Medien


„Es war die beste Zeit und zugleich die schlimmste.“ Die Menschen haben Zugang zu einem früher nie für möglich gehaltenen Umfang an Informationen. „Jeder trägt irgendwie dazu bei, eine lebendige Medienlandschaft zu kreieren. Die herkömmliche Presse jedoch existiert nicht mehr“. „Die New York Times ist im Jahr 2014 offline. Das Glück des Vierten Standes ist verblasst. Was ist mit den Medien passiert? Und was ist EPIC?“

Szenen aus dem Video „Google EPIC“. Es war der November 2004, als die erste Version von „Google EPIC“ im Netz die Runde machte. Das Video beschreibt einen fiktiven Rückblick durch das „Museum of Media History“ aus dem Jahr 2014 und stellt die damalige Zukunft – also unsere Gegenwart fast schon verstörend präzise dar.

Vielleicht war es einfach nur Pech, dass 2004 auch YouTube noch nicht erfunden war und das Video mangels reichweitenstarker Videoplattform nach heutigen Maßstäben nicht „viral“ wurde, sonst wäre die Entwicklung der Medien vielleicht anders verlaufen.

Ihr hättet es wissen können

Dennoch: Aus heutiger Sicht müssen sich die Medienexperten und Branchenvertreter vorhalten lassen: Ihr hättet es wissen können. Denn 2006 erschien eine aktualisierte Fassung des Films auch auf Deutsch, bei deren Vorstellung auf einem Webmontag in Berlin einige der heute immer noch aktiven Netzgesichter dabei waren.

Und obwohl in dem Film weder Echtzeit-Newsticker wie Twitter noch Soziale Netzwerke in ihrer heutigen, tatsächlichen Bedeutung gewürdigt werden (Facebook wird zufällig auch 2004 gegründet) beschreibt das Video mit der Idee von „Google- EPIC“ sehr präzise die Ergebnisse von sozialer Vernetzung und Realtime-Information, so als verfügten die Macher des Videos schon 2004 über unsere Erfahrungen mit Facebook & Co aus dem Jahr 2014.

Google Epic: „Evolving Personalized Information Construct“.

„Epic stellt für jeden ein Content-Paket zusammen, das seine Vorlieben, seine Konsumgewohnheiten, seine Interessen, seine demografischen Faktoren und seine sozialen Bindungen nutzt. Bestenfalls ist Epic für seine klügsten Nutzer eine Zusammenfassung der Welt, tiefer, umfassender und nuancierter als alles vorher Erhältliche. Aber schlimmstenfalls ist Epic für allzu viele Menschen lediglich eine Ansammlung von Belanglosigkeiten, viele davon unwahr, alle begrenzt, flach und sensationslüstern.“

„Jeder trägt bei, und viele werden jetzt auch bezahlt, proportional zur Popularität ihrer Beiträge.“

Kommt uns das bekannt vor? Viele Themen, die heute (noch immer) auf der Agenda von Verlagen und Medienhäusern stehen, werden in dem Video angeschnitten: Von der Macht der Algorithmen, Roboterjournalismus, Paywalls über die Filterbubble, Big Data bis hin zum Kampf der alten gegen die neunen Medien.

Es heißt: „2011 erwacht die schlafende vierte Gewalt, um ein erstes und letztes Mal aufzubegehren. Die New York Times verklagt Googlezon (den Vorläufer von EPIC) mit der Begründung, Googlezons Tatsachen isolierende Robots seien eine Verletzung des Urheberrechts. Der Fall kommt bis vor das oberste Gericht, das am 4. August 2011 zugunsten von Googlezon entscheidet.“

Als wäre der Streit um das Leistungsschutzrecht schon vorempfunden worden. 2014 geht die NYT dann offline: „Die Times wird ein nur noch gedruckt erhältliches Mitteilungsblatt für die Elite und die Älteren.“

Wachsender Einfluss der Bürgerreporter

Selbst der wachsende Einfluss von Augenzeugenberichten und Bürgerreportern wird schon vorweggenommen:

„2015 Pinki Nankani, Flüchtling der ehemaligen Digitalausgabe der New York Times, findet eine neue journalistische Berufung. Sie beginnt, mit Geo-Daten versehene Broadcasts aus ihrer Nachbarschaft zu sammeln. Bald schon ist Pinkis Sendung ein Magnet. Immer mehr Menschen beginnen, ihre Broadcasts mit GPS zu versehen, als ihnen bewusst wird, dass auch sie dabei sein können …“

Heute würde Pinki sicher YouTube-Videos machen und twittern – aber der Rest stimmt.

Das Video handelt von der Weitsicht der wenigen, vom Erfindungsreichtum der digitalen Aufsteiger und der Trägheit der traditionellen Medienbranche. Einige, die damals schon in der Verantwortung standen, beginnen heute das Lamentieren. Wie Roland Tichy, der in einem Blogbeitrag zu Selbsterkenntnis vor kurzem schrieb:

„Das Handelsblatt, dessen Verlag immerhin meinen Urlaub finanziert, will meine „Abononnt“-Nummer wissen. Erstens habe ich ganz sicher meine Buchhaltung zur Badehose eingepackt und finde jetzt die Rechnung vom vergangenen Jahr und zweitens: Wenn schon Eure Rechtschreibung so hundsmiserabel ist , glaube ich Euch auch sonst nichts mehr. Das erinnert mich daran, dass eine meiner letzten Leistungen in diesem Verlag war, Österreichern ein Digi-Abonnement zu ermöglichen. Bislang mussten sie ihre digitale (!) Bestellung mit einer deutschen Postleitzahl bestätigen. Ach ja, wann genau war der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich? 1937? Ganz sicher war er 1945 zu Ende.“

Last Call für Zeitungen

Aber ist Tichy als ehemaliges Mitglied der Handelsblatt-Chefredaktion und amtierender Chefredakteur der Wirtschaftswoche nicht selbst seit vielen Jahren in der Verlagsgruppe Handelsblatt an leitender Position tätig? das Unternehmen, das er jetzt kritisiert? Was hat sich nun denn getan in den letzten 10 Jahren – dort und anderswo?

Eigentlich beginnt er erst jetzt das Aufwachen, Tichy ist da nur nur einer von vielen Managern und Chefredakteuren. Schlimmer noch: man hebt bei Focus, Stern und vielleicht auch wieder beim Spiegel wieder die alten Recken aus der Zeit des Bleisatzes aufs Schild, statt sich der in EPIC beschriebenen Herausforderungen zu stellen. Man beschwört ein letztes Mal die Tugendenden vom Blattmachen und gutem Journalismus, statt sich endlich wirklich mit der Zukunft zu beschäftigen – vielleicht, um dann am Ende doch das Schicksal der NYT im EPIC-Video zu erleiden? Unterdessen veröffentlich Clay Shirky einen „Last Call“ – einen Abgesang auf das Ende der gedruckten Zeitung. Ob der Text gelesen wird? Warten wir noch mal 10 Jahre, dann sind wieder wieder schlauer oder wissen wieder das, was wir heute schon hätten wissen können.

EPIC-Text auf Deutsch in der TAZ.

Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die „Generation Wikipedia“ weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

2009 CC-BY

Internet-Manifest

Wer das Internet-Manifest mit weiterentwickeln will,
kann das hier, im Wiki tun.

Wie schön, das Netz hat eine neue, alte Debatte. Denn wenn Hubert Burda quasi ex cathedra spricht, dann ist das für die Branche immer noch ein Grund zuzuhören. Auf seinen Text in der FAZ („Wir werden schleichend enteignet“) gab es daher zwangsläufig viele und heftige Reaktionen.

Eigentlich ist es müßig, die Diskussion: „Die (guten) Verlage und das (böse) Netz“ immer wieder aufs Neue zu führen. Denn es gibt weder neue Argumente noch andere Lösungen. Doch man sollte vorsichtig sein. Denn Burda wollte natürlich nicht die Menschen im Netz erreichen, die sich jetzt an ihm und seinen Argumenten abarbeiten (Martin Oetting, Ulrike Langer und viele andere). Seine Adressaten sind seine Leute im VDZ und in der Politik.

Deren Aufmerksamkeit bekommt man nämlich am besten über einen schönen großen Artikel in der Faz. Ich halte Hubert Burda aber für viel zu schlau, als dass er blauäugig mal eben unüberlegt einen feuilletonistischen Meinungsbeitrag ohne Ziel und Zweck abdrucken lässt. Schließlich ist er erfolgreicher Unternehmer und möchte das auch bleiben.

Der Text ist daher ein einziger Appell an die Politik, erneut Partei für die Verleger zu ergreifen. Das hat schon bei der Breitseite gegen die Onlineaktivitäten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks sehr gut funktioniert. Mit dem Ergebnis des jetzt in Kraft getretenen 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages und der Einführung von so lustigen Begriffen wie „presseähnliches Erzeugnis“ (s.u.).

Hubert Burda weiß es besser, denn als 2005 der erste DLD stattfand (damals noch Digital Lifestyle Day), da wollte es der Zufall, dass ich im Veranstaltungssaal von Schloss Nymphenburg in München direkt neben dem Verleger saß. Und so bekam ich unmittelbar mit, wie sich Burda den neuen Medien nähert: In dem er Hof hält und einfach alle Trendsetter nach München lädt und sich persönlich von der Szene die Ideen präsentieren und sich inspirieren lässt. Burda saß und sitzt dabei immer in der ersten Reihe. Damals schrieb er alles in ein mit seinen Initialen geprägtes Büchlein, notierte zum Beispiel was Caterina Fake über das noch junge Angeobt Flickr zu erzählen hatte.

Burda kennt sie wirklich alle und die Top-Gründer zählen heute zu seinen persönlichen Kontakten, angefangen von Yossi Vardi (Gründer mult. und ICQ-Erfinder) über Marissa Mayer (Google) bis hin zu Esther Dyson (ED Venture).

Der DLD ist heute die angesagteste Konferenz in Deutsch-Digitalien, mittlerweile firmierend als: Digital, Life, Design, an inspiring community for the 21st century which features digital innovation, science and culture and brings together thought leaders, creators, entrepreneurs and investors from Europe, the Middle-East, the Americas and Asia.

Viele waren in diesem Jahr übringes sehr sauer, dass sie aufgrund der reduzierten Teilnehmerzahl nicht in die Kardinal Faulhaber Straße kommen durften. Niemand kann mir darum erzählen, Burda habe keine Ahnung vom Web. Zumal 2009 auch viel vom Journalismus gesprochen wurde und Jeff Jarvis sogar sein neues Buch verteilen durfte. Schließlich hat Burda zusätzlich noch einen Haufen guter Berater und Insider um sich geschaart, die sich, wenn sie nicht gerade den DLD organisieren, jede Konferenz der Welt zum Thema anhören wie man auf Twitter ja leicht nachvollziehen kann.

Wieso also dann diese Reaktion, dieser Text? Eine Antwort darauf bewegt sich natürlich im Bereich der Spekulation. Entweder er hat, seit es den DLD gibt, wirklich nichts dazu gelernt, was ich nicht glaube. Oder die Zeit der traditionellen Verlage ist tatsächlich vorbei und Burda spricht mehr für den VDZ als für sich die Abschiedsworte. Der Versuch jedenfalls, das tradierte Geschäftsmodell von analog auf digital umzusetzen sonst aber so weiterzumachen wie bisher ist gescheitert.

Ich halte dabei die Standesorganisationen VDZ und BDZV für relativ unglücklich agierende Vereine, weil sie aus meiner Kenntnis heraus immer auf Abwehr eingestellt waren und nie selbst in die Innovationsoffensive gegangen sind. Stattdessen versucht man dort mit aller Macht statt der Inhalte den Vetriebsweg auf Papier zu schützen, weil sich Anzeigen nun mal nur auf Papier drucken lassen. Nebenbei sollten dazu auch den Begriffen aus der Printwelt im Web Gültigkeit verschafft werden. Das mündet dann in der kruden Idee, journalistische Inhalte im Web als presseähnliche Erzeugnisse zu bezeichnen.

Jetzt wieder nach dem Staat zu rufen, ist nur ein Zeichen für den Beginn des letzten Gefechts. Ich würde stattdessen gerne mal einen Text von Hubert Burda mit dem Thema lesen: „Was ich auf dem DLD gelernt habe“ und freue mich schon auf den DLD 2010. Ich hoffe, dass ich teilnehmen darf. Und vielleicht sitze ich ja wieder neben Hubert Burda persönlich. Dann werde ich mal versuchen, in sein Notizbuch zu spinksen (und anschließen hier berichten

Warum steht das Versandhaus Quelle kurz vor der Pleite? Weil es einen Katalog drucken will! Der Quelle-Katalog war damals bei meinen Eltern immer so etwas wie der Shoppinganteil des Internets: Da lag er dann, ausgedruckt auf dem Küchentisch. Man konnte darin surfen, blättern, sich die Sachen anschauen, die man gerne einmal hätte. Vom neuen Polstersessel über die Privilleg Waschmaschine bis zum ersten eigenen Farbfernseher oder den Staubsauger.

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Der Katalog war dick, sehr dick. Genau wie das Web heute beinhaltete er das zu seiner Zeit denkbare Warenuniversum. Den Duft der frisch gedruckten Seiten habe ich als Kind inhaliert, um dann immer studenlang in den Kapiteln über Fahrräder und Unterhaltungselektronik zu blättern. Meinen ersten Schaub-Lorenz-Cassettenrekorder durfte ich dort bestellen und habe ihn dann Weihnachten bekommen.

Der Quelle-Katalog hatte übrigens damit genau die Sinnlichkeit der Nutzung, die die Macher von Tageszeitungen auch von ihrem Produkt annehmen und er funktioniert trotzdem nicht mehr. Weil mittlerweile das denkbare Warenuniversum im Netz eben unendlich ist und die Zusammenstellung des Katologes eine Begrenzung, die kein Kunde mehr akzeptiert. Eben genau wie bei den Nachrichten.

Wir hatten immer viele Produkte von Quelle, von der Waschmaschine angefangen bis hin zum Staubsauger. Und der funktioniert immer noch – nach 28 Jahren! So eine Qualität gibt es heute gar nicht mehr. Ich werde ihn weiter in Ehren halten als Erinnerung an den Quellekatalog mit seinem herrlichen Duft. Da kann das Web wirklich noch nicht mithalten. Aber der Duft alleine rechtfertigt nicht mehr seine Herstellung.

Man mag es kaum glauben aber die Grundidee hinter Google Wave ist mehr als 40 Jahre alt. Denn 1967 machte sich Ted Nelson daran, auf Basis des vom ihm erdachten Hypertext-Systems, unter dem Namen Xanadu eine allumfassende Bibliothek des Weltwissens zu entwickeln. Kern von Xanadu war ein ausgeklügeltes Dokumentenmanagementsystem.

Erst kürzlich machte mich @sixtus auf Xanadu aufmerksam und empfahl mir einen Wired-Artikel aus dem Jahre 1995 zur Lektüre. Zufällig schaute ich mir gleichzeitig noch die Wave-Präsentation auf Youtube an, und plötzlich war es so, als würde der Wired-Text genau das beschreiben, was bei Wave realisiert wurde:

Xanadu could (also) provide a tool for rational discussion and decision making among very large groups. In the Xanadu docuverse, an assertion could always be followed back to its original source. An idea would never become detached from its author. Public discussion on important issues would move forward logically, rather than merely swirling ineffectively through eddies of rhetoric. In fact, any reader could, by creating and following links, freeze the chaotic flow of knowledge and grasp the lines of connection and influence.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Wie das World Wide Web war Xanadu als dezentrales Speichersystem für Dokumente gedacht. Jedes Dokument in Nelsons Hypertext-Raum sollte eine absolut eindeutige Adresse (unabhängig vom Speicherort) besitzen. Innerhalb des Dokuments sollten selbst einzelne Zeichen direkt von anderswo adressierbar sein. Dokumente stellte sich Nelson als unlöschbare Einträge in einer globalen Datenbank vor. Man konnte zwar, so die Idee, eine neue Version veröffentlichen, doch die alte Version des gleichen Dokuments blieb verfügbar, und Unterschiede zwischen zwei Versionen ließen sich auf einfache Weise sichtbar machen. Zusammengehörende Dokumente sollten in parallelen Fenstern, so genannten transpointing Windows, samt den Verbindungen dazwischen angezeigt werden.

Verweise sollten bidirektional sein; wenn man eine Seite in Xanadu betrachtete, sollte man also auch sehen, welche anderen Seiten auf diese Seite verwiesen. Anstelle des im Web üblichen „Copy & Paste“, des einfachen Kopierens von Inhalten, sollten die Adressen von Inhalten an der Stelle, an der man sie benutzt, eingefügt werden. Wenn man also z. B. ein Buch zitiert, würde man einfach die Adresse (also die global eindeutige Nummer des Buches sowie die Zahl der zu zitierenden Zeichen) an der entsprechenden Stelle einfügen, nicht den Zitattext selbst (sog. Transklusion). Der Client (das Xanadu-Äquivalent zum Webbrowser) würde die entsprechenden Daten dann an der richtigen Stelle einfügen.

In mancher Hinsicht gingen bzw. gehen Ideen von Xanadu weit über das hinaus, was später durch das Internet realisiert wurde. Beispielsweise beinhaltete Xanadu ein Rechtemanagement, dass es ermöglichen sollte, Autoren bei der Nutzung ihrer Werke durch andere automatisch zu vergüten.

Und damit wird auch deutlich, welches Potential noch in Wave steckt. Wenn es so funktioniert, wie es sich die Entwickler vorstellen, lässt sich Wave um viele Module erweitern, wie eben ein Rechtemanagement.

Ted Nelsen war ein Visionär, der rund 30 Jahre an der Verwirklichung seines Traum zusammen mit anderen gearbeitet hat und aus verschiedenen Gründen gescheitert ist. Der Wired-Text ist wirklich lesenswert. Spannend ist nun, dass Google sich bewußt oder unbewußt eben genau diese Ideen zu nutze macht und es schafft, über die bestehende Systematik des Webs hinauszudenken. Während andere, wie Microsoft mit seinem Projekt Bing, im bestehenden Rahmen bleibt und Anwendungen für das Web erfindet, baut Google das Web ein Stück weit neu (Über die Vor- und Nachteile muss man sich dann noch gesondert unterhalten).

12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag – das Wort muss man sich mal erst auf der Zunge zergehen lassen, bevor man weiter schreibt. Also noch mal: 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag. Als Redakteur bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendeanstalten sollte man das Papier ab jetzt immer gleich neben der Tastatur liegen haben. Denn dieser Knebelvertrag sieht vor, dass vor der Veröffentlichung von Inhalten auf öffentlich-rechtlichen Onlineangeboten ab dem 1. Juni genau geprüft werden muss, ob eben jener Inhalt auch dem 12. RÄSt entspricht und einen publizistischen Nähr- bzw. Mehrwert besitzt. Wenn nicht gibt’s Ärger.

Schon vor dem Inkrafttreten zeigt das Machwerk seine Wirkung. Der WDR nimmt gleich mal den erfolgreichsten Teil seines Webangebots vom Netz, wie Stefan Moll, Leiter der WDR Internetredaktion heute auf WDR5 erklärte. Der EinsLiveLiebesalarm ist nach den Maßstäben des 12. RÄSt nämlich vollkommen daneben, für den Sender EinsLive ist das ein Tritt ins Gemächt.

Die Onlinecommunity für junge Hörer, war nämlich dermaßen erfolgreich, dass sie schon vorher auf 30.000 Mitglieder gedeckelt wurde. „Andernfalls wäre das Dinge durch die Decke gegangen“, sagt Moll. Und jetzt ist heißt es bei EinsLive nur noch Fehlarm, wenn es um Dating geht.

Denn wie gesagt, das Angebot ist nicht sedungsbegleitend und ohne Mehrwert und daher von Übel.

Was für ein Schwachsinn. Da beschwert sich alle Welt, dass die Öffentlich-Rechtlichen nur noch die Omis und Opis erreichen und dann schafft es mal ein Sender ein zielgruppengerechtes Programm zu machen und wird nun von den Ministerpräsidenten, die den 12. RÄSt nach erfolgreicher Lobbyarbeit der Privaten und der Verleger vereinbart haben, abgewürgt.

Man ignoriert einfach die Medienrealität und verpflichtet die Öffentlich-Rechtlichen Anbieter auf ein überkommenes Rundfunkmodell und definiert das Web zu einer Art Abspielkanal um. Alle Vorteile des Medienkonsums im Internet, beispielsweise die Zeitsouveränität und die Archivfunktion werden können nur noch rudimentär oder gar nicht angeboten werden. Die Regelungen sind dermaßen absurd und ergehen sich in nur in Beschränkungen. Sie geben aber keinerlei Auskunft darüber, wie man sich von Seiten der Politik in einer Welt der konvergenten Medien überhaupt noch den Auftrag für die ÖR-Rechtlichen Anstalten vorstellt, wenn sie ihre zukünftigen Nutzer nicht da erreichen dürfen, wo sie sich aufhalten, nämlich im Netz.

Am überkommenen Rundfunkdenken festzuhalten kann jedenfallas nicht die Lösung sein. Doch wenn es nur das Entfernen von unzulässigen Inhalten wäre, nein – das Spiel geht weiter. Jetzt beginnt die hohe Zeit der Bürokraten, Gutachter und Prozesshansel. Jeder Sender muss fortlaufend für seine Kernaktivitäten und neue Angebote- beispielsweise der NDR für Tagesschau.de – die Vertragsmäßigkeit mittels eines Dreistufenstest nachweisen.

Dafür werden dann umfangreiche Gutachten in Auftrag gegeben, die schnell Kosten im fünfstelligen Bereich verursachen werden. Eine sinnlosere Verwendung von Gebührengeldern kann man sich wirklich nicht mehr vorstellen. Und dass alles nur wegen des Liebesalarms.

Und wie sieht die Zukunft aus? Auf der einen Seite werden die Webangebot willkürlich beschnitten und auf ein „sendungsbegleitendes“ Mindestmaß reduziert. Auf der anderen Seite Suchen die Privaten wieder ihr Heil in Paid Content Modellen. Am Ende wird die Vielfalt im Web reduziert – kann das im Sinne der Erfinder sein?

Es wäre natürlich vorschnell und falsch, Twitter als Instrument der politischen Kommunikation abzuschreiben, noch bevor sich dieser Kanal überhaupt entwickelt hat. Auch wenn die Köhler-Twitter-Panne oder nennen wir sie besser die Twitter-Köhler-Panne ein schönes Beispiel dafür ist, wie es gerade nicht geht bzw. dafür, dass einige Politiker eben nicht an sich halten können, wenn sie etwas wissen, was andere noch nicht wissen.

wahl.de

Vormals haben die Journalisten davon profitiert, die dann anderntags ihre Exklusivgeschichte schreiben konnten. Jetzt braucht man diese Zunft nicht mehr und pustet seine (Geheim-)Information via Twitter gleich selbst in die Welt hinaus.

Man könnte also schnell behaupten, politisch Twittern ist sprachliche Inkontinenz und wie geschaffen für Politiker. Menschen also, die a) sich selbst immer im Mittelpunkt sehen, b) gerne und viel reden, worüber ist egal, Hauptsache reden, c) zu jedem Thema etwas sagen können, und wollen und dass immer auf Anhieb, sobald sich ein Sprechkanal öffnet d) nichts für sich behalten können.

Aber wie gesagt, das hieße, es sich zu einfach machen. Denn der politische Twitter-Raum beginnt sich gerade erst zu entwickeln. @tsghessen (T. Schäfer-Gümbel, Fraktions- und Landesvorsitzender SPD Hessen) macht im Rahmen der Hessen-Wahl den Anfang, indem er mit seiner Twitterei die Wahrnehmungsschwelle in den traditionellen Medien durchbrach.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Mittlerweile gibt es eine bunte Twittermischung im Netz, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Da sind die einfallslosen Pressemitteilungsverlinker wie @spdde, die das Prinzip, besser gesagt die Chance noch nicht begriffen haben, die in diesem neuen Kanal steckt. Sie hängen weiter dem „Broadcast-Modell“ der Politik an, wie es Don Tapscott ausdrück.

Aber es finden sich auch schon einige Polit-Stars, wie @volker_beck und @bueti (Reinhard Bütikofer), die es bereits schaffen, ansatzweise die politische Diskussion, beispielsweise des Bundesparteitages der Grünen, mit anderen aus der Partei auf Twitter fortzuführen, und das sogar mit Argumenten.

Und dann gibt es die Regionalpolitiker wie @BoehningB (Bjoern Boehning, SPD-Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost), die erkannt haben, dass Twitter für sie ein Plattform ist, mit der sie auch über die Grenzen ihres Wahlkreises hinaus bekannt werden können.

Politisch wertvoll könnte Twitter dann werden, wenn der Dienst in einer breiteren Wählerschaft, sagen wir mal von Jungwählern, Verbreitung finden würde. Plötzlich öffnete sich ein unkomplizierter Direktkanal zum Volksvertreter. Man abonniert einfach den Nachrichtenstrom der Kandidaten, die einen interessieren und ist mittendrinn im politischen Gespräch. Einfacher war Kommunikation mit dem Wähler nie.

Und dann wird es sich auch als Irrtum herausstellen, dass nur der Gehör findet, der (vorschnell) seine „ich weiß was“-Botschaften absendet und aus den geschlossenen Sitzungssälen zwitschert. Der Politiker wird überzeugen, der es schafft, seinen Followern (interessanter Begriff im politischen Zusammenhang) auch zuzuhören. Denn der (Zeit-)Aufwand und auch die Kosten einer Kommunikation mit dem Wähler ist durch Twitter noch einmal gesunken, jetzt gilt es diese Möglichkeit zu nutzen.

Ganz praktisch sind übrigens die zahlreichen Meta-Dienste, die sich rund um die politische Twitter-Szene gebildet haben. Auf www.wahl.de, www.parteigefluester.de und www.twitterwahl.de lassen sich die Twitter-Aktivitäten der Poltik in aggregierter Form beobachten. Und dass ist allemal schon besser und spannender als die Infra-Test, soundso Formate, die das Fernsehen zu bieten hat.

Relativ schnell kann man so erkennen, wer an einer echten Diskussion mit seinen Wähler interessiert ist und wer nicht. Für die Politiker ergibt sich ganz nebenbei der Vorteil, dass sie leicht erkennen können, was die Menschen bewegt und worüber sie (mit ihnen) reden möchten. „More People can say more things to more people than ever in history“, sagt dazu Clay Shirky. Und damit gebe ich zurück ins Wahlstudio.

Und hier noch ein Videohinweis zum Thema:
„Us now“ von Banyak Films.

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