November 2014


pechakucha night in düsseldorf

pechakucha night in düsseldorf

Die Menschen lieben Geschichten. Heute versammeln sich Menschen um Beamer und hören, was andere ihnen zu erzählen haben. Pechakucha Veranstaltungen sind regelmäßig voll bis übervoll, so auch gestern in Düsseldorf. Pechakucha ist Storytelling, die Besucher freuen sich über Einblicke in fremde Lebens- und Wissenswelten: Egal ob es um Hochhäuser in Düsseldorf geht oder das Kerzenlicht als die wichtigste Erfindung der Menschheit (oder warum es bei alten Meistern so wenig blau im Bild gibt).

Und doch haben wir wohl im Laufe der letzten Jahre viel von unserer Erzählkompetenz an die Technik verloren. Deborah Eisinger berichtete in: „ohne titel oder: fotografie und andere geschichten“ von ihrem Vergleich des fotografischen Erzählens früher und heute.

Das Fotoalbum unserer Eltern war eine sorgsam kuratierte und arangierte, in Bildern erzählte Episode aus dem Leben. In ausgewählten und oftmals beschrifteten Fotos wurden einzelne Kapitel in einem Album ausgebreitet: Der Urlaub, die Hochzeit, die Einschulung. Ein Stück abgeschlossene Geschichte, das beim gemeinsamen Betrachten sofort zum Geschichtenerzählen führte.

Heute werden täglich Millionen von Bildern in die Sozialen Netzwerke gepumt. Die Motive haben sich dabei nicht verändert, doch die Anzahl der Bilder hat sich vervielfacht.

Kein Augenblick bleibt mehr unbeobachtet, doch welche Geschichte entsteht daraus? Wer kuratiert, wer sortiert, wer fügt all diesen Fotos (und Videos) Bedeutung hinzu? Wer sorgt für „usability“? Wie findet man noch den Zugang?

Tatsächlich wird dieser Ozean aus Bildern in den meisten Fällen nur doch durch die Plattformen nutzbar gemacht, auf denen sie landen: Meist Facebook oder Instagram, seltener Flickr oder andere. Die dort zum Einsatz kommenden Regeln erzählen dann für uns unsere Geschichte – am schönsten kann man das bei Facebook nachvollziehen, wenn man durch die einzelnen Jahre browst. Und das sieht dann bei allen 1,x Mrd. Facebook Nutzern auf der Welt gleich aus, einheitlich durchformatiert.

Aber nur diese Bilderspeicher ermöglichen noch den Zugang, sorgen für Sortierung und eine Reihenfolgen in unseren digitalen Artefakten. Aber werden hier noch Geschichten erzählt?

Abnehmende Vielfalt (Foto: Julius Endert)

Abnehmende Vielfalt (Foto: Julius Endert)

Als es Avery Wang im Jahr 2000 gelang, ein Musikstück in einem Datensatz abzubilden und wiedererkennbar zu machen, war die Grundlage für Shazam gelegt. Seit 2002 gehört die App zur festen Ausstattung auf Smartphones und zu den am meisten heruntergeladenen Apps.

Die Frage: „Mensch, wie heißt dieses Lied“, kann sie im nu beantworten – Shazam hilft uns beim Identifizieren von Musik, ein schöner Service. Für die Musikindustrie aber ist daraus längst ein Frühwarnsystem für Trends und die Wünsche der Hörer geworden.

Über die täglich 20 Millionen Suchanfragen lässt sich nämlich herausfinden, was die kommenden Hits sein werden. Denn wenn ein neuer Titel erscheint und sofort via Shazam-Anfragen das Interesse der Nutzer weckt, lässt sich leicht erkennen, wie die weitere Entwicklung verlaufen wird.

Für die Industrie geht es dabei immer um die Frage: Was wollen die Leute als nächstes hören, was müssen wir produzieren?

„Prima!“ könnte man denken, das ist doch gut für alle: Wir bekommen mehr von dem Zeug was uns gefällt und die Industrie (und hoffentlich auch die Künstler) verdienen mehr.

Der große Irrtum aller Empfehlungssysteme

Doch am Ende könnte das der große Irrtum aller Empfehlungssysteme sein, wie das Magazin The Atlantic berichtet. Studien zeigen nämlich: Das Abhören unser Hörgewohnheiten führt zu einer Abnahme der musikalischen Bandbreite und Reduzierung von Qualität. Stattdessen bekommen wir immer mehr vom immer gleichen.

The study, which looked at 464,411 popular recordings around the world between 1955 and 2010, found that the most-played music of the new millennium demonstrates “less variety in pitch transitions” than that of any preceding decade.

Insbesondere Popmusik wird immer lauter, ähnlicher und vorhersagbarer. Sender spielen die vermeintlichen Hits immer häufiger und Labels investieren verstärkt in Copycats.

Unser Gehirn spielt uns dabei einen Streich, was uns vertraut ist, mögen wir lieber, unser Kopf hat damit weniger Arbeit, denn letztendlich ist Musik auch für uns nur ein Strom von Daten.

Gegen die Empfehlungen handeln

Vermutlich lassen sich diese Aussagen in abgewandelter Form auf viele Bereich übertragen, in denen Empfehlungssystem zum Einsatz kommen. Amazon hat quasi den ganzen Konzern auf Empfehlungen gegründet und bei Netflix heißt es, man können den Stellenwert von Empfehlungen gar nicht unterschätzen.

Das Unternehmen, welches von außen so aussieht wie eine Art neuer TV-Sender ist in Wirklichkeit ein Technologiekonzern mit gleich mehreren Abteilungen von Programmieren.

Was folgt aus alldem: Einfach mal bewußt gegen die nächste Empfehlung „verstoßen“, selbst wenn sich unser Hirn dabei etwas unwohl fühlt. Vielleicht entdecken wir so neue Welten und sorgen bei den Programmieren der Empfehlungssystemen für etwas Verwirrung.