Juli 2009


Dosenpfand

Transformers I

Transformers II

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Vielleicht ist es ja ein Zufall: Auf Seite 2 berichtet das Handelsblatt heute klein über die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. (Caritas in veritate), in der er sich gegen „ein rücksichtsloses Profitdenken und für Moral und Ethik im Wirtschaften“ einsetzt.

Blättern wir dann weiter in die Finanzzeitung auf die Seiten 22/23, reichen schon die Überschriften, um zu sehen, was Sache ist bzw. wie weit der Papst von den Finanzzentren entfernt ist:

„Und ewig lockt das schnelle Geld“

“ Gedemütigte Banker greifen an“

„Die dicken Boni sind zurück“

„Nur die Visitenkarten ändern sich“

Wie gesagt, das sind nicht etwa die Überschriften einer Woche, sondern einer Doppelseite an einem Tag.

Vielleicht ist deshalb auch die Handelsblatt-Finanzzeitung (Aufmachung: „Das ewige Kasino“) vom Rest der Zeitung getrennt, weil die Finanzwelt eben in sich geschlossen ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Diese Regeln widersprechen in nahezu allen Punkten, dem was der Papst in seiner Enzyklika fordert.

Die Bremsen bei den alten IC-Wagons stinken oder quietschen. „Das ist so, daran kann man nichts ändern“, sagte jüngst auf einer Fahrt von Hamburg nach Düsseldorf eine Zugbegleiterin als ich sie fragte, warum es im Wagen wieder so erbärmlich nach verbrannten Bremsen stinkt. Anwohner hätten sich über das starke Quietschen beschwert, worauf man die Wagons vor zwei Jahren umgerüstet hätte – nun stinken sie bei jedem etwas stärkeren Bremsvorgang wie ein LKW dessen Bremsen sich festgefressen haben.

Aber keine Angst: Das ist alles völlig harmlos, wie eine Anfrage bei der Bahn ergab (die übrigens sehr schnell reagiert hat):

Erlauben Sie uns bitte den Hinweis, dass organische Bremsbeläge, wie sie überwiegend in Schienenfahrzeugen eingesetzt werden, aus Metallfasern und Füllstoffen (kein Asbest) bestehen, die mit einer Kautschuk-Kunstharzbindung miteinander verbunden werden. Diese Mischung wird auf Trägerbleche aus Metall aufgebracht und anschließend in Öfen gehärtet. Bei der Aushärtung kommen auch schwefelhaltige Vernetzungshilfsmittel zum Einsatz.

Beim Bremsvorgang werden geringe Mengen dieser Schwefel enthaltenden und damit geruchsbildenden Produkte freigesetzt. Gerne weisen wir Sie darauf hin, dass dieser Geruch schon in geringster Konzentration wahrgenommen wird, gesundheitlich aber völlig unbedenklich ist.

Na dann.

Elektroautos sind groß in Mode: Bei den Herstellern, in den Medien und vielleicht auch bald bei den Kunden. Durch eine gefühlvolle PR sollen die Autofahrer auf den Kauf eines E-Mobils vorbereitet werden. Die Botschaft: Du Autofahrer mußt auf nichts verzichten. Dein Auto hat sogar noch so etwas wie einen Tank, da kannst du wie bisher den Tankrüssel reinstecken.

An das Paradigma vom steten Wechsel aus ‚Fahren – Tanken – Fahren‘ klammern sich Verbraucher, Industrie und Berichterstatter. Denn wann immer eines dieser neuartigen Wundervehikel abgebildet wird, steht es irgendwo und wird aufgetanktladen. Dabei ist dort wo sonst der Tankschlauch steckt, ein Kabel angeschlossen.

Das zeigt, wie schwer es uns fällt, nach etwas mehr als 100 Jahren Automobilgeschichte, in neuen Kategorien zu denken und das bestehende Autokonzept in Frage zu stellen. E-Autos zum Auftanken an einer Tankstelle oder zu Hause sind so sinnvoll wie eine Elektrolokomotive mit Kohletender.

Auslaufmodell Zapfpistole

Auslaufmodell Zapfpistole

Der einzige, der das Konzept Auto mit E-Motor konsequent gedacht hat ist Shai Agassi. In seinem Modell wird Mobilität zum Service. Wir können Fortbewegung buchen, so wie wir heute bei unserem Mobilfunkanbieter Kommunikation kaufen. Das Auto gibt es vielleicht sogar gratis dazu. Und Batterien werden nicht aufgetankt, sondern einfach an passenden Stationen innerhalb von Sekunden gewechselt.

Für dieses Konzept wirbt er Agassi schon seit einiger Zeit. Doch die Entwicklung in Sachen Auto wird bei uns leider in die falsche Richtung getrieben, weil eine konsequente Verkehrspolitik die bestehenden Strukturen aus Autokonzernen und Ölindustrie gefährden würden. Wir als Verbraucher sollen daher am Bild der Benzinkutsche festhalten und sehen aus diesem Grund immer E-Autos mit Tankrüssel in den Medien. Allein die unglückliche Abwrackprämie wird Innovation in diesem Bereich auf Jahre verhindern. Statt mit diesem Geld neue Mobilitätskonzepte zu fördern, setzten wir weiter auf die Überholte Technologie des Verbrennungsmotors.

Die Deutsche Bahn will mit einem neuen Service unter der Bezeichnng „The Indian Feeling“ wieder mehr Reisende in ihre alten IC-Züge locken. Ab sofort dürfen Passagiere in den Monaten Mai bis September auch auf dem Dach der Wagons mitfahren. Dazu wurden in den letzten Wochen neben den Türen spezielle Trittleitern angebracht und die Dächer mit Haltegriffen versehen.

Nach eigenen Angaben will die Bahn ihren Kunden die Faszination von Bahnreisen auf dem indischen Subkontinent vermitteln.

Ein Sprecher der Bahn bestätigte gegenüber diesem Blog: „Wir möchten unseren Kunden ein attraktives und günstiges Angebot machen. Unsere IC-Züge fahren so langsam, dass das Mitfahren auf dem Dach vollkommen ungefährlich ist“, sagt Hermann Mähdorn.

Die Fahrgäste hätten sogar einen deutlich erhöhten Reisekomfort gegenüber den Mitreisenden im Abteil. „Auf dem Dach herrscht stets ein angenehmes Klima“, erklärt Mähdorn. Auch von den beim IC stets übel stinkenden Bremsen bekomme man nichts mit. Außerdem böte das Fahren auf dem Dach einen natürlich Schutz vor Vieltelefonierern.

Bei Regen sollen Planen aus den Altbeständen der NVA an die Dachpassagiere ausgegeben werden. Das Angebot gilt nur für Inhaber einer Bahncard, die schon Bahncomfortpunkte gesammelt haben. „Wir müssen dieses attraktive Angebot limitieren, weil die Nachfrage einfach zu groß ist,“ sagt der Sprecher. Das hätte die Marktforschung ergeben.

Bahnexperten vermuten jedoch, dass die Bahn mit dem Angebot „Indian Feeling“ nur von dem Umstand ablenken will, dass sie einfach nicht mehr über genug rollfähige Wagons verfügt, um in den Ferienmonaten allen Passagieren einen Sitzplatz anbieten zu können. „Da aber sowieso nur noch Menschen aus der unteren Einkommensgruppe die Bahn nutzen, ist das Angebot aus Sicht der Bahn konsequent“, meint Peter Bremser, Vorstand des Fahrgastverbandes Froh-Bahn.

Auch das Bundesverkehrsministerium äußerte sich positiv. „Wir hatten bereits über eine Abwrackprämie für Wagons unterhalten, dieses Thema ist mit „Indian Feeling“ aber nun glücklicherweise vom Tisch. Wir werden uns weiter voll auf die Autoindustrie konzentrieren“, sagt Ferdinand Päich, Sprecher im Bundesverkehrsministerium.

Buchen kann man „Indian Feeling“ hier.

Wie schön, das Netz hat eine neue, alte Debatte. Denn wenn Hubert Burda quasi ex cathedra spricht, dann ist das für die Branche immer noch ein Grund zuzuhören. Auf seinen Text in der FAZ („Wir werden schleichend enteignet“) gab es daher zwangsläufig viele und heftige Reaktionen.

Eigentlich ist es müßig, die Diskussion: „Die (guten) Verlage und das (böse) Netz“ immer wieder aufs Neue zu führen. Denn es gibt weder neue Argumente noch andere Lösungen. Doch man sollte vorsichtig sein. Denn Burda wollte natürlich nicht die Menschen im Netz erreichen, die sich jetzt an ihm und seinen Argumenten abarbeiten (Martin Oetting, Ulrike Langer und viele andere). Seine Adressaten sind seine Leute im VDZ und in der Politik.

Deren Aufmerksamkeit bekommt man nämlich am besten über einen schönen großen Artikel in der Faz. Ich halte Hubert Burda aber für viel zu schlau, als dass er blauäugig mal eben unüberlegt einen feuilletonistischen Meinungsbeitrag ohne Ziel und Zweck abdrucken lässt. Schließlich ist er erfolgreicher Unternehmer und möchte das auch bleiben.

Der Text ist daher ein einziger Appell an die Politik, erneut Partei für die Verleger zu ergreifen. Das hat schon bei der Breitseite gegen die Onlineaktivitäten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks sehr gut funktioniert. Mit dem Ergebnis des jetzt in Kraft getretenen 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages und der Einführung von so lustigen Begriffen wie „presseähnliches Erzeugnis“ (s.u.).

Hubert Burda weiß es besser, denn als 2005 der erste DLD stattfand (damals noch Digital Lifestyle Day), da wollte es der Zufall, dass ich im Veranstaltungssaal von Schloss Nymphenburg in München direkt neben dem Verleger saß. Und so bekam ich unmittelbar mit, wie sich Burda den neuen Medien nähert: In dem er Hof hält und einfach alle Trendsetter nach München lädt und sich persönlich von der Szene die Ideen präsentieren und sich inspirieren lässt. Burda saß und sitzt dabei immer in der ersten Reihe. Damals schrieb er alles in ein mit seinen Initialen geprägtes Büchlein, notierte zum Beispiel was Caterina Fake über das noch junge Angeobt Flickr zu erzählen hatte.

Burda kennt sie wirklich alle und die Top-Gründer zählen heute zu seinen persönlichen Kontakten, angefangen von Yossi Vardi (Gründer mult. und ICQ-Erfinder) über Marissa Mayer (Google) bis hin zu Esther Dyson (ED Venture).

Der DLD ist heute die angesagteste Konferenz in Deutsch-Digitalien, mittlerweile firmierend als: Digital, Life, Design, an inspiring community for the 21st century which features digital innovation, science and culture and brings together thought leaders, creators, entrepreneurs and investors from Europe, the Middle-East, the Americas and Asia.

Viele waren in diesem Jahr übringes sehr sauer, dass sie aufgrund der reduzierten Teilnehmerzahl nicht in die Kardinal Faulhaber Straße kommen durften. Niemand kann mir darum erzählen, Burda habe keine Ahnung vom Web. Zumal 2009 auch viel vom Journalismus gesprochen wurde und Jeff Jarvis sogar sein neues Buch verteilen durfte. Schließlich hat Burda zusätzlich noch einen Haufen guter Berater und Insider um sich geschaart, die sich, wenn sie nicht gerade den DLD organisieren, jede Konferenz der Welt zum Thema anhören wie man auf Twitter ja leicht nachvollziehen kann.

Wieso also dann diese Reaktion, dieser Text? Eine Antwort darauf bewegt sich natürlich im Bereich der Spekulation. Entweder er hat, seit es den DLD gibt, wirklich nichts dazu gelernt, was ich nicht glaube. Oder die Zeit der traditionellen Verlage ist tatsächlich vorbei und Burda spricht mehr für den VDZ als für sich die Abschiedsworte. Der Versuch jedenfalls, das tradierte Geschäftsmodell von analog auf digital umzusetzen sonst aber so weiterzumachen wie bisher ist gescheitert.

Ich halte dabei die Standesorganisationen VDZ und BDZV für relativ unglücklich agierende Vereine, weil sie aus meiner Kenntnis heraus immer auf Abwehr eingestellt waren und nie selbst in die Innovationsoffensive gegangen sind. Stattdessen versucht man dort mit aller Macht statt der Inhalte den Vetriebsweg auf Papier zu schützen, weil sich Anzeigen nun mal nur auf Papier drucken lassen. Nebenbei sollten dazu auch den Begriffen aus der Printwelt im Web Gültigkeit verschafft werden. Das mündet dann in der kruden Idee, journalistische Inhalte im Web als presseähnliche Erzeugnisse zu bezeichnen.

Jetzt wieder nach dem Staat zu rufen, ist nur ein Zeichen für den Beginn des letzten Gefechts. Ich würde stattdessen gerne mal einen Text von Hubert Burda mit dem Thema lesen: „Was ich auf dem DLD gelernt habe“ und freue mich schon auf den DLD 2010. Ich hoffe, dass ich teilnehmen darf. Und vielleicht sitze ich ja wieder neben Hubert Burda persönlich. Dann werde ich mal versuchen, in sein Notizbuch zu spinksen (und anschließen hier berichten