Finanzkrise


Ich gebe zu, ich bin wohl etwas zu Naiv, um alle Winkelzüge zu verstehen, die Deutschlands bekanntester Banker derzeit anstellt. Aber eines habe ich mittlerweile begriffen: Ackermann ist der schlauste Fuchs von allen. Wie er sich hinstellt und streut, dass er sich schämen würde, wenn er das Rettungspaket in Anspruch nehmen müßte, ist wirklich an Abgezocktheit, Skrupellosigkeit und Berechnung nicht mehr zu überbieten.

Er hat damit alle, die bei den Verhandlungen mit am Tisch saßen und gemeinsam mit ihm das Paket beschlossen haben, so richtig an der Nase herumgeführt. Und zwar nicht nur die Vertreter der Politik sondern auch seine am Fliegenfänger hängenden Vorstandskollegen von den anderen Instituten. Die werden sich jetzt bedanken, denn er hat sie einfach im handumdrehen matt gesetzt und Ackermanns Schachzug kommt sie teuer zu stehen.

Wie das zu interpretieren ist, beschreibt Prof. Uhlig in seinem Blog auf Handelsblatt.com: „Ackermann hat getan, was er tun musste.  Er hat betont, daß die Deutsche Bank die Staatshilfen nicht braucht und auch in der Krise noch gut verdient hat.  Der emotional gefärbte Hinweis auf das “Schämen” bei der Annahme der Staatshilfe war vielleicht überflüssig, dennoch: die Aktienmärkte reagierten erleichtert auf seine Aussagen, der Kurs der Deutschen Bank ging nach oben.  Zur Erinnerung: Ackermann arbeitet für die Deutsche Bank und ihre Aktionäre.  Er hat also das Richtige getan – aus Sicht der Deutschen Bank.“

Eben, doch das ist in mehrfacher Hinsicht nur die halbe Wahrheit. Denn es nutzt der Deutschen Bank nur auf kosten der anderen Banken und der Allgemeinheit. Und wenn die Angaben von Werner Rügemer im Telepolis-Interview stimmen, dann hat die Bank von Herrn Ackermann längst hinten herum selbst Staatshilfe in Anspruch genommen.

Von daher: Ackermann sollte sich wirklich schämen.

PS: das Rügemer-Interview ist das Beste, was es bisher zum Thema Finanzkrise in Deutschland zu lesen gab.

Nur mal ganz am Rande. Ist die Finanzkrise nicht auch ein Beweis für das spektakuläre Scheitern einer Idee Namens Schwarmintelligenz. Also der Vorstellung, dass es so was wie ein kollektive Intelligenz gibt und dass „spezifische Handlungen von Individuen intelligente Verhaltensweisen des betreffenden „Superorganismus”, d. h. der sozialen Gemeinschaft, hervorrufen können“ wie es in der Wikipedia so schön beschrieben wird?

Müßten nicht die einzelnen Akteure an den Finanzmärkten, die ja über Realtime-Systeme nahezu ohne Zeitverzug miteinander Informationen austauschen zu vernünftigen Entscheidungen kommen, wenn es so etwas wie Schwarmintelligenz wirklich gäbe?

Aber kann sein, dass ich hier was verwechsle und die Finanzmärkte so rein gar nichts mit Intelligenz zu tun haben, sondern nur mit Gier und Spekulation. Wenn man sich die Bewegung der VW-Aktie in den letzten Tagen anschaut, kann man jedenfalls zu diesem Schluss kommen.

Auf jeden Fall gilt: Die Börsenkurse an sich sind derzeit ohne Aussage über den Wert eines Unternehems oder die zu erwartenden Zahlungsströme. Die Kurse, bzw.ihre Schwankungsbreite sagen momentan nur noch etwas über das enthaltene Maß der Spekulation aus.

Eigentlich, so möchte man meinen, eigentlich ist die derzeit vor unseren Augen ablaufende Finanzkrise ein perfektes Spielfeld für Blogs. Unabhängige Journalisten, freie Berichterstatter und Experten könnten sich jetzt hervortun durch eine unbeeinflusste und unabhängige Berichterstattung. Denn in diesem Kontext ist augenblicklich einfach alles interessant, nicht nur die großen Zusammenhänge, sondern auch die Details.

Leider ist davon bislang wenig zu zu sehen. Wäre das Thema im Web angekommen, müßten die Blogcharts in diesen Zeiten ganz anders aussehen. Neue Blogs und Autoren? Fehlanzeige! Die Berichterstattung spielt sich fast ausschließlich in den klassischen Medien ab.

Und selbst dort lässt man die Möglichkeit, den Leser über eigene Blogs oder bloggende Gastautoren noch besser zu informieren, weitgehend ungenutzt.

Das Handelsblatt hat immerhin Harald Uhlig, in meinen Augen bislang der einzige Ökonom, der ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, die Lage kommentiert hat und dafür zunächst den Saft abgedreht bekam. Doch nun schreibt er wieder und hätte viel mehr Aufmerksamkeit verdient, denn er findet erneut klare Worte. Auch Frank Wiebe und Prof. Grüner bloggen für das Handelsblatt aber sie sollten viel aktiver sein. Das Blog von Chefredakteur Bernd Ziesemer ist leider auf dem Stand vom 27.8., obwohl gerade er ja in seinen Kommentaren für die Zeitung durchaus klar Stellung bezieht.

Ganz mau sieht es bei der FTD aus. Während die Redaktion zu den Olympischen Spielen in China noch ein Blog auf die Beine gestellt hat, verlegt man sich zum Thema Finanzkrise auf das Tickern. Und auch das Manager Magazin und die Wiwo verhalten sich viel zu passiv mit ihren Versuchen, zur Finanzkrise in ihren Blogs Stellung zu nehmen.

Und was passiert in den deutschen Paradeblogs? Leider auch viel zu wenig. Bei Rivva schaffen es die Einträge rund um die Finanzkrise nicht über die Sichtbarkeitsschwelle.

Der Spiegelfechter und die Nachdenkseiten beschäftigen sich intensiv mit den Finanzmärkten, und Basic Think findet den Dreh zu den Werbemärkten. Der Rest bleibt mehr oder weniger bei der alten Agenda.

Was leider zum Ergebnis einer aktuellen Untersuchung von Michael Haller passt: „Soweit ich es sehe, ist unter tonangebenden Bloggern unstrittig, dass die gesamte Newsarbeit auch für die Blogwelt von den journalistischen Mainstreammedien geleistet wird.“ (message 4/2008; S. 17). Und weiter: „Unter diesem Blickwinkel steht die These von der bloggigen Gegenöffentlichkeit auf einem sehr wolkigen Podest, “ schreibt der Journalistik Professor.

Ich finde, man müßte jetzt drangehen, ihn zu widerlegen. So eine „Chance“ gibt es so schnell nicht wieder.

Das ist ja lustig, Alan Greenspan, der Ex-US-Notenbankchef hat uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Er war auch nicht schlauer als wir! Im Kreuzverhör vor einem Ausschuss des US-Repräsentatenhauses gestand Greenspan nun: Keine Aufsichtsbehörte sei klug genug, um diesen „once-in-a-century credit tsunami“ vorauszusehen. Da fragt man sich schon, warum hat er die ganze Zeit eigentlich immer so getan?

Konfrontiert mit seinen eigenen Aussagen aus der Vergangenheit (ther is „no evidence“ home prices would collapse and „the worst may well be over“) gestand er, dass er mit seiner Meinung, die Banken seien zu einer Risikoabwägung fähig und würden sich allein aus Eigennutz vor Übertreibungen schützen können, falsch lag.

Irgendwie ein komisches Gefühl, die ganze Zeit einem falschen Propheten hinterher gelaufen zu sein.

Und geradezu erschreckend klingt es, wenn Greenspan sagt: . „I did not forecast a significant decline because we had never had a significant decline in prices.“ Mit anderen Worten: Weil wir eine Entwicklung vorher noch nie beobachtet haben, rechnen wir auch nicht damit, dass sie in Zukunft eintreten könnte. Da hätte ich aber ein wenig mehr an Prognosekraft erwartet. Doch der ehemalige Fed-Chef glaubt, dass auch das zuviel verlangt ist: „Wir sind als Menschen einfach nicht klug. Wir können die Dinge nicht so weit im Voraus sehen.“

Aber nicht nur das, Greenspan gestand auch, dass er oft einfach dem Willen des Kongres gefolgt sei und so gehandelt habe, wie man es von ihm erwarte und nicht das getan habe, was er selbst für richtig hielt – wie bitte?

Dass er dann noch meint credit-default swaps „have serious problems“, ist fast nur noch eine Fußnote wert. Ausführlich nachzulesen im Wall Street Journal.