Erlebte Geschichten


Die Bremsen bei den alten IC-Wagons stinken oder quietschen. „Das ist so, daran kann man nichts ändern“, sagte jüngst auf einer Fahrt von Hamburg nach Düsseldorf eine Zugbegleiterin als ich sie fragte, warum es im Wagen wieder so erbärmlich nach verbrannten Bremsen stinkt. Anwohner hätten sich über das starke Quietschen beschwert, worauf man die Wagons vor zwei Jahren umgerüstet hätte – nun stinken sie bei jedem etwas stärkeren Bremsvorgang wie ein LKW dessen Bremsen sich festgefressen haben.

Aber keine Angst: Das ist alles völlig harmlos, wie eine Anfrage bei der Bahn ergab (die übrigens sehr schnell reagiert hat):

Erlauben Sie uns bitte den Hinweis, dass organische Bremsbeläge, wie sie überwiegend in Schienenfahrzeugen eingesetzt werden, aus Metallfasern und Füllstoffen (kein Asbest) bestehen, die mit einer Kautschuk-Kunstharzbindung miteinander verbunden werden. Diese Mischung wird auf Trägerbleche aus Metall aufgebracht und anschließend in Öfen gehärtet. Bei der Aushärtung kommen auch schwefelhaltige Vernetzungshilfsmittel zum Einsatz.

Beim Bremsvorgang werden geringe Mengen dieser Schwefel enthaltenden und damit geruchsbildenden Produkte freigesetzt. Gerne weisen wir Sie darauf hin, dass dieser Geruch schon in geringster Konzentration wahrgenommen wird, gesundheitlich aber völlig unbedenklich ist.

Na dann.

Noch föstelt es mich ein wenig. Obwohl es heute fast 25 Grad im Rheinland sind, hinterlässt der Besuch in Vogelsang einen bleibenden Eindruck. Burg Volgelsang liegt mitten im Nationalpark Eifel, irgendwo zwischen Euskirchen und Aachen und war von 1936 bis Kriegsende eine NS-„Ordensburg“ – also eine Bildungs- oder besser gesagt Indoktrinationseinrichtung der Nazis.

Vogelsang: Wehrhafte Nazi-Architektur

Nach dem Krieg wurde das Gelände durch die Briten und bis 2005 von den Belgiern als Kaserne genutzt, was dazu führte, dass der militärische Geist nie von diesem Gelände gewichen ist. Seit Anfang 2006 ist das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich.

Heute findet der Besucher eine archäologische Grabungsstätte der jüngsten Geschichte vor. Deren Bausubstanz zerfällt, deren Stein gewordener Geist aber weiter aus jeder Fuge spricht.

Nun droht aus dem Gelände eine Art naturnaher Abenteuerspielplatz für Familien zu werden. Die Betreiber versuchen sich nach eigenen Angaben in einer „Neuinterpretation Vogelsangs als Ort der Toleranz, des friedlichen Miteinanders und der intensiven Naturbegegnung.“

Die Ausmaße der Anlage sind so gewaltig, dass es allein aus diesem Grund fraglich ist, ob das Vorhaben gelingen kann. Noch dramatischer aber ist der Charakter dieses Ortes: Führerkult, Größenwahn und Allmachtsphantasie zum (be-)greifen.

6 m hoch: Der Fackelträger

Und es hätte mich nicht gewundert, wenn bei unserem Besuch eine Kompanie exerzierender Junker im Gleichschritt um die Ecke gekommen wäre, angetrieben von einem schreienden Ausbilder.

Die Geschichte an diesem Ort entsteht im Kopf – und das jeweils anders, so wie es persönlicher Hintergrund, Erfahrung, Lebensalter und Einstellung erlauben. Rechte Gruppen werden sich wahrscheinlich baden in dem Gefühl, dem Geist der ehemaligen Nazi-Elite ganz nahe zu sein.

Bei seiner persönlichen Interpretation wird dem Besucher vollkommener Freiraum gewährt. Die wenigen Hinweistafeln an den markanten Punkten des Geländes sind bestenfalls belanglos, man könnte sie aber auch als verharmlosend bezeichnen.

Burg Vogelsang war eine von drei Ordensburgen in Deutschland. Hier wurde die Nazi-Elite geschult. Insgesamt 2.000 junge Männer sollen hier zwischen 1936 und 1939 einen jeweils einjährigen Lehrgang absolviert haben. Ziel war die Erziehung eines „neuen Menschen“.

Und jetzt streunen die Besucher mit Rucksäcken, Picknickkörben und Kinderwagen über das Gelände so wie bei einem Besuch auf einer Bundesgartenschau.

Besucher spazieren über das Gelände

Für mich ein falscher Ansatz – nicht jeder Ort eignet sich für Eventourismus. Und wer die Gebäude erhält, konserviert auch ihren Geist.

Zerfall

Man sollte den Ort einfach sich selbst überlassen und darauf setzen, dass mit den Steinen eines tausendjährigen Reichs auch dessen wahnsinniges Gedankengebäude zerfällt.

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