Wirtschaft


Alphabet

Volkswagen das Auto, Apple der Computer, McDonalds „ich liebe es“ und nun auch Troll das Getränk und das Google Alphabet.

Anstatt selbst unverwechselbare Eigennamen zu ersinnen oder griffige Typenbezeichnungen, bedienen sich Unternehmen bei der Benennung ihrer Produkte oder Sparten mehr und mehr am allgemeinen Wortschatz. So weit so gut. Schließlich ruft ein gekonnt gewählter Name gutmeinende Assoziationen im Sinne der Firma hervor.

So weit so schlecht. Schließlich werden die genutzten Bergriffe und Redewendungen von der allgemeinen, rechtefreien Nutzung mehr oder weniger stark ins Privateigentum überführt und sind von da an nur noch eingeschränkt nutzbar.

Selbst wenn für den Privatmensch auch zukünftig keine Nutzungsgebühren für Wörter wie „das Auto“ oder Redewendungen wie „ich liebe es“ anfallen dürften, so findet doch eine Bedeutungsverschiebung statt.

Wer nur ausreichend dem Werbedruck ausgesetzt ist, wird bei „ich liebe es“ fortan immer den schlechten Geschmack einer Hackfleischbulette auf der Zunge spüren. Man mag sich dazu entsprechende Bilder ausmalen, in denen man das einfach nicht will. „Ich liebe es wie du …. „. Nein, ich möchte nicht darüber nachdenken müssen, in welchem Kontext ich Begriffe nutze und wo sie vielleicht unpassend wirken, weil sie auf immer von einer Werbebotschaft überlagert werden.

Doch seit heute gehört auch der Begriff Alphabet zur Gruppe jener Vokabeln, die kaum noch einsetzbar sind, ohne dass im Hinterkopf eine Markenbotschaft aufleuchtet. So ist es gewollt aber so sollte es nicht sein. Denn für mich ist das eine unzulässige Enteignung von sprachlich / kulturellem Allgemeingut.

Es verhält sich quasi umgekehrt zur Diskussion der Panoramafreiheit, wo Urheber fordern, dass in der Öffentlichkeit installierte, urheberrechtlich geschützte Werke oder Gebäude nicht mehr ohne weiteres ohne Gebühr abgebildet werden dürfen.

Doch weil das so ist, sollten wir dazu übergehen, von Unternehmen in einem solchen Fall der Entlehnung von Firmen- oder Produktbezeichnungen Lizenzgebühren zur Zahlung an die Allgemeinheit der Sprecher einer Sprache zu fordern und wir sollten es nicht hinnehmen, dass der Sprache Wörter, Begriffe und Redewendungen entrissen werden und fortan nur noch eingeschränkt nutzbar sind oder dass deren Bedeutung entstellt wird. Wir dürfen die Rechte an unserer Sprache nicht herschenken!

Vielleicht ist es ja ein Zufall: Auf Seite 2 berichtet das Handelsblatt heute klein über die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. (Caritas in veritate), in der er sich gegen „ein rücksichtsloses Profitdenken und für Moral und Ethik im Wirtschaften“ einsetzt.

Blättern wir dann weiter in die Finanzzeitung auf die Seiten 22/23, reichen schon die Überschriften, um zu sehen, was Sache ist bzw. wie weit der Papst von den Finanzzentren entfernt ist:

„Und ewig lockt das schnelle Geld“

“ Gedemütigte Banker greifen an“

„Die dicken Boni sind zurück“

„Nur die Visitenkarten ändern sich“

Wie gesagt, das sind nicht etwa die Überschriften einer Woche, sondern einer Doppelseite an einem Tag.

Vielleicht ist deshalb auch die Handelsblatt-Finanzzeitung (Aufmachung: „Das ewige Kasino“) vom Rest der Zeitung getrennt, weil die Finanzwelt eben in sich geschlossen ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Diese Regeln widersprechen in nahezu allen Punkten, dem was der Papst in seiner Enzyklika fordert.

Elektroautos sind groß in Mode: Bei den Herstellern, in den Medien und vielleicht auch bald bei den Kunden. Durch eine gefühlvolle PR sollen die Autofahrer auf den Kauf eines E-Mobils vorbereitet werden. Die Botschaft: Du Autofahrer mußt auf nichts verzichten. Dein Auto hat sogar noch so etwas wie einen Tank, da kannst du wie bisher den Tankrüssel reinstecken.

An das Paradigma vom steten Wechsel aus ‚Fahren – Tanken – Fahren‘ klammern sich Verbraucher, Industrie und Berichterstatter. Denn wann immer eines dieser neuartigen Wundervehikel abgebildet wird, steht es irgendwo und wird aufgetanktladen. Dabei ist dort wo sonst der Tankschlauch steckt, ein Kabel angeschlossen.

Das zeigt, wie schwer es uns fällt, nach etwas mehr als 100 Jahren Automobilgeschichte, in neuen Kategorien zu denken und das bestehende Autokonzept in Frage zu stellen. E-Autos zum Auftanken an einer Tankstelle oder zu Hause sind so sinnvoll wie eine Elektrolokomotive mit Kohletender.

Auslaufmodell Zapfpistole

Auslaufmodell Zapfpistole

Der einzige, der das Konzept Auto mit E-Motor konsequent gedacht hat ist Shai Agassi. In seinem Modell wird Mobilität zum Service. Wir können Fortbewegung buchen, so wie wir heute bei unserem Mobilfunkanbieter Kommunikation kaufen. Das Auto gibt es vielleicht sogar gratis dazu. Und Batterien werden nicht aufgetankt, sondern einfach an passenden Stationen innerhalb von Sekunden gewechselt.

Für dieses Konzept wirbt er Agassi schon seit einiger Zeit. Doch die Entwicklung in Sachen Auto wird bei uns leider in die falsche Richtung getrieben, weil eine konsequente Verkehrspolitik die bestehenden Strukturen aus Autokonzernen und Ölindustrie gefährden würden. Wir als Verbraucher sollen daher am Bild der Benzinkutsche festhalten und sehen aus diesem Grund immer E-Autos mit Tankrüssel in den Medien. Allein die unglückliche Abwrackprämie wird Innovation in diesem Bereich auf Jahre verhindern. Statt mit diesem Geld neue Mobilitätskonzepte zu fördern, setzten wir weiter auf die Überholte Technologie des Verbrennungsmotors.

Die Deutsche Bahn will mit einem neuen Service unter der Bezeichnng „The Indian Feeling“ wieder mehr Reisende in ihre alten IC-Züge locken. Ab sofort dürfen Passagiere in den Monaten Mai bis September auch auf dem Dach der Wagons mitfahren. Dazu wurden in den letzten Wochen neben den Türen spezielle Trittleitern angebracht und die Dächer mit Haltegriffen versehen.

Nach eigenen Angaben will die Bahn ihren Kunden die Faszination von Bahnreisen auf dem indischen Subkontinent vermitteln.

Ein Sprecher der Bahn bestätigte gegenüber diesem Blog: „Wir möchten unseren Kunden ein attraktives und günstiges Angebot machen. Unsere IC-Züge fahren so langsam, dass das Mitfahren auf dem Dach vollkommen ungefährlich ist“, sagt Hermann Mähdorn.

Die Fahrgäste hätten sogar einen deutlich erhöhten Reisekomfort gegenüber den Mitreisenden im Abteil. „Auf dem Dach herrscht stets ein angenehmes Klima“, erklärt Mähdorn. Auch von den beim IC stets übel stinkenden Bremsen bekomme man nichts mit. Außerdem böte das Fahren auf dem Dach einen natürlich Schutz vor Vieltelefonierern.

Bei Regen sollen Planen aus den Altbeständen der NVA an die Dachpassagiere ausgegeben werden. Das Angebot gilt nur für Inhaber einer Bahncard, die schon Bahncomfortpunkte gesammelt haben. „Wir müssen dieses attraktive Angebot limitieren, weil die Nachfrage einfach zu groß ist,“ sagt der Sprecher. Das hätte die Marktforschung ergeben.

Bahnexperten vermuten jedoch, dass die Bahn mit dem Angebot „Indian Feeling“ nur von dem Umstand ablenken will, dass sie einfach nicht mehr über genug rollfähige Wagons verfügt, um in den Ferienmonaten allen Passagieren einen Sitzplatz anbieten zu können. „Da aber sowieso nur noch Menschen aus der unteren Einkommensgruppe die Bahn nutzen, ist das Angebot aus Sicht der Bahn konsequent“, meint Peter Bremser, Vorstand des Fahrgastverbandes Froh-Bahn.

Auch das Bundesverkehrsministerium äußerte sich positiv. „Wir hatten bereits über eine Abwrackprämie für Wagons unterhalten, dieses Thema ist mit „Indian Feeling“ aber nun glücklicherweise vom Tisch. Wir werden uns weiter voll auf die Autoindustrie konzentrieren“, sagt Ferdinand Päich, Sprecher im Bundesverkehrsministerium.

Buchen kann man „Indian Feeling“ hier.

Warum steht das Versandhaus Quelle kurz vor der Pleite? Weil es einen Katalog drucken will! Der Quelle-Katalog war damals bei meinen Eltern immer so etwas wie der Shoppinganteil des Internets: Da lag er dann, ausgedruckt auf dem Küchentisch. Man konnte darin surfen, blättern, sich die Sachen anschauen, die man gerne einmal hätte. Vom neuen Polstersessel über die Privilleg Waschmaschine bis zum ersten eigenen Farbfernseher oder den Staubsauger.

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Miele Staubsauger von Quelle, vermutlich 1981

Der Katalog war dick, sehr dick. Genau wie das Web heute beinhaltete er das zu seiner Zeit denkbare Warenuniversum. Den Duft der frisch gedruckten Seiten habe ich als Kind inhaliert, um dann immer studenlang in den Kapiteln über Fahrräder und Unterhaltungselektronik zu blättern. Meinen ersten Schaub-Lorenz-Cassettenrekorder durfte ich dort bestellen und habe ihn dann Weihnachten bekommen.

Der Quelle-Katalog hatte übrigens damit genau die Sinnlichkeit der Nutzung, die die Macher von Tageszeitungen auch von ihrem Produkt annehmen und er funktioniert trotzdem nicht mehr. Weil mittlerweile das denkbare Warenuniversum im Netz eben unendlich ist und die Zusammenstellung des Katologes eine Begrenzung, die kein Kunde mehr akzeptiert. Eben genau wie bei den Nachrichten.

Wir hatten immer viele Produkte von Quelle, von der Waschmaschine angefangen bis hin zum Staubsauger. Und der funktioniert immer noch – nach 28 Jahren! So eine Qualität gibt es heute gar nicht mehr. Ich werde ihn weiter in Ehren halten als Erinnerung an den Quellekatalog mit seinem herrlichen Duft. Da kann das Web wirklich noch nicht mithalten. Aber der Duft alleine rechtfertigt nicht mehr seine Herstellung.

Als Übersprungbewegungen (auch: Übersprung(s)handlung, Übersprungverhalten; engl.: displacement activities, gelegentlich auch: substitute activities oder behaviour out of context) werden in der Ethologie Verhaltensweisen bezeichnet, die vom Beobachter als „unerwartet“ empfunden werden, da sie außerhalb der Verhaltensfolge auftreten, in der sie einem unmittelbaren Zweck dienen.

Wenn ein Huhn angegriffen wird und es sich weder verteidigen noch fliehen kann, dann fängt es eben an zu picken.

Auch der der marktwirtschaftlich geprägte Mensch neigt zu Übersprungshandlungen. Wenn er vor einer drohenden Rezession werder fliehen noch ihre systembedingten Ursachen ändern kann, dann baut er eben Straßen.

Das jedenfalls schlagen jetzt die fünf Wirtschaftsweisen in ihrem Jahresgutachten vor. Der arme Mensch, das dumme Huhn.

PS: die OECD sagt zu diesem Thema übrigens Folgendes:

Recent phenomenal growth in energy and transport use has led to more pollution, resource depletion, congestion, and an increase in greenhouse gas emissions, which all contribute to climate change.

Aber was rege ich mich auf. Schon die in dieser Woche vorgestellte Studie der OECD zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels und möglichen Reaktionen darauf wurde in den Medien mehr oder weniger totgeschwiegen.

Wir haben ja Finanzkrise und der Autoindustrie geht es schlecht. Wenn wir die wirtschaftlichen Folgen des Kilmawandels spüren ist es noch früh genug, sich damit zu beschäftigen. Eins nach dem anderen.  Außerdem können wir dann immer noch behaupten, dass man das mit diesen drastischen Klimafolgen ja nicht hätte ahnen können.

Aber vielleicht werden dann in 30 Jahren die jüngeren Leute in fragen: „Warum habt ihr nichts unternommen? Ihr wußtet doch alle Bescheid!“

Frühstück – Zeitunglesen, obwohl alles auch schon online ist. Manche lernen es nie, so wie ich. Doch das könnte sich vielleicht nach dem heutigen Tag ändern. Weil die Süddeutsche Zeitung an den Rand der Stadt Gesellschaft gezogen ist, glaubt sie, mich mit einem Berg sinnlos bedrucktem Papier zumüllen zu dürfen.

Nicht nur Online scheint Spam also ein gutes Geschäft zu sein. Denn auf sage und schreibe 56 Seiten Umzugsbeilage (Abschied und Aufbruch) feiert der Verlag seinen Umzug in ein neues Hochhaus „mitten in einem Gewerbegebiet, wo die Stadt München gerade beginnt, architektonisch und stadtplanerisch auffällige Akzente zu setzen“. Schöner als Chefredakteur Hans Werner Kilz in seinem Editorial kann man „wir ziehen in die Wüste“ nicht umschreiben. Und deshalb meutern er und seine Redaktion auch gegen diese Entscheidung, die gemütliche Innenstadt mit ihren guten Einkaufsmöglichkeiten zu verlassen.

Kilz, indem er Bürgermeister Ude mit den Worten „Wer aus der Sendlinger Straße, …, nach Steinhausen, also in ein städtebauliches Wildschweingehege umzieht, muss ein ziemlicher Depp sein“. Und die Redaktion übt den stillen Protest, indem sie eine fantasielose Beilage in buchstärke produziert, wie es sie selten gab. Ich lese einen Nachruf auf den Paternoster, letzte Worte, und einsame Texte über Hochhäuser, überflüssige Geschichten über das Arbeiten in Großraumbüros. Ja man nimmt mich sogar mit auf einen „Streifzug durch das Niemandsland“.

An dieser Stelle standen mir die Tränen in den Augen und ich bekam schreckliches Mitleid mit den Redakteuren der SZ, auch weil ich wusste, dass die Kollegen hier nicht freiwillig hingezogen sind. Sie wurden gezwungen und zwar vom grausamen Kapital wie Kilz schreibt: „Nun, wir sind nicht freiwillig gegangen. Wir mussten weichen. Wenn exzellente Innenstadt-Lagen „kapitalisiert“ werden, spielen Standortfaktoren wie Tradition, Urbanität und Nähe zum innerstädtischen Leben keine Rolle mehr.“

Was da wohl die Bürger Wildschweine aus Steinhausen sagen? Aber sie werden es „irgendwo zwischen S- und Autobahn, zwischen Handymast und Wertstoffhandel“ vermutlich nicht einmal merken, denn wer dort wohnt, liest keine so tollen Zeitungen wie die SZ. Schon gar nicht hat er die Nachbarschaft der Münchener Verlagselite verdient. Wenigstens ein Erste-Klasse-Abteil für die Redakteure und Verlagsleute in der U-Bahn hätte der MVV vorher einrichten können.

Ich für meinen Teil dachte bisher, dass die SZ die größte überregionale (mit der Betonung auf über) Tageszeitung in Deutschland mit internationalem Anspruch sei und es darum eigentlich egal ist, wo die Redaktion arbeitet.

Aber nun gut, wo ist jetzt bitte der versprochene Aufbruch geblieben? Vielleicht auf Seite 15. Da erklärt mir Autor Christian Krügel immerhin „die Quadratur des Kreises“ doch er beschreibt leider nur das Kästchendenken der alten Ressorts und Redaktionsstrukturen. Die kurzen Wegen zur Onlineredaktion haben nur Prio drei, das kann ich der Grafik beim Artikel entnehmen.

56 Seiten uninspiriertes Jammern, dass kann einem schon fast den Start in den Tag verderben. Zum Glück sind auch Anzeigen abgedruckt. Und das scheint ja in der Zukunft der einzige Sinn von Zeitungen zu sein, folgt man der Aussage dieser Beilage. Was zwischen den Anzeigen steht, ist dann auch egal. Viel Spaß im neuen Gebäude!

PS: Liebe Ureinwohner von Steinhausen, nehmt es den Redakteuren der SZ nicht krumm, sie leben in ihrer eigenen Welt, ihrem neuen Glaspalast und werden sich schon noch an euch gewöhnen.

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