Man mag es kaum glauben aber die Grundidee hinter Google Wave ist mehr als 40 Jahre alt. Denn 1967 machte sich Ted Nelson daran, auf Basis des vom ihm erdachten Hypertext-Systems, unter dem Namen Xanadu eine allumfassende Bibliothek des Weltwissens zu entwickeln. Kern von Xanadu war ein ausgeklügeltes Dokumentenmanagementsystem.

Erst kürzlich machte mich @sixtus auf Xanadu aufmerksam und empfahl mir einen Wired-Artikel aus dem Jahre 1995 zur Lektüre. Zufällig schaute ich mir gleichzeitig noch die Wave-Präsentation auf Youtube an, und plötzlich war es so, als würde der Wired-Text genau das beschreiben, was bei Wave realisiert wurde:

Xanadu could (also) provide a tool for rational discussion and decision making among very large groups. In the Xanadu docuverse, an assertion could always be followed back to its original source. An idea would never become detached from its author. Public discussion on important issues would move forward logically, rather than merely swirling ineffectively through eddies of rhetoric. In fact, any reader could, by creating and following links, freeze the chaotic flow of knowledge and grasp the lines of connection and influence.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Wie das World Wide Web war Xanadu als dezentrales Speichersystem für Dokumente gedacht. Jedes Dokument in Nelsons Hypertext-Raum sollte eine absolut eindeutige Adresse (unabhängig vom Speicherort) besitzen. Innerhalb des Dokuments sollten selbst einzelne Zeichen direkt von anderswo adressierbar sein. Dokumente stellte sich Nelson als unlöschbare Einträge in einer globalen Datenbank vor. Man konnte zwar, so die Idee, eine neue Version veröffentlichen, doch die alte Version des gleichen Dokuments blieb verfügbar, und Unterschiede zwischen zwei Versionen ließen sich auf einfache Weise sichtbar machen. Zusammengehörende Dokumente sollten in parallelen Fenstern, so genannten transpointing Windows, samt den Verbindungen dazwischen angezeigt werden.

Verweise sollten bidirektional sein; wenn man eine Seite in Xanadu betrachtete, sollte man also auch sehen, welche anderen Seiten auf diese Seite verwiesen. Anstelle des im Web üblichen „Copy & Paste“, des einfachen Kopierens von Inhalten, sollten die Adressen von Inhalten an der Stelle, an der man sie benutzt, eingefügt werden. Wenn man also z. B. ein Buch zitiert, würde man einfach die Adresse (also die global eindeutige Nummer des Buches sowie die Zahl der zu zitierenden Zeichen) an der entsprechenden Stelle einfügen, nicht den Zitattext selbst (sog. Transklusion). Der Client (das Xanadu-Äquivalent zum Webbrowser) würde die entsprechenden Daten dann an der richtigen Stelle einfügen.

In mancher Hinsicht gingen bzw. gehen Ideen von Xanadu weit über das hinaus, was später durch das Internet realisiert wurde. Beispielsweise beinhaltete Xanadu ein Rechtemanagement, dass es ermöglichen sollte, Autoren bei der Nutzung ihrer Werke durch andere automatisch zu vergüten.

Und damit wird auch deutlich, welches Potential noch in Wave steckt. Wenn es so funktioniert, wie es sich die Entwickler vorstellen, lässt sich Wave um viele Module erweitern, wie eben ein Rechtemanagement.

Ted Nelsen war ein Visionär, der rund 30 Jahre an der Verwirklichung seines Traum zusammen mit anderen gearbeitet hat und aus verschiedenen Gründen gescheitert ist. Der Wired-Text ist wirklich lesenswert. Spannend ist nun, dass Google sich bewußt oder unbewußt eben genau diese Ideen zu nutze macht und es schafft, über die bestehende Systematik des Webs hinauszudenken. Während andere, wie Microsoft mit seinem Projekt Bing, im bestehenden Rahmen bleibt und Anwendungen für das Web erfindet, baut Google das Web ein Stück weit neu (Über die Vor- und Nachteile muss man sich dann noch gesondert unterhalten).

Wir haben Anfang Mai, doch der Ausdruck „Share Economy“ hat schon jetzt das Zeug das Buzzword 2009 zu werden. Alle redet nur noch vom Teilen. So wie auf der next09-Konferenz Anfang der Woche in Hamburg.

Wer nicht teilt ist doof – das war eigentlich schon immer so. Jedenfalls im Kindergarten und auch noch in der Schule. Die, die was abgegeben haben waren beliebt. Die, die alles für sich behalten haben, waren dagegen clever, zogen ihre Vorteile (und machten später Karriere). Und weil wir nach und nach alle erkannten, dass die, die nicht teilen, irgendwie erfolgreicher waren, haben wir uns das Teilen abgewöhnt. Schließlich war ja auch der Sozialismus früh gescheitert. Wer teilt ist doof.

Im Grund wurde die gesamte Gesellschaft auf dem Prinzip des „Nicht-Teilen-Wollens“ auf- bzw umgebaut. Was blieb ist ein Stück Sozialstaat (bei uns – zum Glück!) Umair Haque beschrieb auf der next in seinem Vortrag die Leitworte der heutigen Wirtschaftsordnung: Exploit,command, war, dominate, profit.

Auf Basis dieser Ideen entstand auch die modere Finanzwirtschaft, die nun gerade vor unseren Augen kollabiert aber mit gewaltiger Kraftanstrengung am Leben gehalten wird. Interessanterweise ist der einzige der hier (zwangsweise) teilt, der Bürger.

Und dieses Prinzip Eigennutz soll sich dank des Webs in Luft auflösen? Ist die „Share Economy“ etwa der neue Sozialismus oder ist die Moral (vom Teilen) nur die neue Gier der Cleveren, die noch nie selbst was abgegeben haben aber jetzt vom Teilen-Sollen reden.

Ich bin ehrlich gesagt noch unentschieden. Und wundere mich immer, warum es nie Kritik an Jeff Jarvis und seiner handlungsleitenden Maxime: „What would google do“ (implizit: do what google would do) gibt. Wie kann ein Quasi-Monopolist wie Google zur Share Economy passen? Become a monopolist, das Kapitel fehlt jedenfalls in seinem Buch.

Und vielleicht bedeutet share economy einfach nur Teilen aus Eigennutz und ist daher eben nicht der neue Sozialismus mit den neuen menschlichen Idealen wie Haque sie sich wünscht. Als da wären Nachhaltigkeit, Demokratie, Frieden, Gleichheit und Sinn. Jedenfalls müßten sich alle an diese Regeln halten, damit es funktioniert.

Dass Wirtschaft Krieg ist, glauben eh nur die, die sich in diesem Krieg befinden und ihn täglich führen und (bis jetzt) daran verdien. Die schönsten Beispiel liefern in diesen Tagen die Schaefflers, Porsches und Pieches. Ich weiß nicht, ob Google nicht auch dazu gehört, trotz der kostenlosen Dienste, die ich nicht missen möchte. Wer sich aber nie hat kompromittieren lassen, für den ist die Diskussion um die Share-Economy nur die Rückkehr zu alten, lange vergessenen Werten. Ist das nun wieder nur ein Trend oder eine nachhaltige Bewegung, ein ehrlicher Sinneswandel? Noch bestehen Zweifel.