Verlage und Verleger verhalten sich in Krisenzeiten wie Manager von Industrieunternehmen: Sie setzen auf klassische Sparprogramme, reduzieren die Personalkosten und hören ansonsten auf eine Horde von (wechselnden) Beratern, die häufig noch nicht einmal aus der Branche kommen.

Die Unternehmens- und Produktentwicklung wird damit aus der Hand gegeben, was fatal ist, weil der direkte Kontakt zu den Kunden = Lesern verloren geht. Wer aber nur in Form von – mehr oder weniger – verallgemeinernden Studien versucht, ein Gespür für die Wünsche der Kunden im Speziellen und die Medienentwicklung im Allgemeinen zu bekommen, begeht einen Fehler.

Problematisch ist auch die Rolle der Verbände, die zentrale Entwicklungsarbeit leisten möchten aber ebenso häufig wie die Verlage selbst, die Beharrungskräfte des alten Denken nicht durchbrechen können und Zukunft, wenn überhaupt, nur in einer linearen Fortschreibung bestehender Trends denken. Manche Treffen mit Vertretern des BDZV bestärken mich in dieser Meinung.

Heute hat der Weltverband der Zeitungen (WAN) per Pressemitteilung auf eine neue PwC-Studie zur Zukunft der Zeitungen aufmerksam gemacht, die zur „Power-of-Print-Konferenz“ (27. – 28. Mai in Barcelona) vorgestellt wird. Wobei allein schon der Name der Konferenz befremdlich wirkt. Warum heißt es nicht „Power of Journalism“?

Die Zusammenfassung der Studienergebnisse ließt sich entsprechend. Sie wärmt Themen und Thesen auf, die seit Jahren in dieser Form diskutiert werden und doch nie eingetreten sind:

Despite the huge potential for growth online, print remains the largest
source of revenue for newspaper companies, and will continue to be so for
some time.
Das blendet die aktuelle Lage der Zeitungen komplett aus. Und ist ein zweifelhafter Aufruf zum Weitermachen wie bisher.

– Consumers are willing to pay for online content. Two-thirds of respondents
in a global survey said they were willing to pay for general news content
online and all are willing to pay for it in print, despite the advent of
the free daily newspaper. But newspapers need to develop strategies for
monetising their content and intellectual capital.

Das Modell Pay-Content versucht man schon seit fast 10 Jahren herbeizubeten. Es ist die einzige unkreative Antwort auf den Medienwandel mit weltweit an nur einer Hand abzählbaren Beispielen.

– General consumer spending on the internet will increase in the next few
years, and this will change the mindset of consumers who are now expecting
to get everything for free. Wie oben ist hier der Wunsch Vater des Gedankens.

– Consumers don¹t only appreciate journalists for their general news
reporting they place high value on the deep insight and analysis provided
by journalists.
Ja und? Was folgt daraus?

– Traditional newspapers still have a strong and relatively loyal reader
base, as their reliability is perceived as being greater than that of other
media.  This gives newspapers the opportunity to lead and to follow
audiences as they use online and portable electronic media. The report found
that the core principles of deep analysis and trusted editorial translates
well online the newspaper brand is more important than the medium.

Ja, die Marke macht’s, ist ein weiteres Mantra, welches seit Jahren fortwährend wiederholt wird. Nur wird es dadurch nicht richtiger. Auch bei Autos glaubte man an die Kraft der Marke, bis vor ein paar Monaten.

– Newspapers have responded to the economic downturn by focusing on cost
reductions. Many are also accelerating content distribution strategies over
many channels. ³However, many have still to fully review their existing
business models to take full advantage of the innovation in the marketplace
and the demands of consumers,² the report says.
Was wollen uns diese Worte sagen?

– The market for mobile devices is growing rapidly. But mobile news delivery
is low on the list of consumer preferences because of the difficulty of
reading on the devices.

Wenn man sich vorstellt, dass ganze Zeitungsseiten auf dem Mobile Device gelesen werden, mag das stimmen. Nur neue (journalistische) Formen entstehen gerade und sind das Mittel der Wahl. Egal ob das nun Tweeds, Videos oder etwas anderes sind.

– Consumers and publishers alike are concerned about the environment and
attach high value to a publishing company using environmental friendly
practices. Some newspaper publishers have addressed the issue, but many have
not.

Umweltfreundlich ist das Drucken und das Verteilen von auf Papier gedruckten Informationen sicher nicht, das stimmt.

Mir liegt die gesamte Studie nicht vor, das muss ich einschränkend sagen. Aber diese Zusammenfassung macht zornig. Diese Studie führt nicht in die Zukunft. Dabei wäre es so einfach, sich über mögliche Szenarien zu informieren. Die allermeisten Informationen dazu sind im Web sogar kostenlos verfügbar und zwar nicht, weil sie von irgendwem verbotener Weise online gestellt wurden, sondern weil die Menschen, die sich Gedanken zum Thema machen, ihre Ideen selbst im Web veröffentlichen – ganz freiwillig.

Ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke für viele aus der Branche, ebenso wie die Idee, dass die Zukunft von Zeitungen nicht auf Zeitungskongressen besprochen wird, sondern auf Onlinekongressen – nur da sieht man die Vertreter der Zunft leider so gut wie nie.

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