Schwimmstart in Roth 2014

Schwimmstart in Roth 2014

Wurde ich doch von einem Kollegen ob meiner veröffentlichten Ergebnisse von einem Triathlon in etwas hämischer Art aufgezogen: Man müsse ja nur lange genug warten, bis die Teilnehmerfelder in den oberen Altersklassen kleiner werden, dann klappt es von selbst mit einer guten Platzierung. Ich denke ja, dass das nicht ganz richtig ist und hier steht warum:

Zunächst: Es stimmt ja, es ist wirklich komisch, wenn erwachsene Männer, die ein gewisses Alter überschritten haben, ihre Leibesübungen auf Facebook-Posten – aber da bin ich ja wirklich nicht der einzige und eigentlich sehr zurückhaltend.

Trotzdem: Warum tut man das? Zumal wenn mehr und mehr Fitnesstracker eingesetzt werden, die jedes Training dokumentieren und z.T. automatisch posten oder gar nach Anfeuerung heischen. „Habe eine Runtastische Aktivität begonnen“, geht’s noch? Das müßte man also mal ergründen.

Neues Statussymbol

Vielleicht ist es so: Marathonlauf oder allg. die Teilnahme (nicht der Sieg) bei sportlichen Wettkämpfen ist ein neues Statussymbol geworden, dass man dann gerne im Netz ausgiebig teilt. Menschen die „habe 35 Seiten in Krieg und Frieden gelesen und fühle mich gut“? posten, sind dagegen eher selten.

Warum hat der Sport so einen Stellenwert bekommen: Vielleicht, weil körperliche Anstrengung nahezu komplett aus unserem Leben verschwunden ist. Weil körperliche Anstrengung nicht mehr erzwungen (als Bergmann oder Bauer) stattfindet, sondern absichtsvoll und sich damit durch die Freiwilligkeit in der Bedeutung um 180Grad wandelt: Von der Last zur Lust.

Vielleicht aber auch und ganz besonders, weil die sportliche Leistung in der heutigen Zeit eine der wenigen Eigenschaften im Bereich Status geworden ist, die man nicht kaufen kann – die man allenfalls durch etwas Geld – z.B. durch die mehr und mehr zum Einsatz kommenden personal trainer, Trainingslager und teure Ausrüstung befördern kann (der Durchschnittspreis bei den Triathlonrädern dürfte mittlerweile bei 5.000 Euro liegen).

Selbst erzeugte Differenzierung

Daher ist Sport ein (messbares und selbst erzeugtes) Differenzierungsmerkmal gegenüber allen anderen, was bei der massenhaften Teilnahme an Marathonläufen scheinbar nicht mehr recht funktionieren mag und eigentlich ein ziemlicher Widerspruch ist. Erst recht, seit es diese vielen Staffeln gibt, wo jetzt plötzlich jeder teilnehmen kann. Selbst wenn er / sie die volle Distanz nicht drauf hat, hat er oder sie aber dennoch an einem Marathon „teilgenommen“ und an einem auf Leistung beruhenden Gemeinschaftserlebnis.

Die individuelle (Mit-)teilbarkeit des Erlebten steht zunehmend im Mittelpunkt. Und das funktioniert dann eben trotz der 15.000 Teilnehmer in Berlin, weil es sich im Grunde mit Hilfe des Internet immer um eine absichtliche Reduzierung auf das teilnehmende Individuum auf sich selbst und den Kern der eigenen Leistung handelt: Seht her, ich kann 42km in xx:xx h laufen. Die stolzen „Sieger“-Posen bei den Zieleinläufen erzählen wahrlich Geschichten, besonders davon, dass es sich für die Teilnehmer irgendwie ganz individuell gelohnt haben muss. Keiner ist enttäuscht, dass er nur als 11.245-stigster bei einem Stadtmarathon durchs Ziel gelaufen ist. Mag die Freude beim 4. mit 2:14 h verhalten sein – beim Mittelfeldmann mit 5:24 h ist sie unbändig.

Interessant in dem Zusammenhang ist im Übrigen (und das belegen die Statistiken): Bei den Massen an Teilnehmern bei Marathonläufen sind die gelaufen Zeiten viel schlechter als früher, als die Starterfelder noch kleiner waren. Die Teilnahme an sich zählt, weil sie isoliert betrachtet wird. War der Finisher der 80er und 90er Jahre im Schnitt mit unter 4 Stunden im Ziel, gehen wir heute gut auf die 5 Stunden zu. Die Grenze zum Gehen verschwimmt da schnell und trotzdem sind die Wettkämpfer stolz, weil es als einzelner in der Masse dennoch „ihr“ Wettkampf war. Wir werden Zeuge von 15.000 Einzelwettkämpfen. Aus dem Rennen der 80er Jahre wird heute ein Event. Ausgenommen die Top 100, die wohl noch ein echtes Rennen laufen.

Extremsport boomt

Um der Masse dennoch zu entgehen, kommen Sportarten aus dem Extrembereich, Strongmanruns, auch Lang-Triathlon, Klettern in schwierigem Gelände und / oder großen Höhen usw. in Mode, weil man jetzt hier wieder leichter aus den vielen Individuen herausstechen kann und sich leichter unterscheidet als durch: „Ich bin am Sonntag Marathon gelaufen“. Mit dieser gezielten Vereinzelung steigt der zwar Aufwand der Teilnahme, aber der Aufwand der Differenzierung sinkt enorm – damit verbunden: Mehr Einsatz, mehr Geld, aber auch mehr Risiko. Das alles schön dokumentiert bei der European Outdoor Filmtour (EOFT), dem Sehnsuchtsort des Extremen schlechthin.

Aber was hilft das: Wenn selbst am Mont Blanc und sogar am Everest zu den Stoßzeiten Stau herrscht, und es scheinbar schon kalkuliertes Risiko ist, dabei abzustürzen? Denn: Wer zurückkommt, unterscheidet sich eben auch von denen, die am Berg geblieben sind, der Differenzierungsgewinn steigt eben auch mit dem Risiko.

Durch eine ausgefeilte Repräsentation des Erlebten in den Netzen lässt sich der Kommunikationserfolg zusätzlich steigern. Daher gilt: Je größer der Aufwand / der Einsatz / die Vorbereitung desto höher der Aufwand für die Dokumentation, man denke da an Felix Baumgartner und sein Sprung aus dem All, der ein kaum kopierbares Ereignis darstellt – daher auch der unglaubliche Erfolg von GoPro und RedBull. Der Limo-Laden setzte schon sehr früh auf diese Mechanik und hat damit einen in die Milliarden gehenden Markenwert geschaffen.

Es entsteht ein sich selbst beschleunigender Zyklus. Unter welch‘ anderen Bedingungen ist Reinhold Messner aufgebrochen. Er investierte viel bei seinen Expeditionen in ein Aufmerksamkeitsdefizit und konnte den Reputationsgewinn erst um Wochen oder Monate zeitversetzt über Bücher oder Filme einfahren (mit dem Risiko des Totalverlustes, weil er über Zwischenschritte so gut wie nicht berichten konnte).

Doch auch er hat ein Erlebnisimperium geschaffen, deren Wert aus einer unglaublichen Aneinanderreihung nicht wiederholbarer Einzelleistungen besteht. Verbreitet nur über Bücher, Filme und Vorträge (die heute noch aus den Nähten platzen).

Realtime rulez – würde man jedoch heute sagen. Und es ist fraglich, ob ein Messner heute noch diesen Erfolg erklettern könnte – auch weil die Konkurrenz der Extremen untereinander so enorm ist, und die Echtzeitkanäle so vielfältig wird ein Zeitverzug bei der medialen Abbildung kaum noch akzeptiert. Anders gesagt: ein nicht realtime in Multiperspektive dokumentiertes Ereignis hat (in den Augen des Betrachters oder einem selbst) vermutlich gar nicht stattgefunden. Also ist diese Repräsentation auch immer Selbstvergewisserung. Drohnen, 3D, 4K und vor allem VR-Abbildungen werden hier zu neuen Dimensionen der Darstellung und der Teilhabe führen.

Fleiß ersetzt Talent

Doch zurück zum Sport: Interessant finde ich, dass die Ausdauersportarten, die wenig Talent aber viel Fleiß erfordern, ein Phänomen der gut gebildeten und gut verdienenden (überwiegend männlichen) Mitttelschicht sind. Gerade beim Triathlon trifft man überwiegend auf Leute, die nach den Leistungsgesetzen funktionieren und sich über dieses Anreizschema aus Anstrengung und vollbrachter Aufgabe auch motivieren lassen. Sie haben es zudem meist in anderen Bereichen des Lebens (vor allem Beruf) „schon zu etwas gebracht“. Ihre Disziplin und Durchhaltevermögen hat sie zum Beispiel ein erfolgreicher Werber oder Ingenieur werden lassen. Und diese Grundeigenschaften aus Disziplin und Durchhalten übertragen sie dann auf den Sport und sind dort teilweise damit sehr erfolgreich. Die, die es im Beruf schaffen, schaffen es auch im Sport. Also: Nicht trotz einer beruflichen Belastung, sondern wegen sind die sportlichen Leistungen erst möglich.

Gerade die Teilnehmer ab der AK 40 stecken (bis auf die absolute Spitze) die Jüngeren regelmäßig in die Tasche. Bis zum Alter von 50 / 55 werden die Leistungen eher sogar noch besser (und zwar absolut und nicht nur relativ), bei vielleicht schrumpfenden Feldern, aber es wird (leider!) nicht einfacher, sich dort vorne zu platzieren, eher im Gegenteil. Da hatte ich ja drauf gehofft, wurde aber eines Besseren belehrt.

Direkter Weg zu IceBucketChallenge

Der Selbstdarstellungsquatsch im Internet kam also erst sehr viel später dazu und führt vielleicht in direkter Linie zur IceBucketChallenge, die ein von ALS betroffener gerade im Tagesspiegel als „Symptom einer gestörten Öffentlichkeit“ bezeichnet hat, bei der das „Das ekstatische Individuum im Miniformat“ seine Plattform sucht.

Aber vielleicht geht das alles viel zu weit und alles ist ganz anders, harmlos ist es ganz bestimmt, hiermit möchte ich schließen, viele Spaß beim Training.

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