August 2014


„Es war die beste Zeit und zugleich die schlimmste.“ Die Menschen haben Zugang zu einem früher nie für möglich gehaltenen Umfang an Informationen. „Jeder trägt irgendwie dazu bei, eine lebendige Medienlandschaft zu kreieren. Die herkömmliche Presse jedoch existiert nicht mehr“. „Die New York Times ist im Jahr 2014 offline. Das Glück des Vierten Standes ist verblasst. Was ist mit den Medien passiert? Und was ist EPIC?“

Szenen aus dem Video „Google EPIC“. Es war der November 2004, als die erste Version von „Google EPIC“ im Netz die Runde machte. Das Video beschreibt einen fiktiven Rückblick durch das „Museum of Media History“ aus dem Jahr 2014 und stellt die damalige Zukunft – also unsere Gegenwart fast schon verstörend präzise dar.

Vielleicht war es einfach nur Pech, dass 2004 auch YouTube noch nicht erfunden war und das Video mangels reichweitenstarker Videoplattform nach heutigen Maßstäben nicht „viral“ wurde, sonst wäre die Entwicklung der Medien vielleicht anders verlaufen.

Ihr hättet es wissen können

Dennoch: Aus heutiger Sicht müssen sich die Medienexperten und Branchenvertreter vorhalten lassen: Ihr hättet es wissen können. Denn 2006 erschien eine aktualisierte Fassung des Films auch auf Deutsch, bei deren Vorstellung auf einem Webmontag in Berlin einige der heute immer noch aktiven Netzgesichter dabei waren.

Und obwohl in dem Film weder Echtzeit-Newsticker wie Twitter noch Soziale Netzwerke in ihrer heutigen, tatsächlichen Bedeutung gewürdigt werden (Facebook wird zufällig auch 2004 gegründet) beschreibt das Video mit der Idee von „Google- EPIC“ sehr präzise die Ergebnisse von sozialer Vernetzung und Realtime-Information, so als verfügten die Macher des Videos schon 2004 über unsere Erfahrungen mit Facebook & Co aus dem Jahr 2014.

Google Epic: „Evolving Personalized Information Construct“.

„Epic stellt für jeden ein Content-Paket zusammen, das seine Vorlieben, seine Konsumgewohnheiten, seine Interessen, seine demografischen Faktoren und seine sozialen Bindungen nutzt. Bestenfalls ist Epic für seine klügsten Nutzer eine Zusammenfassung der Welt, tiefer, umfassender und nuancierter als alles vorher Erhältliche. Aber schlimmstenfalls ist Epic für allzu viele Menschen lediglich eine Ansammlung von Belanglosigkeiten, viele davon unwahr, alle begrenzt, flach und sensationslüstern.“

„Jeder trägt bei, und viele werden jetzt auch bezahlt, proportional zur Popularität ihrer Beiträge.“

Kommt uns das bekannt vor? Viele Themen, die heute (noch immer) auf der Agenda von Verlagen und Medienhäusern stehen, werden in dem Video angeschnitten: Von der Macht der Algorithmen, Roboterjournalismus, Paywalls über die Filterbubble, Big Data bis hin zum Kampf der alten gegen die neunen Medien.

Es heißt: „2011 erwacht die schlafende vierte Gewalt, um ein erstes und letztes Mal aufzubegehren. Die New York Times verklagt Googlezon (den Vorläufer von EPIC) mit der Begründung, Googlezons Tatsachen isolierende Robots seien eine Verletzung des Urheberrechts. Der Fall kommt bis vor das oberste Gericht, das am 4. August 2011 zugunsten von Googlezon entscheidet.“

Als wäre der Streit um das Leistungsschutzrecht schon vorempfunden worden. 2014 geht die NYT dann offline: „Die Times wird ein nur noch gedruckt erhältliches Mitteilungsblatt für die Elite und die Älteren.“

Wachsender Einfluss der Bürgerreporter

Selbst der wachsende Einfluss von Augenzeugenberichten und Bürgerreportern wird schon vorweggenommen:

„2015 Pinki Nankani, Flüchtling der ehemaligen Digitalausgabe der New York Times, findet eine neue journalistische Berufung. Sie beginnt, mit Geo-Daten versehene Broadcasts aus ihrer Nachbarschaft zu sammeln. Bald schon ist Pinkis Sendung ein Magnet. Immer mehr Menschen beginnen, ihre Broadcasts mit GPS zu versehen, als ihnen bewusst wird, dass auch sie dabei sein können …“

Heute würde Pinki sicher YouTube-Videos machen und twittern – aber der Rest stimmt.

Das Video handelt von der Weitsicht der wenigen, vom Erfindungsreichtum der digitalen Aufsteiger und der Trägheit der traditionellen Medienbranche. Einige, die damals schon in der Verantwortung standen, beginnen heute das Lamentieren. Wie Roland Tichy, der in einem Blogbeitrag zu Selbsterkenntnis vor kurzem schrieb:

„Das Handelsblatt, dessen Verlag immerhin meinen Urlaub finanziert, will meine „Abononnt“-Nummer wissen. Erstens habe ich ganz sicher meine Buchhaltung zur Badehose eingepackt und finde jetzt die Rechnung vom vergangenen Jahr und zweitens: Wenn schon Eure Rechtschreibung so hundsmiserabel ist , glaube ich Euch auch sonst nichts mehr. Das erinnert mich daran, dass eine meiner letzten Leistungen in diesem Verlag war, Österreichern ein Digi-Abonnement zu ermöglichen. Bislang mussten sie ihre digitale (!) Bestellung mit einer deutschen Postleitzahl bestätigen. Ach ja, wann genau war der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich? 1937? Ganz sicher war er 1945 zu Ende.“

Last Call für Zeitungen

Aber ist Tichy als ehemaliges Mitglied der Handelsblatt-Chefredaktion und amtierender Chefredakteur der Wirtschaftswoche nicht selbst seit vielen Jahren in der Verlagsgruppe Handelsblatt an leitender Position tätig? das Unternehmen, das er jetzt kritisiert? Was hat sich nun denn getan in den letzten 10 Jahren – dort und anderswo?

Eigentlich beginnt er erst jetzt das Aufwachen, Tichy ist da nur nur einer von vielen Managern und Chefredakteuren. Schlimmer noch: man hebt bei Focus, Stern und vielleicht auch wieder beim Spiegel wieder die alten Recken aus der Zeit des Bleisatzes aufs Schild, statt sich der in EPIC beschriebenen Herausforderungen zu stellen. Man beschwört ein letztes Mal die Tugendenden vom Blattmachen und gutem Journalismus, statt sich endlich wirklich mit der Zukunft zu beschäftigen – vielleicht, um dann am Ende doch das Schicksal der NYT im EPIC-Video zu erleiden? Unterdessen veröffentlich Clay Shirky einen „Last Call“ – einen Abgesang auf das Ende der gedruckten Zeitung. Ob der Text gelesen wird? Warten wir noch mal 10 Jahre, dann sind wieder wieder schlauer oder wissen wieder das, was wir heute schon hätten wissen können.

EPIC-Text auf Deutsch in der TAZ.

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Was Hyerplapse ist, kann und was man damit machen kann, wurde in den letzten Tagen ja nun schon an vielen Stellen ausreichend dokumentiert und demonstriert.

 
Aber was macht es mit uns? Ganz einfach: Hyperlapsen verdichtet die Zeit und versetzt uns in die Lage, in ein vorgegebenes Zeitintervall noch mehr Inhalte (= persönliches Erleben) zu pumpen oder eben umgekehrt, ein vorhandenes Erleben in kürzerer Zeit abzubilden. 
 
Über die nun verfügbaren Hyperlapse-Apps sind wir plötzlich in der Lage, auch unser eigenes (Er-)Leben zu verdichten und in dieser gepressten Form im Netz auszustellen. Also: Der Sender bringt mehr unter – die Empfänger können in gleicher Zeite (noch) mehr konsumieren. 
 
Wie schön. Aber was heißt das?
 
Wer mit Schnittprogrammen arbeitet, kennt das: Nach der Beschleunigung des Videomaterials bleibt in der Timeline plötzlich ein Lücke. 
 
Diese Lücke ist ein Leerstelle, die man im Schnitt hinten abschneiden oder anders Füllen kann. Rein zufällig sind die Timelines in einem Schnittprogramm und in den sozialen Begriffen nicht nur von der Bezeichnung her ähnlich. Sie stellen den Ablauf von Ereignissen in der Zeit dar. Und so entsteht diese Art der Leerstelle nun auch im echten Leben – wenn wir es im Netz abbilden und man kann sich fragen: Müssen wir nun noch mehr erleben, um unsere Timeline im Netz zu füllen (um dort relevant und interessant zu bleiben) – oder haben wir endlich die Möglichkeit, dass bisher undokumentierte (weil zeitlich zu sehr gedehnte) Erleben auch noch zu präsentieren?
 
Es könnte sich ein Problem der Synchronisation der unterschiedlichen Geschwindigkeiten einstellen oder der Enttäuschung, wenn echtes Leben sich als langweiliger, langwieriger herausstellt, als die hypergelapsten Ereignisse.
 
Rutschen wir am Ende in die Hyperrealität?

 

Wäre ich jetzt Sozial- oder Netzwissenschaftler oder Psychologe – ich würde abwechselnd staunen oder jubeln. Die #Icebucketchallenge ist quasi ein unverlangt angelegtes Großexperiment zur Psychologie des Menschen unter besonderer Berücksichtigung von Netzwerkmechaniken.

Die #Icebucketchallenge liefert soviel Erkenntnisse über das Verhalten der teilnehmenden Probanden und der Funktionsweise von Netzen, dass man gar nicht wüßte, wo man mit der Auswertung anfangen soll.

Anlass zur vermeintlich uneigennützigen Selbstdarstellen

Vielleicht ist es so: Der vernetzte Mensch pflegt die fortwährende Selbstdarstellung in den Netzen (der Autor nimmt sich da nicht aus, nicht zuletzt durch diesen Eintrag) und fühlt sich doch nie so ganz ganz wohl dabei. Darf man, soll man seinen vernetzten Mitmenschen dauernd mit seinem persönliche Scheiß belästigen? – andererseits: man muss es ja tun – wie würde man sonst noch als relevant wahrgenommen.

Und dann kommen da diese ALS Leute daher und bieten ein emotionales Thema und diesen nicht mehr kritisierbaren Anlass zu einer eben solchen Präsentation im Netz – und nicht nur dass: durch den geschickt eingebauten Schneeball-Effekt der Nominierung, gibt es gleich doppelte Absolution für das eigene Posten / Posen: Man ja gezwungen, bei dem Eiswassertreiben mitzutun (dicke Gänsefüsschen bei gezwungen). Weil: man tut es ja nicht für die eigene Sache, sondern für die gute Sache (eines Dritten). Und selbst die, die sonst im Netz nicht ständig posten, bloggen, twittern haben endlich einen Grund, hier (erstmalig) aufzuspringen: das ist einfach perfekt – vielleicht zu perfekt, s.u..

Doch ein Eimer mit Eiswasser ist nicht ein Eimer an Eiswasser: Die Prozedur bietet eine fast nicht für möglich gehaltene Variationsbreite an Differenzierungs- und eben Selbstdarstellungsmöglichkeiten. Das eigene Profil kann in Richtung Gutmensch geschärft werden. Gleichzeitig bilden sich vorhandene Netzwerkstrukturen durch das Kübeln mit Eis ab, was vielleicht die interessanteste Beobachtung sein dürfte.

Mein linker Platz ist leer, da wünsche ich mir den / die XY her.

Da sind beispielsweise die Eiswassergießer, die Englisch sprechen, wie Herr Steingart Chef der Verlagsgruppe Handelsblatt. Er richtet sich (seiner Natur und Funktion gemäß) an ein größeres Publikum. Als Ausweis des persönlichen Status und der eigenen Gruppenzugehörigkeit dienen die Personen, die man sich zu nominieren traut – wie Frau Meckel (bald Chefin der Wirtschaftswoche), die dann standesgemäß mit Fr. von d. Leyen eine Ministerin nominiert (wichtige Frau nominiert sehr wichtige Frau). Eine (kleine) Stichprobe ergibt: Die Netzwerkkreise bleiben geschlossen, ein Ausbrechen aus den eigenen Kreisen nach „unten“ oder „oben“ kommt nicht vor. Allenfalls gibt es leichte Abweichungen, wie im Fall Meckel (= Chefredakteurin) / Ministerin. Es ist ein wenig wie früher im Kindergarten: Mein linker Platz ist leer, da wünsche ich mir den / die XY her. Das war schon für die Kindergärtnerin (oder den Gärtner) immer sehr aufschlussreich.
Und wer nicht (herbeigegewünscht) oder nominiert wurde, der schaute eben traurig aus der Wäsche – so wie die Kollegen von Handelsblatt.com, die sich folgerichtig selbst nominieren, damit sie auch ein wenig von viralen Hype abbekommen und Netzverständnis bekunden können und sich vor allen (auf ihrer Webseite) in eine Reihe mit Bill Gates, Kai Dieckmann und George W. Busch stellen können (war letzter nicht der, dem wir jetzt die Lage im Irak zu verdanken haben?).

So lässt sich aus den Nominierungen und Handlungen vor der Kamera ein sehr präzises Bild der bestehenden Netzwerke nachzeichnen und zugleich ein Bild der handelnden Personen. Viele von ihnen werden erstmalig vor der Kamera gestanden haben, man sieht es ihnen an.

Verschwundene Eiswürfel 

Aber die Chance, dies zu tun, weil ohne vordergründiges Eigeninteresse ist einfach zu verlockend. Wenn mann dann wie Herr Müller von Blumencron theatralisch noch ein paar eiskalte Eiswürfel („This has to be really cold“) in seinem Eimer packt, die man aber im geschnittenen Video (selbst in der Zeitlupe) nicht mehr erkennen kann, wird das ganze vollends als Schauspiel entlarvt. Natürlich darf man ihn erst recht nicht kritisieren (und vielleicht tue ich ihm auch Unrecht), weil er im Video davon spricht, dass seine Mutter vor 20 Jahren an der Krankheit gestorben sei.

Was uns das lehrt? Sicher, dass Wohltätigkeit dann am besten funktioniert, wenn sich beide Seiten davon einen Gewinn versprechen? Schon die mit Plaketten beschrifteten Parkbänke zeugen davon, dass man als Spender auch gesehen und erkannt werden möchte.
Doch viel mehr lernt man über den Wert von Persönlichkeit im Netz und den Attributen, die wir dieser durch eine derartige Aktion hinzufügen können – und was wir bereit sind, dafür zu tun.

Aufschaukelungseffekte

Mehr noch lernt man über das Funktionieren von Netzwerken und Aufschaukelungseffekten. Denn die Verbreitung hängt nicht nur mit dem guten Zweck und dem System der Nominierungen zusammen, sondern auch mit dem Umstand, dass viele der angesprochenen Nominierten selbst dicke Netzwerkknoten sind und den Schnellball wirkungsvoll weiterrollen konnten, bis schließlich die Medien wegen der Relevanz dieser Persönlichkeiten an der Relevanz des Themas nicht mehr vorbeikamen – schlussendlich wurden so auch hochrangige Unternehmer und Politiker legitimiert ein Handlung vor einer Kamera und der Netzöffentlichkeit zu begehen, die sie kurz vorher sehr sicher unter Androhung von Strafe von sich gewiesen hätten. Wie mittlerweile die ganze Welt erfasst wurde, zeigt diese Grafik sehr eindrucksvoll.

Shareability

Zugleich erfüllen die Videos ganz im Sinne von YouTube das Merkmal der sogen. „Shareability“: Sie sind kurz, bisweilen lustig, und zeigen eine ungewöhnliche Handlung, appellieren zugleich an unsere Gefühle und sind mit einem „Call to action verbunden“ – das reicht aus, um bei vielen Nutzern den Reflex des Teilens und Empfehlens auszulösen. Die so genannte Challege ist so in sehr kurzer Zeit zum Meme geworden, ist mutiert, hat sich verselbständigt und eine eigene Richtung genommen, die nur noch begrenzt mit der Ursprungsidee was zu tun hat.
Vielleicht ist  #Icebucketchallenge bezogen auf das Thema ALS auch längst ins Gegenteil gekippt – und irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist, weil es zu gut auf die Netzwerkmechanismen (und das, was in den Netzen resonanzfähig ist, Peter Kruse) aufsetzt. Jedenfalls ist der Netzeffekt erstmalig in der Elite der Gesellschaft angekommen und damit ein Beleg, dass nun auch diese Schichten „mit drin hängen“, bzw. nicht mehr entziehen können, bzw. wollen, wenn ein Meme im Netz die Runde macht.

Es ist meiner Kenntnis nach nach Kony2012 erst der zweite Fall einer derartigen Aufschaukelung. Hoffentlich bleibt es bei den guten Zwecken, hier gibt es wahrlich ausreichend Bedarf für Menschen mit Eiswasserküblen oder sonstigen Gerätschaften: Man stelle sich vor, diese Art der Solidarität würde für Frieden in Gaza oder in der Ukraine genutzt!
PS:
Ich bin auf die Studien der oben genannten Forschergruppen gespannt.