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Wäre ich jetzt Sozial- oder Netzwissenschaftler oder Psychologe – ich würde abwechselnd staunen oder jubeln. Die #Icebucketchallenge ist quasi ein unverlangt angelegtes Großexperiment zur Psychologie des Menschen unter besonderer Berücksichtigung von Netzwerkmechaniken.

Die #Icebucketchallenge liefert soviel Erkenntnisse über das Verhalten der teilnehmenden Probanden und der Funktionsweise von Netzen, dass man gar nicht wüßte, wo man mit der Auswertung anfangen soll.

Anlass zur vermeintlich uneigennützigen Selbstdarstellen

Vielleicht ist es so: Der vernetzte Mensch pflegt die fortwährende Selbstdarstellung in den Netzen (der Autor nimmt sich da nicht aus, nicht zuletzt durch diesen Eintrag) und fühlt sich doch nie so ganz ganz wohl dabei. Darf man, soll man seinen vernetzten Mitmenschen dauernd mit seinem persönliche Scheiß belästigen? – andererseits: man muss es ja tun – wie würde man sonst noch als relevant wahrgenommen.

Und dann kommen da diese ALS Leute daher und bieten ein emotionales Thema und diesen nicht mehr kritisierbaren Anlass zu einer eben solchen Präsentation im Netz – und nicht nur dass: durch den geschickt eingebauten Schneeball-Effekt der Nominierung, gibt es gleich doppelte Absolution für das eigene Posten / Posen: Man ja gezwungen, bei dem Eiswassertreiben mitzutun (dicke Gänsefüsschen bei gezwungen). Weil: man tut es ja nicht für die eigene Sache, sondern für die gute Sache (eines Dritten). Und selbst die, die sonst im Netz nicht ständig posten, bloggen, twittern haben endlich einen Grund, hier (erstmalig) aufzuspringen: das ist einfach perfekt – vielleicht zu perfekt, s.u..

Doch ein Eimer mit Eiswasser ist nicht ein Eimer an Eiswasser: Die Prozedur bietet eine fast nicht für möglich gehaltene Variationsbreite an Differenzierungs- und eben Selbstdarstellungsmöglichkeiten. Das eigene Profil kann in Richtung Gutmensch geschärft werden. Gleichzeitig bilden sich vorhandene Netzwerkstrukturen durch das Kübeln mit Eis ab, was vielleicht die interessanteste Beobachtung sein dürfte.

Mein linker Platz ist leer, da wünsche ich mir den / die XY her.

Da sind beispielsweise die Eiswassergießer, die Englisch sprechen, wie Herr Steingart Chef der Verlagsgruppe Handelsblatt. Er richtet sich (seiner Natur und Funktion gemäß) an ein größeres Publikum. Als Ausweis des persönlichen Status und der eigenen Gruppenzugehörigkeit dienen die Personen, die man sich zu nominieren traut – wie Frau Meckel (bald Chefin der Wirtschaftswoche), die dann standesgemäß mit Fr. von d. Leyen eine Ministerin nominiert (wichtige Frau nominiert sehr wichtige Frau). Eine (kleine) Stichprobe ergibt: Die Netzwerkkreise bleiben geschlossen, ein Ausbrechen aus den eigenen Kreisen nach „unten“ oder „oben“ kommt nicht vor. Allenfalls gibt es leichte Abweichungen, wie im Fall Meckel (= Chefredakteurin) / Ministerin. Es ist ein wenig wie früher im Kindergarten: Mein linker Platz ist leer, da wünsche ich mir den / die XY her. Das war schon für die Kindergärtnerin (oder den Gärtner) immer sehr aufschlussreich.
Und wer nicht (herbeigegewünscht) oder nominiert wurde, der schaute eben traurig aus der Wäsche – so wie die Kollegen von Handelsblatt.com, die sich folgerichtig selbst nominieren, damit sie auch ein wenig von viralen Hype abbekommen und Netzverständnis bekunden können und sich vor allen (auf ihrer Webseite) in eine Reihe mit Bill Gates, Kai Dieckmann und George W. Busch stellen können (war letzter nicht der, dem wir jetzt die Lage im Irak zu verdanken haben?).

So lässt sich aus den Nominierungen und Handlungen vor der Kamera ein sehr präzises Bild der bestehenden Netzwerke nachzeichnen und zugleich ein Bild der handelnden Personen. Viele von ihnen werden erstmalig vor der Kamera gestanden haben, man sieht es ihnen an.

Verschwundene Eiswürfel 

Aber die Chance, dies zu tun, weil ohne vordergründiges Eigeninteresse ist einfach zu verlockend. Wenn mann dann wie Herr Müller von Blumencron theatralisch noch ein paar eiskalte Eiswürfel („This has to be really cold“) in seinem Eimer packt, die man aber im geschnittenen Video (selbst in der Zeitlupe) nicht mehr erkennen kann, wird das ganze vollends als Schauspiel entlarvt. Natürlich darf man ihn erst recht nicht kritisieren (und vielleicht tue ich ihm auch Unrecht), weil er im Video davon spricht, dass seine Mutter vor 20 Jahren an der Krankheit gestorben sei.

Was uns das lehrt? Sicher, dass Wohltätigkeit dann am besten funktioniert, wenn sich beide Seiten davon einen Gewinn versprechen? Schon die mit Plaketten beschrifteten Parkbänke zeugen davon, dass man als Spender auch gesehen und erkannt werden möchte.
Doch viel mehr lernt man über den Wert von Persönlichkeit im Netz und den Attributen, die wir dieser durch eine derartige Aktion hinzufügen können – und was wir bereit sind, dafür zu tun.

Aufschaukelungseffekte

Mehr noch lernt man über das Funktionieren von Netzwerken und Aufschaukelungseffekten. Denn die Verbreitung hängt nicht nur mit dem guten Zweck und dem System der Nominierungen zusammen, sondern auch mit dem Umstand, dass viele der angesprochenen Nominierten selbst dicke Netzwerkknoten sind und den Schnellball wirkungsvoll weiterrollen konnten, bis schließlich die Medien wegen der Relevanz dieser Persönlichkeiten an der Relevanz des Themas nicht mehr vorbeikamen – schlussendlich wurden so auch hochrangige Unternehmer und Politiker legitimiert ein Handlung vor einer Kamera und der Netzöffentlichkeit zu begehen, die sie kurz vorher sehr sicher unter Androhung von Strafe von sich gewiesen hätten. Wie mittlerweile die ganze Welt erfasst wurde, zeigt diese Grafik sehr eindrucksvoll.

Shareability

Zugleich erfüllen die Videos ganz im Sinne von YouTube das Merkmal der sogen. „Shareability“: Sie sind kurz, bisweilen lustig, und zeigen eine ungewöhnliche Handlung, appellieren zugleich an unsere Gefühle und sind mit einem „Call to action verbunden“ – das reicht aus, um bei vielen Nutzern den Reflex des Teilens und Empfehlens auszulösen. Die so genannte Challege ist so in sehr kurzer Zeit zum Meme geworden, ist mutiert, hat sich verselbständigt und eine eigene Richtung genommen, die nur noch begrenzt mit der Ursprungsidee was zu tun hat.
Vielleicht ist  #Icebucketchallenge bezogen auf das Thema ALS auch längst ins Gegenteil gekippt – und irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist, weil es zu gut auf die Netzwerkmechanismen (und das, was in den Netzen resonanzfähig ist, Peter Kruse) aufsetzt. Jedenfalls ist der Netzeffekt erstmalig in der Elite der Gesellschaft angekommen und damit ein Beleg, dass nun auch diese Schichten „mit drin hängen“, bzw. nicht mehr entziehen können, bzw. wollen, wenn ein Meme im Netz die Runde macht.

Es ist meiner Kenntnis nach nach Kony2012 erst der zweite Fall einer derartigen Aufschaukelung. Hoffentlich bleibt es bei den guten Zwecken, hier gibt es wahrlich ausreichend Bedarf für Menschen mit Eiswasserküblen oder sonstigen Gerätschaften: Man stelle sich vor, diese Art der Solidarität würde für Frieden in Gaza oder in der Ukraine genutzt!
PS:
Ich bin auf die Studien der oben genannten Forschergruppen gespannt.

Im Netz wird reflexhaft behauptet, gewaltbetonte Computerspiele und Videos hätten nichts mit den Gewaltausbrüchen und Amokläufen bei Jugendlichen zu tun. Das Argument: Nahezu alle in diesem Alter konsumieren diese Spiele und Videos, wenn es eine direkte Kausalität gäbe, läge die Fallzahl wesentlich höher.

Gleichzeitig sehen wir – bei konstanter oder sogar leicht zurückgehender Jungendkriminalität insgesamt – erschrenkende Beispiele von Gewaltausbrüchen bei Jugendlichen. Gewalt, die jegliches Mitleid mit dem Opfer, jegliche Emphatie teilweise sogar die natürliche Tötungshemmung außer Kraft setzt.

Die Beispiel der letzten Tage aus München und Ansbach belegen das. Ich glaube, die Abkoppelung zwischen Erleben bzw. Wahrnehmen von Gewalt und Gewaltausübung ist – unter bestimmten Bedingungen – die Ursache für dieses Verhalten.

Gewalt wird in unserer Gesellschaft fortwährend medial inszeniert, und zwar real und fiktiv. Im Video, im Kino, im TV, im Computerspiel. Die Nachrichtenbilder von den Kriegsschauplätzen werden dabei in ihrer Grausamkeit noch nicht mal von den Games übertroffen. Sender wie DSF und Eurosport, die die neuen „Trendsportarten“ Ultimate Fighting oder K1 übertragen und kommentieren als handele es sich um Vidoespiele, lassen sogar Spiel und Realität verschmelzen und senden zusätzliche Impulse in diese Richtung: Alles ist erlaubt, man tritt auf ein am Boden liegendes Opfer solange ein, bis es sich nicht mehr wehrt. Die Öffentlich-Rechtlichen ziehen mit ihren Boxshows nach.

Während die Jugendlichen in München nur einen kleinen Auslöser benötigten, um in diesen erlernten Verhaltensmustern loszuschlagen, verstrickte sich der Amokläufer in seiner Gedankenwelt mit Versatzstücken aus realer und medialer Gewalt, gleich welcher Quelle, bis es zum Ausbruch kam. Einmal erfolgte die Gewalt also spontan und reflexhaft das andere Mal reifte sie im Kopf eines Menschen heran.

In beiden Fällen wurde jedoch reales Leben zerstört. Wobei die Opferbilder genau den zuvor erworbenen Gewaltmustern entsprechen. Ein zu Tode geprügelter Mensch und ein Junges Mädchen, mit der Axt gezeichnet und für ihr Leben entstellt. Diese Bilder entstammen meiner Meinung nach eben nicht einer reinen Phantasie sondern werden erworben und unter bestimmten Bedingungen durch die Täter realisiert. Zu behaupten, Spiele und Videos spielten dabei keine Rolle, halte ich für grundweg falsch. Sie gehören mit den vielen auslösenden Faktoren.

Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die „Generation Wikipedia“ weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Internet, 07.09.2009

Markus Beckedahl
Mercedes Bunz
Julius Endert
Johnny Haeusler
Thomas Knüwer
Sascha Lobo
Robin Meyer-Lucht
Wolfgang Michal
Stefan Niggemeier
Kathrin Passig
Janko Röttgers
Peter Schink
Mario Sixtus
Peter Stawowy
Fiete Stegers

2009 CC-BY

Internet-Manifest

Wer das Internet-Manifest mit weiterentwickeln will,
kann das hier, im Wiki tun.

Man mag es kaum glauben aber die Grundidee hinter Google Wave ist mehr als 40 Jahre alt. Denn 1967 machte sich Ted Nelson daran, auf Basis des vom ihm erdachten Hypertext-Systems, unter dem Namen Xanadu eine allumfassende Bibliothek des Weltwissens zu entwickeln. Kern von Xanadu war ein ausgeklügeltes Dokumentenmanagementsystem.

Erst kürzlich machte mich @sixtus auf Xanadu aufmerksam und empfahl mir einen Wired-Artikel aus dem Jahre 1995 zur Lektüre. Zufällig schaute ich mir gleichzeitig noch die Wave-Präsentation auf Youtube an, und plötzlich war es so, als würde der Wired-Text genau das beschreiben, was bei Wave realisiert wurde:

Xanadu could (also) provide a tool for rational discussion and decision making among very large groups. In the Xanadu docuverse, an assertion could always be followed back to its original source. An idea would never become detached from its author. Public discussion on important issues would move forward logically, rather than merely swirling ineffectively through eddies of rhetoric. In fact, any reader could, by creating and following links, freeze the chaotic flow of knowledge and grasp the lines of connection and influence.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Wie das World Wide Web war Xanadu als dezentrales Speichersystem für Dokumente gedacht. Jedes Dokument in Nelsons Hypertext-Raum sollte eine absolut eindeutige Adresse (unabhängig vom Speicherort) besitzen. Innerhalb des Dokuments sollten selbst einzelne Zeichen direkt von anderswo adressierbar sein. Dokumente stellte sich Nelson als unlöschbare Einträge in einer globalen Datenbank vor. Man konnte zwar, so die Idee, eine neue Version veröffentlichen, doch die alte Version des gleichen Dokuments blieb verfügbar, und Unterschiede zwischen zwei Versionen ließen sich auf einfache Weise sichtbar machen. Zusammengehörende Dokumente sollten in parallelen Fenstern, so genannten transpointing Windows, samt den Verbindungen dazwischen angezeigt werden.

Verweise sollten bidirektional sein; wenn man eine Seite in Xanadu betrachtete, sollte man also auch sehen, welche anderen Seiten auf diese Seite verwiesen. Anstelle des im Web üblichen „Copy & Paste“, des einfachen Kopierens von Inhalten, sollten die Adressen von Inhalten an der Stelle, an der man sie benutzt, eingefügt werden. Wenn man also z. B. ein Buch zitiert, würde man einfach die Adresse (also die global eindeutige Nummer des Buches sowie die Zahl der zu zitierenden Zeichen) an der entsprechenden Stelle einfügen, nicht den Zitattext selbst (sog. Transklusion). Der Client (das Xanadu-Äquivalent zum Webbrowser) würde die entsprechenden Daten dann an der richtigen Stelle einfügen.

In mancher Hinsicht gingen bzw. gehen Ideen von Xanadu weit über das hinaus, was später durch das Internet realisiert wurde. Beispielsweise beinhaltete Xanadu ein Rechtemanagement, dass es ermöglichen sollte, Autoren bei der Nutzung ihrer Werke durch andere automatisch zu vergüten.

Und damit wird auch deutlich, welches Potential noch in Wave steckt. Wenn es so funktioniert, wie es sich die Entwickler vorstellen, lässt sich Wave um viele Module erweitern, wie eben ein Rechtemanagement.

Ted Nelsen war ein Visionär, der rund 30 Jahre an der Verwirklichung seines Traum zusammen mit anderen gearbeitet hat und aus verschiedenen Gründen gescheitert ist. Der Wired-Text ist wirklich lesenswert. Spannend ist nun, dass Google sich bewußt oder unbewußt eben genau diese Ideen zu nutze macht und es schafft, über die bestehende Systematik des Webs hinauszudenken. Während andere, wie Microsoft mit seinem Projekt Bing, im bestehenden Rahmen bleibt und Anwendungen für das Web erfindet, baut Google das Web ein Stück weit neu (Über die Vor- und Nachteile muss man sich dann noch gesondert unterhalten).

Es wäre natürlich vorschnell und falsch, Twitter als Instrument der politischen Kommunikation abzuschreiben, noch bevor sich dieser Kanal überhaupt entwickelt hat. Auch wenn die Köhler-Twitter-Panne oder nennen wir sie besser die Twitter-Köhler-Panne ein schönes Beispiel dafür ist, wie es gerade nicht geht bzw. dafür, dass einige Politiker eben nicht an sich halten können, wenn sie etwas wissen, was andere noch nicht wissen.

wahl.de

Vormals haben die Journalisten davon profitiert, die dann anderntags ihre Exklusivgeschichte schreiben konnten. Jetzt braucht man diese Zunft nicht mehr und pustet seine (Geheim-)Information via Twitter gleich selbst in die Welt hinaus.

Man könnte also schnell behaupten, politisch Twittern ist sprachliche Inkontinenz und wie geschaffen für Politiker. Menschen also, die a) sich selbst immer im Mittelpunkt sehen, b) gerne und viel reden, worüber ist egal, Hauptsache reden, c) zu jedem Thema etwas sagen können, und wollen und dass immer auf Anhieb, sobald sich ein Sprechkanal öffnet d) nichts für sich behalten können.

Aber wie gesagt, das hieße, es sich zu einfach machen. Denn der politische Twitter-Raum beginnt sich gerade erst zu entwickeln. @tsghessen (T. Schäfer-Gümbel, Fraktions- und Landesvorsitzender SPD Hessen) macht im Rahmen der Hessen-Wahl den Anfang, indem er mit seiner Twitterei die Wahrnehmungsschwelle in den traditionellen Medien durchbrach.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Mittlerweile gibt es eine bunte Twittermischung im Netz, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Da sind die einfallslosen Pressemitteilungsverlinker wie @spdde, die das Prinzip, besser gesagt die Chance noch nicht begriffen haben, die in diesem neuen Kanal steckt. Sie hängen weiter dem „Broadcast-Modell“ der Politik an, wie es Don Tapscott ausdrück.

Aber es finden sich auch schon einige Polit-Stars, wie @volker_beck und @bueti (Reinhard Bütikofer), die es bereits schaffen, ansatzweise die politische Diskussion, beispielsweise des Bundesparteitages der Grünen, mit anderen aus der Partei auf Twitter fortzuführen, und das sogar mit Argumenten.

Und dann gibt es die Regionalpolitiker wie @BoehningB (Bjoern Boehning, SPD-Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost), die erkannt haben, dass Twitter für sie ein Plattform ist, mit der sie auch über die Grenzen ihres Wahlkreises hinaus bekannt werden können.

Politisch wertvoll könnte Twitter dann werden, wenn der Dienst in einer breiteren Wählerschaft, sagen wir mal von Jungwählern, Verbreitung finden würde. Plötzlich öffnete sich ein unkomplizierter Direktkanal zum Volksvertreter. Man abonniert einfach den Nachrichtenstrom der Kandidaten, die einen interessieren und ist mittendrinn im politischen Gespräch. Einfacher war Kommunikation mit dem Wähler nie.

Und dann wird es sich auch als Irrtum herausstellen, dass nur der Gehör findet, der (vorschnell) seine „ich weiß was“-Botschaften absendet und aus den geschlossenen Sitzungssälen zwitschert. Der Politiker wird überzeugen, der es schafft, seinen Followern (interessanter Begriff im politischen Zusammenhang) auch zuzuhören. Denn der (Zeit-)Aufwand und auch die Kosten einer Kommunikation mit dem Wähler ist durch Twitter noch einmal gesunken, jetzt gilt es diese Möglichkeit zu nutzen.

Ganz praktisch sind übrigens die zahlreichen Meta-Dienste, die sich rund um die politische Twitter-Szene gebildet haben. Auf www.wahl.de, www.parteigefluester.de und www.twitterwahl.de lassen sich die Twitter-Aktivitäten der Poltik in aggregierter Form beobachten. Und dass ist allemal schon besser und spannender als die Infra-Test, soundso Formate, die das Fernsehen zu bieten hat.

Relativ schnell kann man so erkennen, wer an einer echten Diskussion mit seinen Wähler interessiert ist und wer nicht. Für die Politiker ergibt sich ganz nebenbei der Vorteil, dass sie leicht erkennen können, was die Menschen bewegt und worüber sie (mit ihnen) reden möchten. „More People can say more things to more people than ever in history“, sagt dazu Clay Shirky. Und damit gebe ich zurück ins Wahlstudio.

Und hier noch ein Videohinweis zum Thema:
„Us now“ von Banyak Films.

Wir haben Anfang Mai, doch der Ausdruck „Share Economy“ hat schon jetzt das Zeug das Buzzword 2009 zu werden. Alle redet nur noch vom Teilen. So wie auf der next09-Konferenz Anfang der Woche in Hamburg.

Wer nicht teilt ist doof – das war eigentlich schon immer so. Jedenfalls im Kindergarten und auch noch in der Schule. Die, die was abgegeben haben waren beliebt. Die, die alles für sich behalten haben, waren dagegen clever, zogen ihre Vorteile (und machten später Karriere). Und weil wir nach und nach alle erkannten, dass die, die nicht teilen, irgendwie erfolgreicher waren, haben wir uns das Teilen abgewöhnt. Schließlich war ja auch der Sozialismus früh gescheitert. Wer teilt ist doof.

Im Grund wurde die gesamte Gesellschaft auf dem Prinzip des „Nicht-Teilen-Wollens“ auf- bzw umgebaut. Was blieb ist ein Stück Sozialstaat (bei uns – zum Glück!) Umair Haque beschrieb auf der next in seinem Vortrag die Leitworte der heutigen Wirtschaftsordnung: Exploit,command, war, dominate, profit.

Auf Basis dieser Ideen entstand auch die modere Finanzwirtschaft, die nun gerade vor unseren Augen kollabiert aber mit gewaltiger Kraftanstrengung am Leben gehalten wird. Interessanterweise ist der einzige der hier (zwangsweise) teilt, der Bürger.

Und dieses Prinzip Eigennutz soll sich dank des Webs in Luft auflösen? Ist die „Share Economy“ etwa der neue Sozialismus oder ist die Moral (vom Teilen) nur die neue Gier der Cleveren, die noch nie selbst was abgegeben haben aber jetzt vom Teilen-Sollen reden.

Ich bin ehrlich gesagt noch unentschieden. Und wundere mich immer, warum es nie Kritik an Jeff Jarvis und seiner handlungsleitenden Maxime: „What would google do“ (implizit: do what google would do) gibt. Wie kann ein Quasi-Monopolist wie Google zur Share Economy passen? Become a monopolist, das Kapitel fehlt jedenfalls in seinem Buch.

Und vielleicht bedeutet share economy einfach nur Teilen aus Eigennutz und ist daher eben nicht der neue Sozialismus mit den neuen menschlichen Idealen wie Haque sie sich wünscht. Als da wären Nachhaltigkeit, Demokratie, Frieden, Gleichheit und Sinn. Jedenfalls müßten sich alle an diese Regeln halten, damit es funktioniert.

Dass Wirtschaft Krieg ist, glauben eh nur die, die sich in diesem Krieg befinden und ihn täglich führen und (bis jetzt) daran verdien. Die schönsten Beispiel liefern in diesen Tagen die Schaefflers, Porsches und Pieches. Ich weiß nicht, ob Google nicht auch dazu gehört, trotz der kostenlosen Dienste, die ich nicht missen möchte. Wer sich aber nie hat kompromittieren lassen, für den ist die Diskussion um die Share-Economy nur die Rückkehr zu alten, lange vergessenen Werten. Ist das nun wieder nur ein Trend oder eine nachhaltige Bewegung, ein ehrlicher Sinneswandel? Noch bestehen Zweifel.

Heute habe ich ein weiters Interview zum Thema Cyberprotest geführt und zwar mit Christoph von Bautz. Er ist einer der Initiatoren von campact.de und deren hauptamtlicher Pressesprecher. Das merkt man schnell während des Interviews.

Campact ist ist der deutsche Nachbau von moveon.org, der großen amerikanischen Plattform für politische Kampagnen. Moveon wurde schon 1998 im Zusammenhang des Impeachment-Verfahrens gegen Präsident Clinton gegründet. Joan Blades und Wes Boyd, zwei Unternehmer aus dem Silicon Valley waren ziemlich genervt von der Berichterstattung zu dem Thema, die sich ihrer Meinung nach nur auf die Nebensächlichkeiten (Sex-Skandal) konzentrierte und dabei die wichtigen politischen Themen ernachlässigte. Darum starteten sie eine Onlinepetition „to Censure President Clinton and Move On to Pressing Issues Facing the Nation“. (Clinton wurde aber dann frei gesprochen und nicht zensiert).

Mittlerweile mobilisiert Moveon Millionen, z.B. zur Unterstützung von Barack Obama. Ganz soweit ist Campact.de noch nicht. Aber auch hier beziehen immerhin schon gut 83.000 Menschen den Aktionsnewsletter, der auf die neusten Campagnen hinweist und die Empfänger zum Mitmachen auffordert.

Campact ist nach eigenen Angaben unabhängig aber nicht basisdemokratisch organisiert. Eine Gruppe von hauptamtlichen Mitarbeitern bestimmt die Agenda und „horcht“ dazu aber immer wieder in die Basis hinein, welche Themen kampagnenfähig sind.

Ganz unkritsich finde ich das nicht, zumal Campact auch mit Unternehmen wie Naturstrom kooperiert. Christoph Bautz hält das aber für nicht problematisch, zumal man kein Geld nimmt, sondern nur den Verteiler der Kooperationspartner aus der Wirtschaft nutzt, um auf die Aktionen hinzuweisen.

Sicherlich hat auch Campact das Potential Dinge zu bewegen und Bürger stärker in politsche Entscheidungen einzubeziehen.  Was ja eine gute Sache ist. Mehr zum Thema demnächst unter: www.elektrischer-reporter.de.