„Es war die beste Zeit und zugleich die schlimmste.“ Die Menschen haben Zugang zu einem früher nie für möglich gehaltenen Umfang an Informationen. „Jeder trägt irgendwie dazu bei, eine lebendige Medienlandschaft zu kreieren. Die herkömmliche Presse jedoch existiert nicht mehr“. „Die New York Times ist im Jahr 2014 offline. Das Glück des Vierten Standes ist verblasst. Was ist mit den Medien passiert? Und was ist EPIC?“

Szenen aus dem Video „Google EPIC“. Es war der November 2004, als die erste Version von „Google EPIC“ im Netz die Runde machte. Das Video beschreibt einen fiktiven Rückblick durch das „Museum of Media History“ aus dem Jahr 2014 und stellt die damalige Zukunft – also unsere Gegenwart fast schon verstörend präzise dar.

Vielleicht war es einfach nur Pech, dass 2004 auch YouTube noch nicht erfunden war und das Video mangels reichweitenstarker Videoplattform nach heutigen Maßstäben nicht „viral“ wurde, sonst wäre die Entwicklung der Medien vielleicht anders verlaufen.

Ihr hättet es wissen können

Dennoch: Aus heutiger Sicht müssen sich die Medienexperten und Branchenvertreter vorhalten lassen: Ihr hättet es wissen können. Denn 2006 erschien eine aktualisierte Fassung des Films auch auf Deutsch, bei deren Vorstellung auf einem Webmontag in Berlin einige der heute immer noch aktiven Netzgesichter dabei waren.

Und obwohl in dem Film weder Echtzeit-Newsticker wie Twitter noch Soziale Netzwerke in ihrer heutigen, tatsächlichen Bedeutung gewürdigt werden (Facebook wird zufällig auch 2004 gegründet) beschreibt das Video mit der Idee von „Google- EPIC“ sehr präzise die Ergebnisse von sozialer Vernetzung und Realtime-Information, so als verfügten die Macher des Videos schon 2004 über unsere Erfahrungen mit Facebook & Co aus dem Jahr 2014.

Google Epic: „Evolving Personalized Information Construct“.

„Epic stellt für jeden ein Content-Paket zusammen, das seine Vorlieben, seine Konsumgewohnheiten, seine Interessen, seine demografischen Faktoren und seine sozialen Bindungen nutzt. Bestenfalls ist Epic für seine klügsten Nutzer eine Zusammenfassung der Welt, tiefer, umfassender und nuancierter als alles vorher Erhältliche. Aber schlimmstenfalls ist Epic für allzu viele Menschen lediglich eine Ansammlung von Belanglosigkeiten, viele davon unwahr, alle begrenzt, flach und sensationslüstern.“

„Jeder trägt bei, und viele werden jetzt auch bezahlt, proportional zur Popularität ihrer Beiträge.“

Kommt uns das bekannt vor? Viele Themen, die heute (noch immer) auf der Agenda von Verlagen und Medienhäusern stehen, werden in dem Video angeschnitten: Von der Macht der Algorithmen, Roboterjournalismus, Paywalls über die Filterbubble, Big Data bis hin zum Kampf der alten gegen die neunen Medien.

Es heißt: „2011 erwacht die schlafende vierte Gewalt, um ein erstes und letztes Mal aufzubegehren. Die New York Times verklagt Googlezon (den Vorläufer von EPIC) mit der Begründung, Googlezons Tatsachen isolierende Robots seien eine Verletzung des Urheberrechts. Der Fall kommt bis vor das oberste Gericht, das am 4. August 2011 zugunsten von Googlezon entscheidet.“

Als wäre der Streit um das Leistungsschutzrecht schon vorempfunden worden. 2014 geht die NYT dann offline: „Die Times wird ein nur noch gedruckt erhältliches Mitteilungsblatt für die Elite und die Älteren.“

Wachsender Einfluss der Bürgerreporter

Selbst der wachsende Einfluss von Augenzeugenberichten und Bürgerreportern wird schon vorweggenommen:

„2015 Pinki Nankani, Flüchtling der ehemaligen Digitalausgabe der New York Times, findet eine neue journalistische Berufung. Sie beginnt, mit Geo-Daten versehene Broadcasts aus ihrer Nachbarschaft zu sammeln. Bald schon ist Pinkis Sendung ein Magnet. Immer mehr Menschen beginnen, ihre Broadcasts mit GPS zu versehen, als ihnen bewusst wird, dass auch sie dabei sein können …“

Heute würde Pinki sicher YouTube-Videos machen und twittern – aber der Rest stimmt.

Das Video handelt von der Weitsicht der wenigen, vom Erfindungsreichtum der digitalen Aufsteiger und der Trägheit der traditionellen Medienbranche. Einige, die damals schon in der Verantwortung standen, beginnen heute das Lamentieren. Wie Roland Tichy, der in einem Blogbeitrag zu Selbsterkenntnis vor kurzem schrieb:

„Das Handelsblatt, dessen Verlag immerhin meinen Urlaub finanziert, will meine „Abononnt“-Nummer wissen. Erstens habe ich ganz sicher meine Buchhaltung zur Badehose eingepackt und finde jetzt die Rechnung vom vergangenen Jahr und zweitens: Wenn schon Eure Rechtschreibung so hundsmiserabel ist , glaube ich Euch auch sonst nichts mehr. Das erinnert mich daran, dass eine meiner letzten Leistungen in diesem Verlag war, Österreichern ein Digi-Abonnement zu ermöglichen. Bislang mussten sie ihre digitale (!) Bestellung mit einer deutschen Postleitzahl bestätigen. Ach ja, wann genau war der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich? 1937? Ganz sicher war er 1945 zu Ende.“

Last Call für Zeitungen

Aber ist Tichy als ehemaliges Mitglied der Handelsblatt-Chefredaktion und amtierender Chefredakteur der Wirtschaftswoche nicht selbst seit vielen Jahren in der Verlagsgruppe Handelsblatt an leitender Position tätig? das Unternehmen, das er jetzt kritisiert? Was hat sich nun denn getan in den letzten 10 Jahren – dort und anderswo?

Eigentlich beginnt er erst jetzt das Aufwachen, Tichy ist da nur nur einer von vielen Managern und Chefredakteuren. Schlimmer noch: man hebt bei Focus, Stern und vielleicht auch wieder beim Spiegel wieder die alten Recken aus der Zeit des Bleisatzes aufs Schild, statt sich der in EPIC beschriebenen Herausforderungen zu stellen. Man beschwört ein letztes Mal die Tugendenden vom Blattmachen und gutem Journalismus, statt sich endlich wirklich mit der Zukunft zu beschäftigen – vielleicht, um dann am Ende doch das Schicksal der NYT im EPIC-Video zu erleiden? Unterdessen veröffentlich Clay Shirky einen „Last Call“ – einen Abgesang auf das Ende der gedruckten Zeitung. Ob der Text gelesen wird? Warten wir noch mal 10 Jahre, dann sind wieder wieder schlauer oder wissen wieder das, was wir heute schon hätten wissen können.

EPIC-Text auf Deutsch in der TAZ.

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