November 2008


Heute habe ich ein weiters Interview zum Thema Cyberprotest geführt und zwar mit Christoph von Bautz. Er ist einer der Initiatoren von campact.de und deren hauptamtlicher Pressesprecher. Das merkt man schnell während des Interviews.

Campact ist ist der deutsche Nachbau von moveon.org, der großen amerikanischen Plattform für politische Kampagnen. Moveon wurde schon 1998 im Zusammenhang des Impeachment-Verfahrens gegen Präsident Clinton gegründet. Joan Blades und Wes Boyd, zwei Unternehmer aus dem Silicon Valley waren ziemlich genervt von der Berichterstattung zu dem Thema, die sich ihrer Meinung nach nur auf die Nebensächlichkeiten (Sex-Skandal) konzentrierte und dabei die wichtigen politischen Themen ernachlässigte. Darum starteten sie eine Onlinepetition „to Censure President Clinton and Move On to Pressing Issues Facing the Nation“. (Clinton wurde aber dann frei gesprochen und nicht zensiert).

Mittlerweile mobilisiert Moveon Millionen, z.B. zur Unterstützung von Barack Obama. Ganz soweit ist Campact.de noch nicht. Aber auch hier beziehen immerhin schon gut 83.000 Menschen den Aktionsnewsletter, der auf die neusten Campagnen hinweist und die Empfänger zum Mitmachen auffordert.

Campact ist nach eigenen Angaben unabhängig aber nicht basisdemokratisch organisiert. Eine Gruppe von hauptamtlichen Mitarbeitern bestimmt die Agenda und „horcht“ dazu aber immer wieder in die Basis hinein, welche Themen kampagnenfähig sind.

Ganz unkritsich finde ich das nicht, zumal Campact auch mit Unternehmen wie Naturstrom kooperiert. Christoph Bautz hält das aber für nicht problematisch, zumal man kein Geld nimmt, sondern nur den Verteiler der Kooperationspartner aus der Wirtschaft nutzt, um auf die Aktionen hinzuweisen.

Sicherlich hat auch Campact das Potential Dinge zu bewegen und Bürger stärker in politsche Entscheidungen einzubeziehen.  Was ja eine gute Sache ist. Mehr zum Thema demnächst unter: www.elektrischer-reporter.de.

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Liebe Leute, bald ist ja Bundestagswahl, wie wäre es da mal mit ein wenig politischer Aktion im Web. Wer wissen will, wie man im Internet die Menschen für seine Ziele mobilisiert, sollte vorher bei DigiActive vorbeischauen (Motto: A World of Digital Activists). Diese Anfang des Jahres in den USA gegründete Initiative versteht sich als Anlaufstelle für Aktivisten in Digitalien. Der geneigte Campagnenmacher findet dort eine Fülle von Infos zu laufenden Aktionen in aller Welt, Fallstudien und Anleitungen zum digitalen Ungehorsam zum Beispiel auf Facebook.

Heute sprach ich mit Patrick P. Meier, einem der Initiatoren über die Ziele und das Potential von DigiActive. Er ist fasziniert von der Möglichkeit, über das Internet dezentral organisierte politische Bewegungen und zivilen Protest in aller Welt zu organisieren und das nahezu ohne Kosten. „Wir sind überwältigt von dem weltweiten Zuspruch für unser Projekt“, sagt Patrick. „Wir wollen die Lernkurve der Digital-Aktivisten verbessern, denn einer Demokratie 2.0 steht auch eine Repression 2.0 gegenüber.“

Im Web tut sich also wieder was in Sachen Demokratie. Auch wenn sich bislang nicht alle Hoffnungen hinsichtlicher mehr Demokratie durch das Web erfüllt haben. Es entsteht dennoch ein neuer, öffentlicher politischer Raum ganz im Sinne von Habermas. Und wer als Politiker wissen will, worüber die Menschen reden, der sollte eben auch im Netz schauen, was dort diskutiert wird. Einige Politiker haben das bereits begriffen. Allen voran ein gewisser Herr Obama: Mary Joyce, Mitgründerrin von DigiActive war in seiner Mannschaft mit für die Koordination der Webaktivitäten erforderlich (während dieser Zeit ruhte die Tätigkeit für DigiActive).

Demnächst mehr zu diesem Thema mit einem ausführlichen Interview unter www.elektrischer-reporter.de.

Als Übersprungbewegungen (auch: Übersprung(s)handlung, Übersprungverhalten; engl.: displacement activities, gelegentlich auch: substitute activities oder behaviour out of context) werden in der Ethologie Verhaltensweisen bezeichnet, die vom Beobachter als „unerwartet“ empfunden werden, da sie außerhalb der Verhaltensfolge auftreten, in der sie einem unmittelbaren Zweck dienen.

Wenn ein Huhn angegriffen wird und es sich weder verteidigen noch fliehen kann, dann fängt es eben an zu picken.

Auch der der marktwirtschaftlich geprägte Mensch neigt zu Übersprungshandlungen. Wenn er vor einer drohenden Rezession werder fliehen noch ihre systembedingten Ursachen ändern kann, dann baut er eben Straßen.

Das jedenfalls schlagen jetzt die fünf Wirtschaftsweisen in ihrem Jahresgutachten vor. Der arme Mensch, das dumme Huhn.

PS: die OECD sagt zu diesem Thema übrigens Folgendes:

Recent phenomenal growth in energy and transport use has led to more pollution, resource depletion, congestion, and an increase in greenhouse gas emissions, which all contribute to climate change.

Aber was rege ich mich auf. Schon die in dieser Woche vorgestellte Studie der OECD zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels und möglichen Reaktionen darauf wurde in den Medien mehr oder weniger totgeschwiegen.

Wir haben ja Finanzkrise und der Autoindustrie geht es schlecht. Wenn wir die wirtschaftlichen Folgen des Kilmawandels spüren ist es noch früh genug, sich damit zu beschäftigen. Eins nach dem anderen.  Außerdem können wir dann immer noch behaupten, dass man das mit diesen drastischen Klimafolgen ja nicht hätte ahnen können.

Aber vielleicht werden dann in 30 Jahren die jüngeren Leute in fragen: „Warum habt ihr nichts unternommen? Ihr wußtet doch alle Bescheid!“

Frühstück – Zeitunglesen, obwohl alles auch schon online ist. Manche lernen es nie, so wie ich. Doch das könnte sich vielleicht nach dem heutigen Tag ändern. Weil die Süddeutsche Zeitung an den Rand der Stadt Gesellschaft gezogen ist, glaubt sie, mich mit einem Berg sinnlos bedrucktem Papier zumüllen zu dürfen.

Nicht nur Online scheint Spam also ein gutes Geschäft zu sein. Denn auf sage und schreibe 56 Seiten Umzugsbeilage (Abschied und Aufbruch) feiert der Verlag seinen Umzug in ein neues Hochhaus „mitten in einem Gewerbegebiet, wo die Stadt München gerade beginnt, architektonisch und stadtplanerisch auffällige Akzente zu setzen“. Schöner als Chefredakteur Hans Werner Kilz in seinem Editorial kann man „wir ziehen in die Wüste“ nicht umschreiben. Und deshalb meutern er und seine Redaktion auch gegen diese Entscheidung, die gemütliche Innenstadt mit ihren guten Einkaufsmöglichkeiten zu verlassen.

Kilz, indem er Bürgermeister Ude mit den Worten „Wer aus der Sendlinger Straße, …, nach Steinhausen, also in ein städtebauliches Wildschweingehege umzieht, muss ein ziemlicher Depp sein“. Und die Redaktion übt den stillen Protest, indem sie eine fantasielose Beilage in buchstärke produziert, wie es sie selten gab. Ich lese einen Nachruf auf den Paternoster, letzte Worte, und einsame Texte über Hochhäuser, überflüssige Geschichten über das Arbeiten in Großraumbüros. Ja man nimmt mich sogar mit auf einen „Streifzug durch das Niemandsland“.

An dieser Stelle standen mir die Tränen in den Augen und ich bekam schreckliches Mitleid mit den Redakteuren der SZ, auch weil ich wusste, dass die Kollegen hier nicht freiwillig hingezogen sind. Sie wurden gezwungen und zwar vom grausamen Kapital wie Kilz schreibt: „Nun, wir sind nicht freiwillig gegangen. Wir mussten weichen. Wenn exzellente Innenstadt-Lagen „kapitalisiert“ werden, spielen Standortfaktoren wie Tradition, Urbanität und Nähe zum innerstädtischen Leben keine Rolle mehr.“

Was da wohl die Bürger Wildschweine aus Steinhausen sagen? Aber sie werden es „irgendwo zwischen S- und Autobahn, zwischen Handymast und Wertstoffhandel“ vermutlich nicht einmal merken, denn wer dort wohnt, liest keine so tollen Zeitungen wie die SZ. Schon gar nicht hat er die Nachbarschaft der Münchener Verlagselite verdient. Wenigstens ein Erste-Klasse-Abteil für die Redakteure und Verlagsleute in der U-Bahn hätte der MVV vorher einrichten können.

Ich für meinen Teil dachte bisher, dass die SZ die größte überregionale (mit der Betonung auf über) Tageszeitung in Deutschland mit internationalem Anspruch sei und es darum eigentlich egal ist, wo die Redaktion arbeitet.

Aber nun gut, wo ist jetzt bitte der versprochene Aufbruch geblieben? Vielleicht auf Seite 15. Da erklärt mir Autor Christian Krügel immerhin „die Quadratur des Kreises“ doch er beschreibt leider nur das Kästchendenken der alten Ressorts und Redaktionsstrukturen. Die kurzen Wegen zur Onlineredaktion haben nur Prio drei, das kann ich der Grafik beim Artikel entnehmen.

56 Seiten uninspiriertes Jammern, dass kann einem schon fast den Start in den Tag verderben. Zum Glück sind auch Anzeigen abgedruckt. Und das scheint ja in der Zukunft der einzige Sinn von Zeitungen zu sein, folgt man der Aussage dieser Beilage. Was zwischen den Anzeigen steht, ist dann auch egal. Viel Spaß im neuen Gebäude!

PS: Liebe Ureinwohner von Steinhausen, nehmt es den Redakteuren der SZ nicht krumm, sie leben in ihrer eigenen Welt, ihrem neuen Glaspalast und werden sich schon noch an euch gewöhnen.