Was für eine grandiose Lüge, was für eine faszinierende Selbsttäuschung. Alle Welt spricht und schreibt über eine angebliche Vertrauenskrise, die an den Finanzmärkten herrsche und das System zum Wanken bringe. Wenn erst (u.a. durch den Staat) das Vertrauen erst wieder hergestellt sei, wären wir gerettet, so ließt und hört man.

Entschuldigung, aber da geht es mir wie Reich-Ranicki am Samstag bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreise: Ich mag so einen Quatsch nicht mehr hören und sehen.

Denn es handelt sich bei den Ereignissen dieser Tage um eine Explosion des an den Märkten immer vorhandenen Misstrauens und um nichts weniger als um eine Systemkrise.

Wie fühlen wir uns denn, wenn wir ehrlich sind? Jeder, der auch nur einen Spargroschen auf der hohen Kante hat, irgendwo noch ein alte Telekom-Aktie in seinem Depot, einen Fonds, eine Lebensversicherung oder gar ein Zertifikat, fängt plötzlich die Zeitung nicht mehr mit dem Sportteil an, sondern mit den Seiten der Wirtschaft.

Jeder schaut, was der andere tut: Wer holt sein Geld von der Bank, wer verkauft seinen Fonds oder gar seine LV? Das Misstrauen ist in uns, jeder belauert den anderen. Wenn diese Misstrauen auch beim kleinen Mann ausbricht und eskaliert, so wie jetzt bei den „Profis“, den Bankmanagern, die sich untereinander noch nicht mal mehr eine Briefmarke leihen würden: Prost Mahlzeit.

Ein großes Lob und eine Leseempfehlung geht deshalb heute wieder an das Handelsblatt. Die Zeitung, die durch ihren Chefredakteur Bernd Ziesemer einen strengen ordnungspolitischen Kurs fährt, lässt trotzdem Experten zu Wort kommen, die das Wort Systemkrise offen aussprechen.

Z.B. heute auf der Seite 2, Notenbanker Tommaso Padoa-Schioppa: „Was wir zurzeit erlelben, ist nicht eine Krise im System, sondern eine Krise des Systems. …“.

Dazu nur noch eine Überlegung: An der gewaltigen Dimension des jetzt beschlossenen Rettungspakte von 470 Mrd. kann man ungefähr ablesen, wie es um den Banksektor bestellt ist. Da ist nichts mehr! Mit den Bankbilanzen kann man genauso gut den Kamin heizen.
Wir können nur froh sein, dass Otto Normalverbraucher auch nicht im geringsten ahnt, wie schlimm die Sache wirklich steht. Wenn das so wäre, hätten wir morgen die Schlangen an den Bankschaltern.

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