Das will nicht in mein Hirn (Foto: Julius Endert)

Das will nicht in mein Hirn (Foto: Julius Endert)

Der Terror ist zu fast 100 % männlich. Der Islamische Staat ist nach der Vorstellung seiner Anhänger die Utopie einer autoritären Männergesellschaft, die dem Mann Anerkennung, Status, Macht und Wertschätzung verspricht.

Terrorexperten und Tiefenpsychologen versuchen in diesen schrecklichen Tagen zu erklären, was nicht zu erklären ist. Wie können Menschen so etwas tun? Wie kommt so massiv das Böse in die Welt. Es sind ja nicht nur die Anschläge in Frankreich. Im Irak und Afghanistan gehören Attentate schon fast zur Tagesordnung. Die Verbrechen der Boko Haram in Nigeria sind noch um einiges schrecklicher obwohl es im Schrecklichen eigentlich keine Steigerung geben darf. Nach Al Kaida ist die ISIS „angesagt“ ihr folgen junge Männer nun zu Tausenden.

Bisher konnte ich keine überzeugende Erklärung finden. Wenn es sich überhaupt mit den Werkzeugen unseres Denkens erklären lässt. Zunächst gilt es zu unterscheiden, zwischen einer mikro Ebene aus Sicht eines Individuums (also einer psychologischen Betrachtung) und der makro Ebene aus der Sicht von Staaten (also einer politischen bzw. soziologischen Betrachtung). Zunächst soll es um die mikro Ebene gehen.

Der Terror ist zu fast 100 % männlich

Dabei ist eine Beobachtung signifikant: Der Terror ist zu fast 100 % männlich. Und genau hier liegt das Problem.  Nahezu alle Attentäter sind Männer und die Führer der diversen Gruppen erst recht. Nur wenige Frauen schnallen sich den Sprengstoffgürtel um. Warum ist das so? Was lässt diese Männer alles Menschliche hinter sich lassen? Was lässt sie sogar (breitwillig?) den eigenen Tod in Kauf nehmen?

Vielleicht, weil ein großes Versprechen dahinter steckt, das stärker zu sein scheint als das (bisherige) Leben. Der Islamische Staat ist nach der Vorstellung seiner Anhänger die Utopie einer autoritären Männergesellschaft, die dem Mann Anerkennung, Status, Macht und Wertschätzung verspricht. Die ihm seine eigene Wirkmächtigkeit zurückgibt. Inklusive tödlicher Waffen als Werkzeug der Ausübung dieser Macht und zugleich als Statussymbol. Frauen kommen hier nur als eine Art Gegenstand vor. Die moderne Frau, die Mann Angst macht, verschwindet unter der Burka, befolgt die Befehle der Familienoberhäupter und Brüder.

Die perfekte Männergesellschaft

Ein perfekte Welt also für (junge) Männer, die sich in der modernen, globalisierten Individualgesellschaft missachtet, überflüssig oder gar bedroht fühlen. Einer Welt, deren Rollenbilder sie nicht verstehen, deren Anforderungen sie nicht gewachsen sind. Die zu schnell ist, um sich noch darin dauerhaft orientieren zu können. Einer Welt, in der klassische männliche Attribute häufig als unpassend gelten, wo Männlichkeit im traditionellen Sinn als Makel empfunden wird. Wo körperliche Kraft, Wagemut und Aggressivität zur Bewältigung des Lebens und beruflicher Aufgaben überflüssig geworden sind.

Stattdessen sind überragende Intelligenz, geistige Flexibilität, Kreativität und nicht zuletzt die Fähigkeit zum Bilden von Netzwerken die Erfolgsfaktoren schlechthin. Wer hier nichts zu bieten hat, ist draußen. Einfache Tätigkeiten, die ein Auskommen sichern, bietet der Arbeitsmarkt in den Industrieländern kaum noch an. Und in den vom Krieg, Bürgerkrieg und Terror zerfetzten Ländern ist es noch schlimmer, hier hat niemand mehr eine Perspektive. Überall fehlen Strukturen, die Rollen und Funktion zuweisen, die aber auch Verhalten steuern und zum Wohle einer Gemeinschaft sanktionieren.

Vielfach sind die zerrütteten Strukturen direkte Folge des Eingriffes von Staaten (auch und besonders des Westens) auf der makro Ebene (das ist ein eigenes Thema).

Die Folge insgesamt: Heerschaaren überflüssiger Männer, die weder Status noch Einkommen finden (oder eine Partnerin) bevölkern also den Planeten. Für sie ist weder Platz noch Bedarf, für sie gibt es keine Hoffnung. Staaten sind kollabiert, zerfleischen sich im Bürgerkrieg und die westliche Gesellschaft macht ihnen keine Angebote, weist ihnen keinen Platz zu, der es ihnen ermöglicht, eigene Erfolgserlebnisse, Status und Wertschätzung zu empfinden. „Kämpfer“ mit Bildung passen nicht in diese Argumentation, vermutlich aber sind sie ebenso desorientiert. Das ist ausdrücklich keine Rechtfertigung oder gar ein Gutheißen, nur – wie gesagt – der Versuch etwas zu verstehen. Und natürlich verantworten all diese Täter ihre Taten selbst.

Der islamische Staat ist unislamsich

Die islamische Tradition in einigen islamischen Ländern (nicht aber der Islam selbst) macht den Islam dabei scheinbar zur geeigneten ideologisch-regligiösen Begründung für ein solches Weltbild. Dabei zeigt der Islamicity“-Index, dass gerade die Länder, die den Islamisten ein Vorbild sind, nach den Regeln des Islam geradezu unislamsich gelten müssen. Ihr eigener Traumstaat wäre es umso mehr. Ganz oben auf dem „Islamicity“-Index stehen: Irland, Luxemburg und Dänemark. Kein einziges Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung landet unter den Top 25.

So zeigt es sich, dass die IS-Kämpfer im Grunde einem Trugbild nachjagen. Sie kämpfen nicht für ein abstraktes Ziel, eine Revolutionsidee oder eine bessere Welt, schon gar nicht für ihre Religion. Sie haben sich ein Weltbild ausgeliehen, weil sie kein eigenes zustande bringen in ihrer Hoffnungslosigkeit und vielleicht wissen sie das auch.

Angst gegen Angst

Am Ende steht Angst gegen Angst. Die Angst vor dem Nutzlossein gegen die Angst der Pegida vor einer Islamisierung des Abendlandes. Wobei die Pegida genauso wenig eine Idee von diesem Abendland hat und ebenso orientierungslos durchs Leben treibt. Auch diesen Menschen sind die Ideal und Ideen abhanden gekommen, auch ihnen fehlt es an Wertschätzung und sie spüren einen Anpassungszwang an eine Gesellschaftsform, die sich nicht mehr verstehen. Der oder das Fremde werden hier zur Projektionsfläche. Von der Politik gefördert durch Themen wie Ausländermaut. Und da eignet sich nun mal eine angebliche Islamisierung besonders gut, weil eben jene Terroristen im Namen dieser Religion morden.

Und so wird der Islam gleich zu doppelten Rechtfertigung der Angst und Gegen-Angst. So banal es klingen mag. Es fehlen Menschen (oder von mir aus auch ein Gott) der diesen Mensch einfach nur mal sagt: „Ich habe euch lieb. Ihr seid auch wertvolle Menschen“. Jenseits jedes Nutzenkalküls.

Wenn es schlecht läuft, gehen uns die gemeinsamen Grundlagen des Zusammenlebens und der Kommunikation ganz verloren. „Conversation requires a common ground: shared language, interests, norms, understandings. Without those, it’s hard or even impossible to have a conversation.“ Schreiben Weinberger und Searls in ihrem zweiten Cluetrainmanifest.

Und wo keine Kommunikation mehr ist, wird es finster. Doch leider fällt der Politik nichts ein, diese Kommunikation wieder in Gang zu bringen. Stattdessen VDS und noch mehr Polizei und Überwachung. Und letztendlich haben die Terroristen unser Welt aus den Angeln gehoben ohne aber der eigenen Utopie auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein: das ist dann die klassische loose-loose-Situation.

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