Wirtschaftssubjekte verhalten sich aber weiter absolut egoistisch, systemkonform und verschlimmern die Krise dadurch, dass sie sich gegenseitig eben nicht helfen. Nicht zu reden davon, dass sie in guten Zeiten kaum bereit waren, etwas in den (Steuer-)topf einzuzahlen aus dem jetzt die Hilfe kommt.

Hier soll nicht dem Sozialismus dass Wort geredet werden, der seine Chance hatte und noch grandioser gescheitert ist als alle anderen Systeme. Aber in der jetzigen Situation auf den Feuerwehrmann zu schimpfen, der beim Löschen vielleicht Fehler macht, anstatt sich die Brandstifter vorzunehmen, ist ebenso verkehrt.

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