Januar 2015


Ursula von der Leyen, Kai Diekmann during DLD15 FOCUS Nightcap . Foto: Hubert Burda Media / BRAUER PHOTOS, (CC BY-NC-SA 2.0)

Ursula von der Leyen, Kai Diekmann during DLD15 FOCUS Nightcap . Foto: Hubert Burda Media / BRAUER PHOTOS, (CC BY-NC-SA 2.0)

Über das WEF in Davos rege ich mich jedes Jahr aufs neue auf. Warum? Ganz einfach: Wir (als Bürger und Wähler) bekommen jedes Jahr erneut die Asymmetrie der Macht vorgeführt. Wir erleben den ungehinderten, unmittelbaren und ungestörten Zugriff der Eliten auf die Entscheidungsträger der Politik.

Diese Art Erstzugriffsrechts der Mächtigen auf die Macht ist in meinen Augen unzulässig, weil der Bürger nicht über diese Kommunikationskanäle verfügt und seine Interessen nicht auf diese Weise vertreten kann.

Sehr schön dokumentiert ist dieser Sachverhalt in der Serie von Pressefotos, die Hubert Burda Media dankenswerter Weise veröffentlicht hat. Wir sehen den Chef der Commerzbank mit Innenminister Thomas de Maizière auf einem Bild oder Ursula von der Leyen lächelnd neben Kai Diekmann und und und.

Man ist vergnügt, stellt sich den Fotografen und unterhält sich bestens: Nur: In Davos werden eben leider nicht die Probleme der Welt gelöst – wie die Veranstalter behaupten – sondern die eigenen Interessen vertreten, dazu noch in sehr angenehmer Umgebung.

Zwar sind auch NGO und Vertreter der Zivilgesellschaft eingeladen, die mit an der Lösung der Probleme der Welt arbeiten sollen, aber noch nie ist mir eine Krise, ein Konflikt oder politisches Problem aufgefallen, was auf dem WEF erkennbar konstruktiv diskutiert oder gelöst wurde.

Ungleichverteilung auf der Welt nimmt zu

Im Gegenteil: Die Ungleichverteilung auf der Welt nimmt zu und die Probleme nicht ab. Erst in diesen Tagen hat Oxfam berichtet, dass bald 1 Prozent der Weltbevölkerung mehr besitzt als der ganze Rest. Und ein Teil dieser Menschen aus den 1 Prozent trifft sich wo? In Davos!

Der Journalist Henry Blodget gehört zum Zirkel der handverlesenen Medienschar. Er berichtet über

„rarified resumes and colossal wealth and power of most Davos attendees“

und berichtet von den Netzwerken der Teilnehmer und den privaten Partys, zu denen er so gerne auch Zugang hätte.

Er schildert den gelösten Umgang miteinander wenn man bei einem guten Getränk beisammen steht:

There was a bar made of snow blocks, and a couple of outdoor fires, and the CEO of the massive global corporation was there with me, bouncing up and down to keep warm, doing vodka shots and making fun of my hat (which is indeed ridiculous, but also importantly warm). The CEOs of other massive global corporations were there, too.  So was a former prime minister. And a finance minister. And the head of a major global investment bank. And Will.i.am. Etc. … Davos truly is the Super Bowl of Schmoozing.

Nun ja, natürlich ist das die Meinung von einem Outsider und vielleicht haben wir dem WEF sogar zu verdanken, dass nicht noch schlimmere Dinge passieren. Nur frage ich mich, was das in Anbetracht der derzeitigen Lage noch sein könnte.

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Steffi Czerny (DLD Media) during the Digital Life Design (DLD) Conference  Foto: picture alliance für DLD

Steffi Czerny (DLD Media) during the Digital Life Design (DLD) Conference
Foto: picture alliance für DLD

Winter 2005, München liegt tief verschneit (ja, „damals“ gabs das noch, diesen Schnee) und ein Häufchen unerschrockener und wagemutiger Digitalpioniere aus aller Herrn Länder macht sich auf nach München. Wie die Ritter der Tafelrunde treffen sie sich auf Geheiß des Fürsten Burda auf Schloss Nymphenburg, um dort gemeinsam zu beratschlagen, wie man den heiligen digitalen Gral wohl finden könne.

Herolde weit entfernter Königreiche treffen ein, um von den neusten Spuren zu berichten. Ich kann mich an z.B. gut an Caterina Fake, die Mitgründerin von Flickr erinnern. Und ich weiß noch genau, dass ich in der ersten Reihe neben Hubert Burda saß, der eine jegliche Spur, die ihn zum Gral führen könnte, in sein Notizbüchlein mit seinen fürstlichen Initialen drauf notierte. Und es wurden noch Magazine verteilt, lang ist es her.

10 Jahre später

Und nun haben wir 2015, der DLD ist eine eigene Firma und hat viele Ableger bekommen. Das Publikum wurde immer anzugiger, Blogger sah man nur noch selten. Ganze Legionen an hochkarätigen Frauen und Männern haben in den letzten 10 Jahren die Bühne bevölkert. Sprachen über das Netz aber auch über Kunst und Kultur. Das Bestreben, den Blick zu weiten auf der Suche nach dem Gral, war und ist erkennbar. Ich persönlich kann mich an den Auftritt von Ai Weiwei erinnern, da war er in Deutschland noch unbekannt aber schon in München dabei, oder an Shai Agassi, der seine Vision der Elektromobilität vor allen anderen dort erklärte.

Ja, und ich bedauere, nicht mehr dabei sein zu können – es gab immer so viel Inspiration und Geselligkeit. Und ganz ehrlich: Die Menschen, die dort Jahr für Jahr hinpilgern, sie hätten alles wissen können. Sie hätte vielleicht den Gral nicht finden können aber ihm verdammt nahe kommen können. Denn es waren immer alle da, die später groß geworden sind. Die Startups und Spinner, die Nerds und die Investoren, die Künstler und Chaoten.

LSR statt Innovation

Und was haben sie drauß gemacht? So weit ich das beurteilen kann – nicht viel. Nicht für den Standort Deutschland als digitales Wirtschaftswunderland jedenfalls oder Europa – denn schließlich denkt man europäisch in München. Stattdessen haben wir als Innovation ein Leistungsschutzrecht bekommen, für das Herr Burda persönlich gekämpft hat (stand das in seinem Notizbuch? und eine Diskussion über eine mögliche Zerschlagung der Webgiganten (die, als sie noch klein waren, sich ja auch in München trafen).

Burda war es schließlich auch, der den Begriff der „Lousie Pennies“ geprägt und an den DLD geheftet hat, während andere mit ihren Geschäftsmodellen mal eben die Welt erobern, kein Zufall wohl, dass in diesem Jahr Uber zu Gast in München ist.

Ich frage mich langsam, wie man selbst eine solche Veranstaltung ins Leben rufen kann und in den ganzen Jahren ihres Bestehens so wenig lernt. Vielleicht haben die Verleger, Politiker und Investoren gedacht, dass es sich beim DLD um eine Unterhaltungsveranstaltung handelt, die sie im Grunde nicht betrifft. Vor ihren Augen hat sich die Welt verändert und sie haben es nicht bemerkt. Vielleicht typisch dafür, dass es in der aktuellen Pressemitteilung heißt „Die digitale Revolution steht noch bevor“. DLD-Gründerin Steffi Czerny erklärte laut der Mitteilung in ihrer Auftaktrede: „Die wahre digitale Revolution hat noch gar nicht stattgefunden – sie beginnt jetzt. Es gibt keinen Grund, sich davor zu fürchten. Wir können die Zukunft und die digitale Revolution selbst gestalten.“ Ach so!

Das will nicht in mein Hirn (Foto: Julius Endert)

Das will nicht in mein Hirn (Foto: Julius Endert)

Der Terror ist zu fast 100 % männlich. Der Islamische Staat ist nach der Vorstellung seiner Anhänger die Utopie einer autoritären Männergesellschaft, die dem Mann Anerkennung, Status, Macht und Wertschätzung verspricht. (mehr …)