Juni 2009


Warum steht das Versandhaus Quelle kurz vor der Pleite? Weil es einen Katalog drucken will! Der Quelle-Katalog war damals bei meinen Eltern immer so etwas wie der Shoppinganteil des Internets: Da lag er dann, ausgedruckt auf dem Küchentisch. Man konnte darin surfen, blättern, sich die Sachen anschauen, die man gerne einmal hätte. Vom neuen Polstersessel über die Privilleg Waschmaschine bis zum ersten eigenen Farbfernseher oder den Staubsauger.

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Der Katalog war dick, sehr dick. Genau wie das Web heute beinhaltete er das zu seiner Zeit denkbare Warenuniversum. Den Duft der frisch gedruckten Seiten habe ich als Kind inhaliert, um dann immer studenlang in den Kapiteln über Fahrräder und Unterhaltungselektronik zu blättern. Meinen ersten Schaub-Lorenz-Cassettenrekorder durfte ich dort bestellen und habe ihn dann Weihnachten bekommen.

Der Quelle-Katalog hatte übrigens damit genau die Sinnlichkeit der Nutzung, die die Macher von Tageszeitungen auch von ihrem Produkt annehmen und er funktioniert trotzdem nicht mehr. Weil mittlerweile das denkbare Warenuniversum im Netz eben unendlich ist und die Zusammenstellung des Katologes eine Begrenzung, die kein Kunde mehr akzeptiert. Eben genau wie bei den Nachrichten.

Wir hatten immer viele Produkte von Quelle, von der Waschmaschine angefangen bis hin zum Staubsauger. Und der funktioniert immer noch – nach 28 Jahren! So eine Qualität gibt es heute gar nicht mehr. Ich werde ihn weiter in Ehren halten als Erinnerung an den Quellekatalog mit seinem herrlichen Duft. Da kann das Web wirklich noch nicht mithalten. Aber der Duft alleine rechtfertigt nicht mehr seine Herstellung.

Man mag es kaum glauben aber die Grundidee hinter Google Wave ist mehr als 40 Jahre alt. Denn 1967 machte sich Ted Nelson daran, auf Basis des vom ihm erdachten Hypertext-Systems, unter dem Namen Xanadu eine allumfassende Bibliothek des Weltwissens zu entwickeln. Kern von Xanadu war ein ausgeklügeltes Dokumentenmanagementsystem.

Erst kürzlich machte mich @sixtus auf Xanadu aufmerksam und empfahl mir einen Wired-Artikel aus dem Jahre 1995 zur Lektüre. Zufällig schaute ich mir gleichzeitig noch die Wave-Präsentation auf Youtube an, und plötzlich war es so, als würde der Wired-Text genau das beschreiben, was bei Wave realisiert wurde:

Xanadu could (also) provide a tool for rational discussion and decision making among very large groups. In the Xanadu docuverse, an assertion could always be followed back to its original source. An idea would never become detached from its author. Public discussion on important issues would move forward logically, rather than merely swirling ineffectively through eddies of rhetoric. In fact, any reader could, by creating and following links, freeze the chaotic flow of knowledge and grasp the lines of connection and influence.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Wie das World Wide Web war Xanadu als dezentrales Speichersystem für Dokumente gedacht. Jedes Dokument in Nelsons Hypertext-Raum sollte eine absolut eindeutige Adresse (unabhängig vom Speicherort) besitzen. Innerhalb des Dokuments sollten selbst einzelne Zeichen direkt von anderswo adressierbar sein. Dokumente stellte sich Nelson als unlöschbare Einträge in einer globalen Datenbank vor. Man konnte zwar, so die Idee, eine neue Version veröffentlichen, doch die alte Version des gleichen Dokuments blieb verfügbar, und Unterschiede zwischen zwei Versionen ließen sich auf einfache Weise sichtbar machen. Zusammengehörende Dokumente sollten in parallelen Fenstern, so genannten transpointing Windows, samt den Verbindungen dazwischen angezeigt werden.

Verweise sollten bidirektional sein; wenn man eine Seite in Xanadu betrachtete, sollte man also auch sehen, welche anderen Seiten auf diese Seite verwiesen. Anstelle des im Web üblichen „Copy & Paste“, des einfachen Kopierens von Inhalten, sollten die Adressen von Inhalten an der Stelle, an der man sie benutzt, eingefügt werden. Wenn man also z. B. ein Buch zitiert, würde man einfach die Adresse (also die global eindeutige Nummer des Buches sowie die Zahl der zu zitierenden Zeichen) an der entsprechenden Stelle einfügen, nicht den Zitattext selbst (sog. Transklusion). Der Client (das Xanadu-Äquivalent zum Webbrowser) würde die entsprechenden Daten dann an der richtigen Stelle einfügen.

In mancher Hinsicht gingen bzw. gehen Ideen von Xanadu weit über das hinaus, was später durch das Internet realisiert wurde. Beispielsweise beinhaltete Xanadu ein Rechtemanagement, dass es ermöglichen sollte, Autoren bei der Nutzung ihrer Werke durch andere automatisch zu vergüten.

Und damit wird auch deutlich, welches Potential noch in Wave steckt. Wenn es so funktioniert, wie es sich die Entwickler vorstellen, lässt sich Wave um viele Module erweitern, wie eben ein Rechtemanagement.

Ted Nelsen war ein Visionär, der rund 30 Jahre an der Verwirklichung seines Traum zusammen mit anderen gearbeitet hat und aus verschiedenen Gründen gescheitert ist. Der Wired-Text ist wirklich lesenswert. Spannend ist nun, dass Google sich bewußt oder unbewußt eben genau diese Ideen zu nutze macht und es schafft, über die bestehende Systematik des Webs hinauszudenken. Während andere, wie Microsoft mit seinem Projekt Bing, im bestehenden Rahmen bleibt und Anwendungen für das Web erfindet, baut Google das Web ein Stück weit neu (Über die Vor- und Nachteile muss man sich dann noch gesondert unterhalten).