Es gibt wohl insgesamt nur noch drei Neoliberale in Deutschland: Den Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer, den Wirtschaftswoche Chefredakteur Roland Tichy und den CDU-Politiker Friedrich Merz. Während die beiden erst genannten in ihren Kommentaren (Wir letzten Neoliberalen, Ziesemer) und (Bekenntnis zum Neoliberalismus, Tichy) klar Stellung beziehen hat Merz seine Sicht der Dinge jüngst in einem Buch niedergeschrieben (Mehr Kapitalismus wagen).

Hut ab, meine Herren. Während rings rum alles abbrennt, private und öffentliche Banken kurz vor der Insolvenz stehen, Dax-Anleger binnen eines Jahres 50% ihres Einsatzes verloren haben, kleine Länder in die Zahlungsunfähigkeit abrutschen und die ganze Welt vor eine gewaltigen Rezession zittert, stehen Sie in diesem Sturm tapfer an Deck eines untergehenden Schiffs dessen erste Offiziere selbst längst in die Rettungsboote geflüchtet sind.

Nicht nur das, Sie werfen weiter dem Staat Versagen vor, so als ob die Ursachen der Krise hier zu suchen wären. Dabei stimmt ihre Argumentation vorne und hinten nicht mehr, denn sie geht von der reinen Lehre, einem theoretischen Modell aus, was es so in der realen Wirtschaftswelt nicht zu beobachten ist.

Die Spieler an den Märkten halten sich eben selbst nicht an die Regeln des Marktes und wenn Tichy in seinem Kommentar beispielsweise behauptet, die staatliche Post hätte sich gegen die Einführung von E-Mail gewehrt, dann sollte er sich einfach mal das Verhalten von Unternehmen wie Microsoft, Eon oder RWE anschauen. Diese Firmen verteidigen mit Händen und Klauen ihre Monopolgewinne, die sie durch ihre geschlossenen Systeme bzw. Netze erlangen. Wo liegt also der Unterschied?

Nicht anders sieht es bei Bernd Ziesemer aus. Während die Staaten in Europa und die USA bis aufs Äußerste gefordert sind, das Finanzsystem aufzufangen, spricht er von „gewaltigen Kollateralschäden der Rettungsaktionen“. Kann es sein, dass hier etwas grundlegend verdreht wird?

Hätte der Finanzmarkt so wie von beiden prognostiziert funktioniert, wären Rettungsaktionen gar nicht nötig gewesen und noch ist fraglich, ob sie überhaupt möglich sind. Wenn der Markt trotzdem kollabieren sollte, kann man das wohl nicht als einen durch die Politik verursachten Kollateralschaden bezeichnen.

Und, während besonders der Kollege Tichy gerne auf den schmarozenden Sozialhilfeempfänger in seinen Kommentaren schimpft, zeigt sich in der Krise der wahre Unterschied zwischen dem Sozialhilfeempfänger, dem einfachen Steuerzahler und dem Kapitalisten. Der kleine Mann verhält sich in diesen Tagen uneigennützig und hilft (zwar gezwungener Maßen über die Politik veranlasst) aber dennoch. Die großen Wirtschaftssubjekte verhalten sich aber weiter absolut egoistisch, systemkonform und verschlimmern die Krise dadurch, dass sie sich gegenseitig eben nicht helfen. Nicht zu reden davon, dass sie in guten Zeiten kaum bereit waren, etwas in den (Steuer-)topf einzuzahlen aus dem jetzt die Hilfe kommt.

Hier soll nicht dem Sozialismus dass Wort geredet werden, der seine Chance hatte und noch grandioser gescheitert ist als alle anderen Systeme. Aber in der jetzigen Situation auf den Feuerwehrmann zu schimpfen, der beim Löschen vielleicht Fehler macht, anstatt sich die Brandstifter vorzunehmen, ist ebenso verkehrt.

Advertisements