September 2014


Es geschah im Jahr 2007, da wurde von der New York Times die Kostenloskultur im Internet erfunden (na, jedenfalls dankbar angenommen). In einem Brief an die Leser wird in einer Stimmung, die Aufbruch in eine neue Zeit verkündet, verlautbart:

Effective Sept. 19, We are ending TimesSelect. All of our online readers will now be able to read Times columnists, access our archives back to 1987 and enjoy many other TimesSelect features that have been added over the last two years – free.

Und auch ein Begründung folgt, warum nun das, was bislang kostet, in Zukunft kostenlos sein soll:
Since we launched TimesSelect in 2005, the online landscape has altered significantly. Readers increasingly find news through search, as well as through social networks, blogs and other online sources. In light of this shift, we believe offering unfettered access to New York Times reporting and analysis best serves the interest of our readers, our brand and the long-term vitality of our journalism. We encourage everyone to read our news and opinion – as well as share it, link to it and comment on it.
Da die NYT ja schon immer – nicht nur in Sachen Journalismus – stilbildend ist und war, gab es auch für hiesige Verlage keinen Grund, diese Sache anders zu sehen. Bis, ja bis dann die NYT 2012 das Metered Model einführte und wieder viele folgten. Da war aber die Kostenloskultur inzwischen sehr, sehr böse geworden!
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Schwimmstart in Roth 2014

Schwimmstart in Roth 2014

Wurde ich doch von einem Kollegen ob meiner veröffentlichten Ergebnisse von einem Triathlon in etwas hämischer Art aufgezogen: Man müsse ja nur lange genug warten, bis die Teilnehmerfelder in den oberen Altersklassen kleiner werden, dann klappt es von selbst mit einer guten Platzierung. Ich denke ja, dass das nicht ganz richtig ist und hier steht warum:

Zunächst: Es stimmt ja, es ist wirklich komisch, wenn erwachsene Männer, die ein gewisses Alter überschritten haben, ihre Leibesübungen auf Facebook-Posten – aber da bin ich ja wirklich nicht der einzige und eigentlich sehr zurückhaltend.

Trotzdem: Warum tut man das? Zumal wenn mehr und mehr Fitnesstracker eingesetzt werden, die jedes Training dokumentieren und z.T. automatisch posten oder gar nach Anfeuerung heischen. „Habe eine Runtastische Aktivität begonnen“, geht’s noch? Das müßte man also mal ergründen.

Neues Statussymbol

Vielleicht ist es so: Marathonlauf oder allg. die Teilnahme (nicht der Sieg) bei sportlichen Wettkämpfen ist ein neues Statussymbol geworden, dass man dann gerne im Netz ausgiebig teilt. Menschen die „habe 35 Seiten in Krieg und Frieden gelesen und fühle mich gut“? posten, sind dagegen eher selten.

Warum hat der Sport so einen Stellenwert bekommen: Vielleicht, weil körperliche Anstrengung nahezu komplett aus unserem Leben verschwunden ist. Weil körperliche Anstrengung nicht mehr erzwungen (als Bergmann oder Bauer) stattfindet, sondern absichtsvoll und sich damit durch die Freiwilligkeit in der Bedeutung um 180Grad wandelt: Von der Last zur Lust.

Vielleicht aber auch und ganz besonders, weil die sportliche Leistung in der heutigen Zeit eine der wenigen Eigenschaften im Bereich Status geworden ist, die man nicht kaufen kann – die man allenfalls durch etwas Geld – z.B. durch die mehr und mehr zum Einsatz kommenden personal trainer, Trainingslager und teure Ausrüstung befördern kann (der Durchschnittspreis bei den Triathlonrädern dürfte mittlerweile bei 5.000 Euro liegen).

Selbst erzeugte Differenzierung

Daher ist Sport ein (messbares und selbst erzeugtes) Differenzierungsmerkmal gegenüber allen anderen, was bei der massenhaften Teilnahme an Marathonläufen scheinbar nicht mehr recht funktionieren mag und eigentlich ein ziemlicher Widerspruch ist. Erst recht, seit es diese vielen Staffeln gibt, wo jetzt plötzlich jeder teilnehmen kann. Selbst wenn er / sie die volle Distanz nicht drauf hat, hat er oder sie aber dennoch an einem Marathon „teilgenommen“ und an einem auf Leistung beruhenden Gemeinschaftserlebnis.

Die individuelle (Mit-)teilbarkeit des Erlebten steht zunehmend im Mittelpunkt. Und das funktioniert dann eben trotz der 15.000 Teilnehmer in Berlin, weil es sich im Grunde mit Hilfe des Internet immer um eine absichtliche Reduzierung auf das teilnehmende Individuum auf sich selbst und den Kern der eigenen Leistung handelt: Seht her, ich kann 42km in xx:xx h laufen. Die stolzen „Sieger“-Posen bei den Zieleinläufen erzählen wahrlich Geschichten, besonders davon, dass es sich für die Teilnehmer irgendwie ganz individuell gelohnt haben muss. Keiner ist enttäuscht, dass er nur als 11.245-stigster bei einem Stadtmarathon durchs Ziel gelaufen ist. Mag die Freude beim 4. mit 2:14 h verhalten sein – beim Mittelfeldmann mit 5:24 h ist sie unbändig.

Interessant in dem Zusammenhang ist im Übrigen (und das belegen die Statistiken): Bei den Massen an Teilnehmern bei Marathonläufen sind die gelaufen Zeiten viel schlechter als früher, als die Starterfelder noch kleiner waren. Die Teilnahme an sich zählt, weil sie isoliert betrachtet wird. War der Finisher der 80er und 90er Jahre im Schnitt mit unter 4 Stunden im Ziel, gehen wir heute gut auf die 5 Stunden zu. Die Grenze zum Gehen verschwimmt da schnell und trotzdem sind die Wettkämpfer stolz, weil es als einzelner in der Masse dennoch „ihr“ Wettkampf war. Wir werden Zeuge von 15.000 Einzelwettkämpfen. Aus dem Rennen der 80er Jahre wird heute ein Event. Ausgenommen die Top 100, die wohl noch ein echtes Rennen laufen.

Extremsport boomt

Um der Masse dennoch zu entgehen, kommen Sportarten aus dem Extrembereich, Strongmanruns, auch Lang-Triathlon, Klettern in schwierigem Gelände und / oder großen Höhen usw. in Mode, weil man jetzt hier wieder leichter aus den vielen Individuen herausstechen kann und sich leichter unterscheidet als durch: „Ich bin am Sonntag Marathon gelaufen“. Mit dieser gezielten Vereinzelung steigt der zwar Aufwand der Teilnahme, aber der Aufwand der Differenzierung sinkt enorm – damit verbunden: Mehr Einsatz, mehr Geld, aber auch mehr Risiko. Das alles schön dokumentiert bei der European Outdoor Filmtour (EOFT), dem Sehnsuchtsort des Extremen schlechthin.

Aber was hilft das: Wenn selbst am Mont Blanc und sogar am Everest zu den Stoßzeiten Stau herrscht, und es scheinbar schon kalkuliertes Risiko ist, dabei abzustürzen? Denn: Wer zurückkommt, unterscheidet sich eben auch von denen, die am Berg geblieben sind, der Differenzierungsgewinn steigt eben auch mit dem Risiko.

Durch eine ausgefeilte Repräsentation des Erlebten in den Netzen lässt sich der Kommunikationserfolg zusätzlich steigern. Daher gilt: Je größer der Aufwand / der Einsatz / die Vorbereitung desto höher der Aufwand für die Dokumentation, man denke da an Felix Baumgartner und sein Sprung aus dem All, der ein kaum kopierbares Ereignis darstellt – daher auch der unglaubliche Erfolg von GoPro und RedBull. Der Limo-Laden setzte schon sehr früh auf diese Mechanik und hat damit einen in die Milliarden gehenden Markenwert geschaffen.

Es entsteht ein sich selbst beschleunigender Zyklus. Unter welch‘ anderen Bedingungen ist Reinhold Messner aufgebrochen. Er investierte viel bei seinen Expeditionen in ein Aufmerksamkeitsdefizit und konnte den Reputationsgewinn erst um Wochen oder Monate zeitversetzt über Bücher oder Filme einfahren (mit dem Risiko des Totalverlustes, weil er über Zwischenschritte so gut wie nicht berichten konnte).

Doch auch er hat ein Erlebnisimperium geschaffen, deren Wert aus einer unglaublichen Aneinanderreihung nicht wiederholbarer Einzelleistungen besteht. Verbreitet nur über Bücher, Filme und Vorträge (die heute noch aus den Nähten platzen).

Realtime rulez – würde man jedoch heute sagen. Und es ist fraglich, ob ein Messner heute noch diesen Erfolg erklettern könnte – auch weil die Konkurrenz der Extremen untereinander so enorm ist, und die Echtzeitkanäle so vielfältig wird ein Zeitverzug bei der medialen Abbildung kaum noch akzeptiert. Anders gesagt: ein nicht realtime in Multiperspektive dokumentiertes Ereignis hat (in den Augen des Betrachters oder einem selbst) vermutlich gar nicht stattgefunden. Also ist diese Repräsentation auch immer Selbstvergewisserung. Drohnen, 3D, 4K und vor allem VR-Abbildungen werden hier zu neuen Dimensionen der Darstellung und der Teilhabe führen.

Fleiß ersetzt Talent

Doch zurück zum Sport: Interessant finde ich, dass die Ausdauersportarten, die wenig Talent aber viel Fleiß erfordern, ein Phänomen der gut gebildeten und gut verdienenden (überwiegend männlichen) Mitttelschicht sind. Gerade beim Triathlon trifft man überwiegend auf Leute, die nach den Leistungsgesetzen funktionieren und sich über dieses Anreizschema aus Anstrengung und vollbrachter Aufgabe auch motivieren lassen. Sie haben es zudem meist in anderen Bereichen des Lebens (vor allem Beruf) „schon zu etwas gebracht“. Ihre Disziplin und Durchhaltevermögen hat sie zum Beispiel ein erfolgreicher Werber oder Ingenieur werden lassen. Und diese Grundeigenschaften aus Disziplin und Durchhalten übertragen sie dann auf den Sport und sind dort teilweise damit sehr erfolgreich. Die, die es im Beruf schaffen, schaffen es auch im Sport. Also: Nicht trotz einer beruflichen Belastung, sondern wegen sind die sportlichen Leistungen erst möglich.

Gerade die Teilnehmer ab der AK 40 stecken (bis auf die absolute Spitze) die Jüngeren regelmäßig in die Tasche. Bis zum Alter von 50 / 55 werden die Leistungen eher sogar noch besser (und zwar absolut und nicht nur relativ), bei vielleicht schrumpfenden Feldern, aber es wird (leider!) nicht einfacher, sich dort vorne zu platzieren, eher im Gegenteil. Da hatte ich ja drauf gehofft, wurde aber eines Besseren belehrt.

Direkter Weg zu IceBucketChallenge

Der Selbstdarstellungsquatsch im Internet kam also erst sehr viel später dazu und führt vielleicht in direkter Linie zur IceBucketChallenge, die ein von ALS betroffener gerade im Tagesspiegel als „Symptom einer gestörten Öffentlichkeit“ bezeichnet hat, bei der das „Das ekstatische Individuum im Miniformat“ seine Plattform sucht.

Aber vielleicht geht das alles viel zu weit und alles ist ganz anders, harmlos ist es ganz bestimmt, hiermit möchte ich schließen, viele Spaß beim Training.

Große Bühne für den Mittelstand

Große Bühne für den Mittelstand

Es ist ja eine Fehlinterpretation zu glauben, früher war die Zukunft einfacher (vorherzusehen) bzw. zu gestalten oder es gab gestern weniger zukünftige Möglichkeiten als heute.

Es gibt nämlich immer und in jeder Generation gleich viel Zukunft, nur heute erscheinen uns die Optionen schon fast mehr als unendlich, weil sich mit jeder realisierten technischen Entwicklungen der vorherdenkbare Möglichkeitenraum nicht etwas auf ein bestimmtes Ziel verengt, sondern im Gegenteil: er erweitert sich fast beliebig.

Marktführer sein reicht nicht mehr

Ein Besuch beim Mittelstandstag der Stadtsparkasse Düsseldorf am Donnerstag erlaubte einen Blick in die Seele des mittelständischen Unternehmers, der sich seit je her um allerbeste Produkte und zufriedene Kunden bemüht.

Nur heute muss er feststellen: das reicht nicht mehr. Eine Welle von fremd und bedrohlich klingenden Entwicklungen überrollt die Unternehmer – sie sollen nach Auskunft von „Experten“ Risiken und Chancen zugleich darstellen.

– neuronale Interfaces
– Augmented Reality
– Customization
– Collaboration
– Smart Services
– Intelligente Städte
– KI
– Big Data
– Internet of things

sonst noch was?

Nur: Wer soll sich das alles anschauen, wer die daraus abzuleitenden Strategien entwickeln, wenn schon für die eigentliche Produktion oder Dienstleistung die Fachkräfte fehlen? Sich die Geschäftsführung mit Preisdumping aus Asien und Überregulierung in der EU rumschlagen muss?

Die Welt des Unternehmers, zumal wenn er Mittelständler ist, ist enorm komplex geworden. Da, wo Konzerne ihre Forschungsabteilungen und Beraterstäbe haben, steht die Geschäftsführung des 30-Mitarbeiterbetriebes allein im Wind.

Und wenn das Unternehmen Pech hat und nicht schnell genug, bzw. richtig reagiert fliegen links und rechts die Startups vorbei, die das Geschäft, unbelastet von Tradition und Regulierung aber dafür vollgepumpt mit Venture Kapital kurzerhand an sich reißen. Die Taxibranche, der Handel, Zeitungen und zig andere Bereiche können ein Lied davon singen.

Neue Tugenden für Unternehmer

Und so macht sich eine gewisse Unsicherheit und Überforderung bei manchem Teilnehmer bemerkbar, der erkennt: Nur mit klassischen Unternehmertugenden ist kein Überleben mehr garantiert. Es reicht nicht mehr, in der eigenen Branche Experte und Marktführer zu sein, Prozesse zu beherrschen oder die Kunden zu kennen.

Ein allgemeines Verständnis von Zukunft und ein tieferes Verständnis der Auswirkung von Vernetzung sind die neuen Grundtugenden – weil fast jede Branche davon betroffen sein wird, selbst wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Lieferketten, Kundenbeziehungen – alles gerät aus der guten alten Ordnung. Gleichzeitig tun sich neue Nischen auf, für den, der schnell reagiert. Märkte werden dabei nicht von der Politik dereguliert, sondern durch Innovatoren, das bedeutet: Wer auf den Schutzraum Regulierung vertraut hat verloren.

Ich nenne es die Sharing-Lüge – weil es sich hier um kein echtes Teilen handelt im Sinne von „ich gebe etwas ab“ handelt. Die verschiedenen Plattformbetreiber von Airbnb bis Uber haben es geschafft, sich den Begriff Sharing (der vermutlich aus der Open Source Bewegung kommt) anzueignen und nutzen ihn als gutes Mäntelchen für ihre Geschäfte – oft an der Grenze zur Ausbeutung.

Atomisierte Anbieterbasis

Denn was tun diese Plattformen eigentlich? Sie atomisieren die Anbieterbasis (die sie zum Teil selbst erst induziert haben), bündeln und verteilen auf der anderen Seite die Nachfrage. Das ist aus der Sicht der Plattformbetreiber wirklich nicht schlecht, denn zugleich sind sie auch noch in der Lage, die Austauschbedinungen festzulegen. Und da nun bei diesem System die gesammelte Nachfragemacht auf den einzelnen Anbieter trifft, rutscht der in eine verdammt schlechte Position, die sich nur in einem Preisdruck manifestieren kann. 

Denn nur scheinbar handelt es sich bei der Buchung eine Privatbettes oder eines privaten Fahrer über die Plattformen um ein eins-zu-eins Austauschverhältnis, denn das ist nur die Allokation die nun sehr effizient über die Plattformen und die angeschlossenen Apps stattfindet. 

In Wirklichkeit ist jeder der vereinzelten Anbieter in seinem lokalen Markt Konkurrent eines jeden anderen, alle treffen aber auf eben jene gebündelte Nachfrage. Merkt ihr was? 

Der Middleman lebt – er ist stärker als je zuvor

Hier verschieben sich Gewichte und zwar gehörig. Denn auch ein weiteres Internet-Postulat ist in Wahrheit ein Märchen: Nämlich die Geschichte vom „Death of the middleman“. Klar, verschwinden viele der alten Mittelsmänner und Händler doch nur um noch mächtigeren Formen von Gatekeepern Platz zu machen. 

Von einem fairen und direkten Austausch zwischen den Wirtschaftssubjekten sind wir weiter entfernt als jemals zuvor. In allen Bereichen auf das Netz abbildbaren Geschäftsmodellen und darüber hinaus machen sich die neuen Plattformbetreiber als Monopolisten breit. 

Sie unterliegen dabei weder einer Mitsprache noch einer Kontrolle. Sharing, Teilhabe und Transparenz sieht wirklich anders aus. Was im übrigen auch auf die sozialen Netzwerke zutrifft. 

So führt die Ökonomie des Teilens auf direktem Weg zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens, schreibt Byung-Chul Han in der Süddeutschen und in seinem Buch. Und weil jeder sein eigener, auf sich selbst gestellter Unternehmer ist, wird auch die Revolution ausfallen, meint Han: „Freie Selbstausleuchtung und -entblößung folgt derselben Effizienzlogik wie die freie Selbstausbeutung. Wogegen protestieren? Gegen sich selbst?“