Politik


Wie schön, das Netz hat eine neue, alte Debatte. Denn wenn Hubert Burda quasi ex cathedra spricht, dann ist das für die Branche immer noch ein Grund zuzuhören. Auf seinen Text in der FAZ („Wir werden schleichend enteignet“) gab es daher zwangsläufig viele und heftige Reaktionen.

Eigentlich ist es müßig, die Diskussion: „Die (guten) Verlage und das (böse) Netz“ immer wieder aufs Neue zu führen. Denn es gibt weder neue Argumente noch andere Lösungen. Doch man sollte vorsichtig sein. Denn Burda wollte natürlich nicht die Menschen im Netz erreichen, die sich jetzt an ihm und seinen Argumenten abarbeiten (Martin Oetting, Ulrike Langer und viele andere). Seine Adressaten sind seine Leute im VDZ und in der Politik.

Deren Aufmerksamkeit bekommt man nämlich am besten über einen schönen großen Artikel in der Faz. Ich halte Hubert Burda aber für viel zu schlau, als dass er blauäugig mal eben unüberlegt einen feuilletonistischen Meinungsbeitrag ohne Ziel und Zweck abdrucken lässt. Schließlich ist er erfolgreicher Unternehmer und möchte das auch bleiben.

Der Text ist daher ein einziger Appell an die Politik, erneut Partei für die Verleger zu ergreifen. Das hat schon bei der Breitseite gegen die Onlineaktivitäten des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks sehr gut funktioniert. Mit dem Ergebnis des jetzt in Kraft getretenen 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrages und der Einführung von so lustigen Begriffen wie „presseähnliches Erzeugnis“ (s.u.).

Hubert Burda weiß es besser, denn als 2005 der erste DLD stattfand (damals noch Digital Lifestyle Day), da wollte es der Zufall, dass ich im Veranstaltungssaal von Schloss Nymphenburg in München direkt neben dem Verleger saß. Und so bekam ich unmittelbar mit, wie sich Burda den neuen Medien nähert: In dem er Hof hält und einfach alle Trendsetter nach München lädt und sich persönlich von der Szene die Ideen präsentieren und sich inspirieren lässt. Burda saß und sitzt dabei immer in der ersten Reihe. Damals schrieb er alles in ein mit seinen Initialen geprägtes Büchlein, notierte zum Beispiel was Caterina Fake über das noch junge Angeobt Flickr zu erzählen hatte.

Burda kennt sie wirklich alle und die Top-Gründer zählen heute zu seinen persönlichen Kontakten, angefangen von Yossi Vardi (Gründer mult. und ICQ-Erfinder) über Marissa Mayer (Google) bis hin zu Esther Dyson (ED Venture).

Der DLD ist heute die angesagteste Konferenz in Deutsch-Digitalien, mittlerweile firmierend als: Digital, Life, Design, an inspiring community for the 21st century which features digital innovation, science and culture and brings together thought leaders, creators, entrepreneurs and investors from Europe, the Middle-East, the Americas and Asia.

Viele waren in diesem Jahr übringes sehr sauer, dass sie aufgrund der reduzierten Teilnehmerzahl nicht in die Kardinal Faulhaber Straße kommen durften. Niemand kann mir darum erzählen, Burda habe keine Ahnung vom Web. Zumal 2009 auch viel vom Journalismus gesprochen wurde und Jeff Jarvis sogar sein neues Buch verteilen durfte. Schließlich hat Burda zusätzlich noch einen Haufen guter Berater und Insider um sich geschaart, die sich, wenn sie nicht gerade den DLD organisieren, jede Konferenz der Welt zum Thema anhören wie man auf Twitter ja leicht nachvollziehen kann.

Wieso also dann diese Reaktion, dieser Text? Eine Antwort darauf bewegt sich natürlich im Bereich der Spekulation. Entweder er hat, seit es den DLD gibt, wirklich nichts dazu gelernt, was ich nicht glaube. Oder die Zeit der traditionellen Verlage ist tatsächlich vorbei und Burda spricht mehr für den VDZ als für sich die Abschiedsworte. Der Versuch jedenfalls, das tradierte Geschäftsmodell von analog auf digital umzusetzen sonst aber so weiterzumachen wie bisher ist gescheitert.

Ich halte dabei die Standesorganisationen VDZ und BDZV für relativ unglücklich agierende Vereine, weil sie aus meiner Kenntnis heraus immer auf Abwehr eingestellt waren und nie selbst in die Innovationsoffensive gegangen sind. Stattdessen versucht man dort mit aller Macht statt der Inhalte den Vetriebsweg auf Papier zu schützen, weil sich Anzeigen nun mal nur auf Papier drucken lassen. Nebenbei sollten dazu auch den Begriffen aus der Printwelt im Web Gültigkeit verschafft werden. Das mündet dann in der kruden Idee, journalistische Inhalte im Web als presseähnliche Erzeugnisse zu bezeichnen.

Jetzt wieder nach dem Staat zu rufen, ist nur ein Zeichen für den Beginn des letzten Gefechts. Ich würde stattdessen gerne mal einen Text von Hubert Burda mit dem Thema lesen: „Was ich auf dem DLD gelernt habe“ und freue mich schon auf den DLD 2010. Ich hoffe, dass ich teilnehmen darf. Und vielleicht sitze ich ja wieder neben Hubert Burda persönlich. Dann werde ich mal versuchen, in sein Notizbuch zu spinksen (und anschließen hier berichten

Es wäre natürlich vorschnell und falsch, Twitter als Instrument der politischen Kommunikation abzuschreiben, noch bevor sich dieser Kanal überhaupt entwickelt hat. Auch wenn die Köhler-Twitter-Panne oder nennen wir sie besser die Twitter-Köhler-Panne ein schönes Beispiel dafür ist, wie es gerade nicht geht bzw. dafür, dass einige Politiker eben nicht an sich halten können, wenn sie etwas wissen, was andere noch nicht wissen.

wahl.de

Vormals haben die Journalisten davon profitiert, die dann anderntags ihre Exklusivgeschichte schreiben konnten. Jetzt braucht man diese Zunft nicht mehr und pustet seine (Geheim-)Information via Twitter gleich selbst in die Welt hinaus.

Man könnte also schnell behaupten, politisch Twittern ist sprachliche Inkontinenz und wie geschaffen für Politiker. Menschen also, die a) sich selbst immer im Mittelpunkt sehen, b) gerne und viel reden, worüber ist egal, Hauptsache reden, c) zu jedem Thema etwas sagen können, und wollen und dass immer auf Anhieb, sobald sich ein Sprechkanal öffnet d) nichts für sich behalten können.

Aber wie gesagt, das hieße, es sich zu einfach machen. Denn der politische Twitter-Raum beginnt sich gerade erst zu entwickeln. @tsghessen (T. Schäfer-Gümbel, Fraktions- und Landesvorsitzender SPD Hessen) macht im Rahmen der Hessen-Wahl den Anfang, indem er mit seiner Twitterei die Wahrnehmungsschwelle in den traditionellen Medien durchbrach.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Mittlerweile gibt es eine bunte Twittermischung im Netz, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Da sind die einfallslosen Pressemitteilungsverlinker wie @spdde, die das Prinzip, besser gesagt die Chance noch nicht begriffen haben, die in diesem neuen Kanal steckt. Sie hängen weiter dem „Broadcast-Modell“ der Politik an, wie es Don Tapscott ausdrück.

Aber es finden sich auch schon einige Polit-Stars, wie @volker_beck und @bueti (Reinhard Bütikofer), die es bereits schaffen, ansatzweise die politische Diskussion, beispielsweise des Bundesparteitages der Grünen, mit anderen aus der Partei auf Twitter fortzuführen, und das sogar mit Argumenten.

Und dann gibt es die Regionalpolitiker wie @BoehningB (Bjoern Boehning, SPD-Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost), die erkannt haben, dass Twitter für sie ein Plattform ist, mit der sie auch über die Grenzen ihres Wahlkreises hinaus bekannt werden können.

Politisch wertvoll könnte Twitter dann werden, wenn der Dienst in einer breiteren Wählerschaft, sagen wir mal von Jungwählern, Verbreitung finden würde. Plötzlich öffnete sich ein unkomplizierter Direktkanal zum Volksvertreter. Man abonniert einfach den Nachrichtenstrom der Kandidaten, die einen interessieren und ist mittendrinn im politischen Gespräch. Einfacher war Kommunikation mit dem Wähler nie.

Und dann wird es sich auch als Irrtum herausstellen, dass nur der Gehör findet, der (vorschnell) seine „ich weiß was“-Botschaften absendet und aus den geschlossenen Sitzungssälen zwitschert. Der Politiker wird überzeugen, der es schafft, seinen Followern (interessanter Begriff im politischen Zusammenhang) auch zuzuhören. Denn der (Zeit-)Aufwand und auch die Kosten einer Kommunikation mit dem Wähler ist durch Twitter noch einmal gesunken, jetzt gilt es diese Möglichkeit zu nutzen.

Ganz praktisch sind übrigens die zahlreichen Meta-Dienste, die sich rund um die politische Twitter-Szene gebildet haben. Auf www.wahl.de, www.parteigefluester.de und www.twitterwahl.de lassen sich die Twitter-Aktivitäten der Poltik in aggregierter Form beobachten. Und dass ist allemal schon besser und spannender als die Infra-Test, soundso Formate, die das Fernsehen zu bieten hat.

Relativ schnell kann man so erkennen, wer an einer echten Diskussion mit seinen Wähler interessiert ist und wer nicht. Für die Politiker ergibt sich ganz nebenbei der Vorteil, dass sie leicht erkennen können, was die Menschen bewegt und worüber sie (mit ihnen) reden möchten. „More People can say more things to more people than ever in history“, sagt dazu Clay Shirky. Und damit gebe ich zurück ins Wahlstudio.

Und hier noch ein Videohinweis zum Thema:
„Us now“ von Banyak Films.

Noch föstelt es mich ein wenig. Obwohl es heute fast 25 Grad im Rheinland sind, hinterlässt der Besuch in Vogelsang einen bleibenden Eindruck. Burg Volgelsang liegt mitten im Nationalpark Eifel, irgendwo zwischen Euskirchen und Aachen und war von 1936 bis Kriegsende eine NS-„Ordensburg“ – also eine Bildungs- oder besser gesagt Indoktrinationseinrichtung der Nazis.

Vogelsang: Wehrhafte Nazi-Architektur

Nach dem Krieg wurde das Gelände durch die Briten und bis 2005 von den Belgiern als Kaserne genutzt, was dazu führte, dass der militärische Geist nie von diesem Gelände gewichen ist. Seit Anfang 2006 ist das Gelände für die Öffentlichkeit zugänglich.

Heute findet der Besucher eine archäologische Grabungsstätte der jüngsten Geschichte vor. Deren Bausubstanz zerfällt, deren Stein gewordener Geist aber weiter aus jeder Fuge spricht.

Nun droht aus dem Gelände eine Art naturnaher Abenteuerspielplatz für Familien zu werden. Die Betreiber versuchen sich nach eigenen Angaben in einer „Neuinterpretation Vogelsangs als Ort der Toleranz, des friedlichen Miteinanders und der intensiven Naturbegegnung.“

Die Ausmaße der Anlage sind so gewaltig, dass es allein aus diesem Grund fraglich ist, ob das Vorhaben gelingen kann. Noch dramatischer aber ist der Charakter dieses Ortes: Führerkult, Größenwahn und Allmachtsphantasie zum (be-)greifen.

6 m hoch: Der Fackelträger

Und es hätte mich nicht gewundert, wenn bei unserem Besuch eine Kompanie exerzierender Junker im Gleichschritt um die Ecke gekommen wäre, angetrieben von einem schreienden Ausbilder.

Die Geschichte an diesem Ort entsteht im Kopf – und das jeweils anders, so wie es persönlicher Hintergrund, Erfahrung, Lebensalter und Einstellung erlauben. Rechte Gruppen werden sich wahrscheinlich baden in dem Gefühl, dem Geist der ehemaligen Nazi-Elite ganz nahe zu sein.

Bei seiner persönlichen Interpretation wird dem Besucher vollkommener Freiraum gewährt. Die wenigen Hinweistafeln an den markanten Punkten des Geländes sind bestenfalls belanglos, man könnte sie aber auch als verharmlosend bezeichnen.

Burg Vogelsang war eine von drei Ordensburgen in Deutschland. Hier wurde die Nazi-Elite geschult. Insgesamt 2.000 junge Männer sollen hier zwischen 1936 und 1939 einen jeweils einjährigen Lehrgang absolviert haben. Ziel war die Erziehung eines „neuen Menschen“.

Und jetzt streunen die Besucher mit Rucksäcken, Picknickkörben und Kinderwagen über das Gelände so wie bei einem Besuch auf einer Bundesgartenschau.

Besucher spazieren über das Gelände

Für mich ein falscher Ansatz – nicht jeder Ort eignet sich für Eventourismus. Und wer die Gebäude erhält, konserviert auch ihren Geist.

Zerfall

Man sollte den Ort einfach sich selbst überlassen und darauf setzen, dass mit den Steinen eines tausendjährigen Reichs auch dessen wahnsinniges Gedankengebäude zerfällt.

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> weitere Links und Infos

Heute habe ich ein weiters Interview zum Thema Cyberprotest geführt und zwar mit Christoph von Bautz. Er ist einer der Initiatoren von campact.de und deren hauptamtlicher Pressesprecher. Das merkt man schnell während des Interviews.

Campact ist ist der deutsche Nachbau von moveon.org, der großen amerikanischen Plattform für politische Kampagnen. Moveon wurde schon 1998 im Zusammenhang des Impeachment-Verfahrens gegen Präsident Clinton gegründet. Joan Blades und Wes Boyd, zwei Unternehmer aus dem Silicon Valley waren ziemlich genervt von der Berichterstattung zu dem Thema, die sich ihrer Meinung nach nur auf die Nebensächlichkeiten (Sex-Skandal) konzentrierte und dabei die wichtigen politischen Themen ernachlässigte. Darum starteten sie eine Onlinepetition „to Censure President Clinton and Move On to Pressing Issues Facing the Nation“. (Clinton wurde aber dann frei gesprochen und nicht zensiert).

Mittlerweile mobilisiert Moveon Millionen, z.B. zur Unterstützung von Barack Obama. Ganz soweit ist Campact.de noch nicht. Aber auch hier beziehen immerhin schon gut 83.000 Menschen den Aktionsnewsletter, der auf die neusten Campagnen hinweist und die Empfänger zum Mitmachen auffordert.

Campact ist nach eigenen Angaben unabhängig aber nicht basisdemokratisch organisiert. Eine Gruppe von hauptamtlichen Mitarbeitern bestimmt die Agenda und „horcht“ dazu aber immer wieder in die Basis hinein, welche Themen kampagnenfähig sind.

Ganz unkritsich finde ich das nicht, zumal Campact auch mit Unternehmen wie Naturstrom kooperiert. Christoph Bautz hält das aber für nicht problematisch, zumal man kein Geld nimmt, sondern nur den Verteiler der Kooperationspartner aus der Wirtschaft nutzt, um auf die Aktionen hinzuweisen.

Sicherlich hat auch Campact das Potential Dinge zu bewegen und Bürger stärker in politsche Entscheidungen einzubeziehen.  Was ja eine gute Sache ist. Mehr zum Thema demnächst unter: www.elektrischer-reporter.de.

Liebe Leute, bald ist ja Bundestagswahl, wie wäre es da mal mit ein wenig politischer Aktion im Web. Wer wissen will, wie man im Internet die Menschen für seine Ziele mobilisiert, sollte vorher bei DigiActive vorbeischauen (Motto: A World of Digital Activists). Diese Anfang des Jahres in den USA gegründete Initiative versteht sich als Anlaufstelle für Aktivisten in Digitalien. Der geneigte Campagnenmacher findet dort eine Fülle von Infos zu laufenden Aktionen in aller Welt, Fallstudien und Anleitungen zum digitalen Ungehorsam zum Beispiel auf Facebook.

Heute sprach ich mit Patrick P. Meier, einem der Initiatoren über die Ziele und das Potential von DigiActive. Er ist fasziniert von der Möglichkeit, über das Internet dezentral organisierte politische Bewegungen und zivilen Protest in aller Welt zu organisieren und das nahezu ohne Kosten. „Wir sind überwältigt von dem weltweiten Zuspruch für unser Projekt“, sagt Patrick. „Wir wollen die Lernkurve der Digital-Aktivisten verbessern, denn einer Demokratie 2.0 steht auch eine Repression 2.0 gegenüber.“

Im Web tut sich also wieder was in Sachen Demokratie. Auch wenn sich bislang nicht alle Hoffnungen hinsichtlicher mehr Demokratie durch das Web erfüllt haben. Es entsteht dennoch ein neuer, öffentlicher politischer Raum ganz im Sinne von Habermas. Und wer als Politiker wissen will, worüber die Menschen reden, der sollte eben auch im Netz schauen, was dort diskutiert wird. Einige Politiker haben das bereits begriffen. Allen voran ein gewisser Herr Obama: Mary Joyce, Mitgründerrin von DigiActive war in seiner Mannschaft mit für die Koordination der Webaktivitäten erforderlich (während dieser Zeit ruhte die Tätigkeit für DigiActive).

Demnächst mehr zu diesem Thema mit einem ausführlichen Interview unter www.elektrischer-reporter.de.

Der Eimer des Losverkäufers auf der Kapitalmarktkirmes ist randvoll mit Losen gefüllt. „Jetzt zugreifen meine Damen und Herren! Verpassen Sie nicht den Hauptgewinn! Zehn Lose nur 50 Millionen Dollar!“, schreit er über den Platz. Ausgelassen greifen die Besucher zu. Die Subprimelose gehen weg wie nix. Der Eimer ist doch voller Gewinne, so glaubt man.

Das ist Vergangenheit, die Kirmes inzwischen abgebaut, der Festplatz wirkt leer und traurig. Auf dem Boden liegen die alten Loszettel: „Niete, leider verloren“ ist auf der Innenseite zu lesen.

Auch die Banker der IKB hatten die Taschen voller Lose und es verschlägt einem wirklich den Atem. Man fragt sich, worüber man sich mehr aufregen soll. Über die Gier oder Ahnungslosigkeit der Banker, über das Stillhalten der Politik, das Versagen der Finanzaufsicht oder über die Art und Weise, wie die jetzt IKB auf Kosten der Allgemeinheit durch den Verkauf an einen Investor abgewickelt wird. Der größte Skandal bei diesem Thema ist für mich, wie dreist dabei die parlamentarische Kontrolle ausgehebelt und umgangen wird.

Bisher dachte ich, wir leben in einer funktionierenden Demokratie. Aber es kommen langsam Zweifel. Milliardenbeträge, über deren Bewilligung es sonst tage-, wochen-, oder gar monatelangen Streit gibt, werden hier einfach auf Kosten des Bürgers verfügt. Mit der KfW hatte man ja ein Vehikel, das von keinem Parlament wirkungsvoll kontrolliert wird.

Jeder von uns übernimmt nun ein Teil des Risikos für diese Bankpleite ohne auch nur die entfernteste Aussicht zu haben, an einem möglichen Erfolg dieser Investition zu partizipieren. Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass nach dem beschlossenen Verkauf auch noch gemauert und vertuscht wird und keine Partei auch nur ernsthafte Anstrengungen unternimmt, wenigsten für Aufklärung zu sorgen? Rechenschaft zu fordern und Konsequenzen zu ziehen.

Die Banker sind derweil weiter ganz unbekümmert: „Egal, wir hatten doch unseren Spaß. 10 Milliarden Euro auf Kosten des deutschen Steuerzahlers auf der Kirmes verballert? Scheißegal! Es fragt doch keiner und unser Gehalt oder eine schöne Abfindung bekommen wir doch obendrauf.

Südossetien, Abchasien, Dagestan – die Namen der Länder, Städte und Gebiete des Kaukasus hören sich an wie Fantasiestaaten und die Nachrichten vom Krieg lesen sich wie die Erzählung „Der Winterkrieg in Tibet“ von Dürrenmatt. Die wenigsten von uns können die Region auf einer Landkarte sicher finden, nur von Tschetschenien hat man schon gehört und dem Krieg. Lange drangen die Nachrichten aus der Region nicht mehr in unsere Wahrnehmung vor.

Und nun, wo eigentlich nur Olympia die Schlagzeilen bestimmen soll, fängt dieser Krieg an und stört beim Zählen der Medallien. Die Medien tun sich plötzlich schwer mit der Gewichtung. Man fühlt fast die Gewissensnot in den Redaktionen: Olympia als Aufmacher, ist das überhaupt möglich? Bislang galt doch, dass während der olympischen Spiele die Waffen schweigen.

Doch selbst über diese einfache der nur noch wenigen verbliebenen Regeln des zivilen Zusammenlebens setzen sich die Kriegsparteien mit grenzenlosem Zynismus und roher Gewalt hinweg.

Es ist kaum zu glauben. Der Einsatz für die Freiht der Tibeter passte noch ins politische bzw. mediale Konzept aber nicht dieser Krieg. Wir werden schlicht vorgeführt von einem eiskalten Putin oder von einem Saakaschwili, der sich verschätzt hat. Wer kann schon den Schuldigen benennen?

Aber es sagt viel über den Stand unserer Zivilisation aus und die Macht und den Einfluss von Politik, von internationalen Gremien und Organisation, wenn auch nur eine Seite mächtig genug ist und Willens, Gewalt anzuwenden. Uno, Nato, EU, … noch nicht einmal Papiertiger, von wegen friedliche Vernetzung in einer globalen Welt.

Und so bleibt den Medien und der Bewußtsein schaffenden Industrie nichts weiter übrig, als die Ereignisse, die nicht allzufern von uns ablaufen, in die normalen industriellen Prozesse ihrer Redaktionen zu werfen und routinemäßig zu verarbeiten. Wir sind betroffene Zuschauer, etwas verunsichert zwar aber doch froh über die Meldung über die 6. Goldmedialle, die noch über den Schlagzeilen vom Krieg im Kaukasus stehen.